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Marburg Todesangst: Das sagt das Opfer der Auto-Attacke
Marburg Todesangst: Das sagt das Opfer der Auto-Attacke
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16:57 23.04.2020
Der Angeklagte (links) mit seinem Verteidiger Thomas Strecker. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Das Opfer der Cappeler Auto-Attacke, des mutmaßlichen Mordversuchs eines 46-Jährigen hat vor dem Landgericht Marburg ausgesagt.

Die 41-jährige Bau-Ingenieurin schilderte neben dem Angriff in der Umgehungsstraße im Juni 2019 ihr jahrelanges Leben in einer Ehe, die geprägt war von Beleidigungen, Schlägen, Tritten, Todes-Bedrohungen und Erwürge-Versuchen.

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„Die Normalität war: Er hat und darf alles, ich habe und darf nichts. Gewalt gab es ständig, er war leicht reizbar, bei jeder Diskussion etwa um sein Verhalten oder Kindererziehung gab es für ihn nur Schwarz-Weiß, er brüllte, schrie, erniedrigte mich. Das hat mich jahrelang verletzt, irgendwann habe ich es einfach ausgehalten“, sagte sie.

Die gemeinsamen Kinder – heute 16 und 12 Jahre alt – hätten die Tiraden und Gewaltausbrüche in der kleinen Wohnung in Cappel fast immer mitbekommen, zuletzt sei zumindest der ältere Sohn vom Vater auch massiv beleidigt worden.

Tatort vor der Cappeler Feuerwehr

Die Gewaltgeschichte, die kurz nach der Heirat noch in Algerien im Jahr 2002 begann, gipfelte in einem - so sieht es die Staatsanwaltschaft - Mordversuch im Sommer 2019. Die 41-jährige Mutter über das, was ihr Ende Juni vergangenen Jahres in der Umgehungsstraße widerfuhr.

Auf ihrem Arbeitsweg von Cappel, so steht es in der Anklageschrift, habe ihr 46-jähriger Ehemann ihr aufgelauert, seinen Geländewagen auf dem Gelände der Cappeler Feuerwehr strategisch so geparkt, dass er mit dem 262-PS-starken SUV absichtlich frontal in ihr aus dem Dorfwiesenweg kommendes Auto fahren könne – was er so auch tat.

„Ich habe nur den Knall gehört und gespürt“

„Nach all dem was er in den Wochen vorher gesagt, jahrelang gedroht hat, dass er nur eine Sekunde brauche um mich zu töten, glaube ich schon, dass er mich damit verletzten oder töten wollte“, sagt sie. Gerade als sie rechts abbiegen wollte, sei ihr das gegenüberstehende, rollende Auto aufgefallen. Sie habe dann ihren Mann erkannt und sofort Angst, „einen richten Schock bekommen“, sei instinktiv losgefahren – dann habe es schon den Aufprall gegeben.

„Ich habe nur den Knall gehört und gespürt.“ Sie habe sofort hinter sich geschaut, da sie damit rechnete, dass der 46-Jährige aus dem SUV steige und sie „rauszerren“ würde. Umgehend habe sie, leicht an Schulter und Beinen verletzt Gas gegeben und sei mit dem kaputten Mercedes zum Polizeirevier gefahren.

Opfer: Er fuhr „direkt und in gerader Linie“

Kurz vor der Attacke schickte er eine Nachricht, von Prozessbeteiligten als Abschiedsbrief interpretiert an den jüngeren Sohn. „Ich hab dich lieb“, stand darin. Etwas, das er vorher nie getan habe, wie die Zeugin sagte, der im Nachgang der Tat von Verwandten auch gesagt wurde, dass ihr Mann schon zwei weitere Mordversuche auf sie geplant gehabt, aber nie ausgeführt hätte.

Bei dem Angriff in Cappel sei er jedenfalls „direkt und in gerader Linie“ auf sie zugefahren, erklärte sie auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Dr. Frank Oehm. Der Angeklagte, der beim Prozessauftakt noch schwieg, sagte am zweiten Verhandlungstag spontan aus und schilderte den Vorfall anders.

Angeklagter: Das war ein Versehen

„Es war ein Unfall“, sagte er. Eigentlich habe er das Auto im Dorfwiesenweg nur blockieren, sich vor den Mercedes stellen und mit seiner Frau reden wollen. Laut seiner Version stand er mit dem geliehenen Geländewagen vor dem Feuerwehr-Parkplatz und rammte das Auto nur versehentlich. Per Lichthupe habe er an der Haltelinie zur Hauptstraße stehend Signale gegeben.

Nach einer durchzechten, von Koks-Konsum begleiteten Nacht in einem Bordell bei Gießen, habe er in Schlappen gekleidet im SUV gesessen und den Abstand – rund zehn Meter liegen zwischen den Einmündungen – „falsch eingeschätzt“ und „statt zu bremsen, Gas gegeben“; mit einem Auto, das er zuvor schon mehrmals fuhr.

„Ich bin am Vorabend ins Grübeln gekommen“

Ob das realistisch ist, wird ein Gutachter an den nächsten Verhaltungstagen anhand der Schadensbilder der Autos einschätzen. Nach dem Aufprall sei er „geschockt“ gewesen, habe aber angesichts seines Alkohol- und Drogenpegels vor allem um seinen Führerschein gefürchtet, weshalb er abgehauen, sich stundenlang im Wald versteckt und später für zwei Tage, bevor er sich selbst der Polizei stellte bei einem Bekannten in Wehrda aufgehalten habe.

Dass er schon vorher Mordversuche geplant, gar unternommen habe, bestritt er. Und der Grund, warum er eineinhalb Jahre nach der Trennung und gerichtlich verhängtem Annäherungsverbot bei ihr auftauchte? „Ich bin am Vorabend ins Grübeln gekommen, habe an meine Kinder gedacht und viel geweint. Da kam ich auf Idee, hinzufahren.“

  • Nächster Verhandlungstag: Dienstag, 28. April, 9 Uhr (Saal 101).

Von Björn Wisker

 

Erster Verhandlungstag

Auto-Angriff in Marburg: War es versuchter Mord?

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