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Marburg Ein Neustart ins Leben
Marburg Ein Neustart ins Leben
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11:00 05.06.2021
Rettende Organspende: Nach jahrelangem Warten hat Claus Kleinschmidt aus Amöneburg im Februar eine neue Niere erhalten.
Rettende Organspende: Nach jahrelangem Warten hat Claus Kleinschmidt aus Amöneburg im Februar eine neue Niere erhalten. Quelle: Ina Tannert
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Amöneburg

Claus Kleinschmidt kann sein Glück noch immer nicht ganz fassen, seit Jahren leidet er unter einer Nierenschwäche, die ihm schon mehrmals fast das Leben gekostet hätte – nun wurde ihm eine neue Niere transplantiert.

Der 64-Jährige muss auch nach der Operation weiter sehr auf sich achten, doch geht es ihm so gut wie seit Jahren nicht mehr. Im Februar fand die Transplantation am Marburger Uniklinikum statt, die neue Niere war für ihn nach der langen Wartezeit „das größte Geschenk, ein Neustart ins Leben“ und nicht zuletzt „eine schwere Gewissensentscheidung“.

Der Weg dorthin war schwer für den gelernten Polizeiobermeister und begann, als bei ihm 2007 eine Nierenschwäche diagnostiziert wurde. Anfangs reichten noch Medikamente und die Bauchfelldialyse zu Hause, damit er einen halbwegs normalen Alltag leben konnte. Irgendwann ging das nicht mehr, sein Zustand verschlimmerte sich ab 2014, „da ging es mir sehr schlecht, beide Nieren waren kaputt“, erinnert er sich.

Der Zusammenbruch folgte 2016, einem einschneidenden Jahr. Nachdem ihm eine Eiseninfusion, die für Dialysepatienten notwendig sein kann, verabreicht wurde, fiel er ins Koma. Erst fünf Wochen später wachte er wieder auf, konnte weder laufen noch sprechen, nichts in den Händen halten und musste sich mühsam zurück ins Leben kämpfen. „Da habe ich meine Grenzen aufgezeigt bekommen, das war hart – nur das Gehirn war noch gut, ich musste in der Reha alles neu lernen“, erzählt der Vater, der bis heute dankbar ist, dass ihm seine Ehefrau Marion und die gemeinsamen beiden Töchter zur Seite standen.

Seit dem Kollaps musste er zur Hämodialyse, zur Blutwäsche. Dreimal pro Woche verbrachte er mehrere Stunden im Dialysezentrum. Nach diesen Terminen, nach seiner Krankheit generell, richtete sich jeder Tag, jede Mahlzeit, jeder Urlaub der Familie, die gesamte Wochenplanung. „Ich kam irgendwann ganz gut damit zurecht, man muss sich mit der Krankheit arrangieren, sonst geht es nicht.“ Außerdem habe er „als Stammgast“ nun viele Bekannte in der Klinik, witzelt er. Und den Humor dürfe man trotz allem nicht verlieren, „der ist so wichtig“.

Das bange Warten auf eine Organtransplantation ging weiter, in 2018 folgte der erhoffte Anruf, ein Angebot für eine neue Niere über die europaweite Warteliste „Eurotransplant“. Claus Kleinschmidt machte sich auf ins Klinikum, war schon für die Operation vorbereitet, als die bittere Erkenntnis der Ärzte folgte: Die Niere war nicht gesund genug, für ihn nicht transplantationsfähig. Es folgte die Ernüchterung, darüber kam er tief enttäuscht nur schwer hinweg, wollte schon aufgeben, „zu der Zeit hatte ich mir das abgeschminkt“, verrät er.

Der nächste Schock folgte in der Pandemiezeit: Er infizierte sich mit dem Coronavirus, ein Risiko für seinen bereits geschwächten Körper. Doch er überstand die Infektion, die nur einen milden Verlauf nahm, „man kann ja auch mal Glück haben“.

Der schwere Umgangmit dem Tod

Dann folgte der Tag, den er sein Leben lang wohl nie vergessen wird, der 14. Februar dieses Jahres. „Morgens um 6 Uhr kam der Anruf und am Rosenmontag wurde ich um halb vier transplantiert.“ Das hat sich ins Gedächtnis eingebrannt, kann er heute dankbar berichten. Schon am Tag nach der Operation blühte er auf, „es ging mir richtig gut, ich wollte eigentlich sofort heim gehen“. Zwei Wochen musste er noch in der Klinik bleiben, sein Körper nahm das fremde Organ gut an, seitdem fühle er sich wie ein neuer Mensch.

Von wem die Niere stammt weiß er nicht, Organspender bleiben für die Empfänger anonym. Aber er ist sich sehr bewusst, dass dafür ein Mensch gestorben ist, der wahrscheinlich auch noch weiteren Schwerkranken das Leben retten konnte. „Ich schließe meinen Spender jeden Tag ins Nachtgebet mit ein“, verrät der 64-Jährige noch immer tief beeindruckt von der Erfahrung. Mit der Erkenntnis umzugehen, das sei schwer gewesen. Es brauchte viele Gespräche und Selbstüberwindung, damit er die Spende tatsächlich im Geist annehmen, das Erlebnis verarbeiten konnte.

Ein Prozess, den er mit anderen Transplantierten teilt: „Organspender retten teils fünf Menschen das Leben, vielen ist das gar nicht bewusst, sie machen anderen das größte Geschenk, das es gibt“, sagt auch Monika Bäcker vom „Förderverein Organspende – Hilfsgemeinschaft für Transplantierte und Dialysepatienten Marburg“. Sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, der für andere zugleich das Leben bedeutet, das müssen Betroffene wie Familien erst verkraften, „man muss das akzeptieren“, weiß Bäcker.

Er spricht offenüber Höhen und Tiefen

Claus Kleinschmidt hat diese Erfahrung gemacht, er spricht offen über die vielen Höhen und Tiefen seiner Krankheit und im Zuge der Spende, setzt sich wie der Verein dafür ein, dass das Thema mehr Raum in der öffentlichen Wahrnehmung einnimmt. Die meisten Menschen seien dazu bereit, nach dem Tod ihre Organe zu spenden, den letzten Schritt – sich einen Organspendeausweis zu besorgen – gehen jedoch noch immer nicht genug, findet er.

Am Tag der Organspende am Samstag wird bundesweit unter dem Motto „Richtig. Wichtig. Lebenswichtig“ auf den Mangel an lebensrettenden Organspenden hingewiesen. Noch immer stehen mehr als 9000 Menschen in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan, die meisten davon warten auf eine Spenderniere. Im Jahr 2020 gab es bundesweit 913 Organspender, das entspricht 11 Spenden pro eine Million Einwohner.

Weitere Informationen auf der Webseite des Fördervereins Organspende unter www.selbsthilfe-niere-marburg.de sowie unter der Mailadresse Info@selbsthilfe-niere-marburg.de. Der Stammtisch des Vereins trifft sich jeden zweiten Donnerstag im Monat, derzeit finden ab 18.30 Uhr Online-Treffen per Skype statt.

Von Ina Tannert