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Marburg Organisationen „One“ und „Ärzte ohne Grenzen“ äußern Kritik an Biontech
Marburg Organisationen „One“ und „Ärzte ohne Grenzen“ äußern Kritik an Biontech
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20:57 16.02.2022
Berittene Polizistinnen und Polizisten patrouillierten gestern anlässlich des Staatsbesuchs.
Berittene Polizistinnen und Polizisten patrouillierten gestern anlässlich des Staatsbesuchs. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Die Entwicklungsorganisation „One“ begrüßt den Aufbau von Impfstoffproduktionsstätten in Afrika, mahnt jedoch an, dass Biontech damit noch nicht seiner Verantwortung gerecht werde, für eine zügige und gerechte Verfügbarkeit von Impfstoffen zu sorgen. Für die Organisation sei die Weitergabe der Technologie, des Know-hows und idealerweise auch der Lizenzen an Hersteller in Afrika entscheidend, um den „gewaltigen Impfrückstand in Afrika“ aufzuholen und künftigen Pandemien schneller, effektiver und gerechter zu begegnen, teilte „One“ am Mittwoch mit. Die Organisation hatte zu einer Demonstration vor dem Gelände des Standorts Görzhausen aufgerufen – rund 20 Personen waren dem Aufruf gefolgt.

Karoline Lerche, Vize-Direktorin von „One“ Deutschland, teilte mit: „Für den großen Jubel ist es leider noch zu früh. Biontechs heutige Ankündigung ist ein erster und ein großer Schritt in die richtige Richtung.“ Aber der bisherige Widerstand des Unternehmens gegen das Teilen von Wissen um die mRNA-Technologie stimme die Organisation „immer noch skeptisch. Wir werden also genau hinschauen, was die nächsten Schritte sein werden“, so Lerche.

Nur etwa zwölf Prozent in Afrika vollständig geimpft

Es gehe nun darum, zügig die Produktion mit Fachkräften aus Afrika aufzubauen und die Module sowie das Wissen und die Technologie so schnell wie möglich afrikanischen Partnerunternehmen zu überlassen. „Aber alleine wird Biontech das Problem des grassierenden Impfstoffmangels und der Verteilungsprobleme in Afrika nicht lösen können – ,Biontainer’ hin oder her“, so Lerche.

Umso wichtiger sei es, dass Biontech nicht nur eigene Produktionsstätten in Afrika aufbaue, sondern auch tatsächlich bereit sei, Know-how und Technologie mit Pharmaunternehmen in Afrika zu teilen. „Wir werden genau hinschauen – und das sollte die Politik ebenfalls tun.“

In Afrika seien laut „One“ durchschnittlich weniger als zwölf Prozent der Menschen vollständig geimpft. Hierzulande hätten bereits mehr als 55 Prozent der Menschen eine Booster-Impfung erhalten, wohingegen in Ländern wie Tschad oder der Demokratischen Republik Kongo so gut wie niemand gegen Covid-19 geimpft sei. In Afrika finde lediglich ein Prozent aller weltweit vorgenommenen Impfungen statt. Die Afrikanische Union habe sich bis 2040 zum Ziel gesetzt, 60 Prozent der Impfstoffe selbst herzustellen, die auf dem Kontinent benötigt würden.

Im Vorfeld des gestrigen Treffens in Marburg hatte auch die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ Kritik geäußert. Biontech fahre eine „Blockadepolitik“ gegen eine schnelle Ausweitung der Impfstoffproduktion, hieß es.

Impfstoff-Expertin: „Der Plan dauert zu lange“

„Wir begrüßen, dass Biontech endlich Schritte zur Produktion von mRNA-Impfstoffen in afrikanischen Ländern unternimmt. Aber der Plan des Unternehmens dauert zu lange. So viel Zeit haben wir in der fortschreitenden Pandemie nicht“, sagt Lara Dovifat, Impfstoff-Expertin von „Ärzte ohne Grenzen“. Die Organisation habe in einer Studie 120 Pharmafirmen im globalen Süden identifiziert, die in der Lage seien, „innerhalb von Monaten in die Produktion von mRNA-Impfstoffen einzusteigen, würde Biontech einem Technologietransfer zustimmen“, heißt es.

Hintergrund: „One“

Die Organisation „One“ ist nach eigenen Angaben eine internationale Bewegung, die sich für das Ende extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten bis 2030 einsetzt, damit jeder Mensch ein Leben in Würde und voller Chancen führen kann.

„One“ versteht sich demnach als überparteilich und mache „Druck auf Regierungen, damit sie mehr tun im Kampf gegen extreme Armut und vermeidbare Krankheiten, insbesondere in Afrika“, heißt es. Zudem unterstütze „One“ Bürgerinnen und Bürger dabei, von ihren Regierungen Rechenschaft einzufordern.

In den Augen von Dovifat sei es zudem ein „Skandal, dass Biontech versucht, über eine intransparente Stiftung in Malta die Bemühungen der WHO zu sabotieren, einen mRNA-Impfstoff in Südafrika zu entwickeln“. Das Unternehmen versuche, „ein Projekt zu unterminieren, das auch mit deutschen Steuermitteln gefördert wird“, so die Behauptung – es gehe Biontech lediglich „um die Ausschaltung unliebsamer Konkurrenz“.

Vergangene Woche hatten die Tageszeitung „Die Welt“ und das „British Journal of Medicine“ geschrieben, dass die von Biontech mitfinanzierte maltesische Stiftung „Kenup“ Lobbyismus gegen den „Technology Transfer Hub“ der WHO in Südafrika betreibe. Die Stiftung schrieb demnach an mehrere afrikanische Regierungen, das WHO-Projekt zur Entwicklung eines patentfreien Impfstoffs müsse „umgehend beendet werden“ – wegen Sicherheitsbedenken.

Von Andreas Schmidt

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