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Marburg Satan blockiert die Kirchentür
Marburg Satan blockiert die Kirchentür
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17:00 20.10.2019
"Ich war gefangen in der Kontrolle dieses Mannes. Ich hatte nichts – außer Angst." Kai Moritz spricht über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.  Quelle: Foto: Friso Gentsch
Marburg

Das Zimmer seines Peinigers liegt genau gegenüber. Es sind nur wenige Schritte über den Korridor, der den Wohnbereich mit dem Altarraum verbindet. Kai Moritz hört das Knarzen in dem alten Gebälk. Er ist zehn Jahre alt und sehr traurig.
Wir schreiben das Jahr 1986 und hier in dem kleinen Pfarrhaus in der hessischen Provinz ist alles anders. Anders, als Moritz es kennt. Seine Großeltern, die im fernen Bonn leben, fehlen ihm. Am meisten fehlt ihm aber seine geliebte Mutter.

Moritz hat ihren Kampf mit dem Brustkrebs und das bittere Ende hautnah miterlebt. Es erscheint ihm, als sei es erst gestern gewesen. Nach ihrem Tod entscheidet die Familie, dass der Cousin die Erziehung des kleinen Kai übernehmen soll. Logisch. Schließlich ist der nahe Verwandte ein angesehener Mann. Ein Mann der Kirche. Ein Pfarrer.

Und genau an dieser Stelle beginnt die Geschichte einer Kindheit, die nie wieder unbeschwert sein wird. Ab jetzt geht es um pervertierte Liebe, um Abhängigkeit und Wegsehen, um Eifersucht, Entwurzelung und den Gedanken, sich einfach aus diesem dunklen Leben zu verabschieden.

„Mit der katholischen Kirche hatte ich damals nichts am Hut“, sagt Moritz heute rückblickend. Dabei schaut er mit wachen Augen in die Kamera seines Laptops. Während der Video-Schaltung wirkt es fast so, als würde er irgendeine – und nicht seine Geschichte erzählen: „Erst jetzt, mit über 40 Jahren habe ich das erste Mal das Gefühl, wirklich Herr der Lage zu sein“. Lange Zeit hat er geschwiegen, wollte und konnte sich niemandem anvertrauen. Zu groß war die Scham.

Zu komplex das Verhältnis zu seinem Ziehvater. Auf den Tod der Mutter folgte die „totale Entwurzelung“, die nicht nur räumlicher, sondern auch geistiger Natur war, sagt Moritz: Der kleine Junge wird von seinem neuen „Vater“ unverzüglich in das Gemeindeleben eingeführt. „Also bin ich erst Mal katholisch geworden. Damit ich gleich am Kommunionsunterricht teilnehmen konnte“, sagt Kai Moritz.

"Er musste sich erstmal rantasten"

Schnell findet sich der Schüler in der neuen Welt aus Gebeten, Gesängen und Gottesdiensten zurecht. Im Rückblick eine eher merkwürdige Entwicklung für Moritz: „Ich war total überbewertet in dieser Gemeinde. Ich war elf oder zwölf und bin Küster geworden. Ich war ein Kind und war in der Hierarchie gleich am oberen Ende der Nahrungskette. Die Leute aus der Gemeinde fanden das natürlich irgendwie komisch.“

Die enge Bindung an das Pfarrhaus ist jedoch gewollt. Denn so hat der Pflegevater die volle Kontrolle über seinen „Schützling“. Das Leben des Kai Moritz spielt sich ab diesem Zeitpunkt fast ausschließlich im kirchlichen Umfeld ab.
„Das ging eigentlich sofort los“, antwortet Moritz auf die Frage, wie lange es gedauert hat, bis es zu den ersten Übergriffen gekommen ist? Am Anfang sei sein Pflegevater aber „noch nicht in die Vollen“ gegangen.

„Er musste sich erst mal rantasten“, berichtet Moritz nüchtern. „Man liegt abends vor dem Fernseher, hält sich vielleicht im Arm. Das kann eine Harmlosigkeit haben, die es in meinem Fall aber von Anfang an nicht hatte.“ Die Annäherungen wurden in der Folge immer intensiver, erinnert sich Kai Moritz an die ersten Wochen in seinem neuen Zuhause: „Streicheln kam hinzu. Zuerst ein Kuss, dann kommt das Entkleiden“.

Nach ein paar Monaten habe es dann einen „qualitativen Sprung“ gegeben. Die erste Penetration. Der Kirchenmann erklärt dem kleinen Jungen, dass dies ein logischer, nächster Schritt sei – auch wenn es sich merkwürdig anfühle. Dieser müsse aber unter ihnen bleiben. Moritz erinnert sich in diesem Zusammenhang an eine Episode, als seine Großeltern zu Besuch im Pfarrhaus waren.

Diese wollten wissen, wie es ihrem Enkelchen denn so gehe. Moritz habe in seiner jugendlichen Unbekümmertheit gesagt, dass er zusammen mit seinem Ziehvater „so Sachen“ machen würde. „Dafür habe ich unter dem Tisch einen Tritt von ihm kassiert“, sagt Kai Moritz. Die erzkatholischen Großeltern hätten daraufhin nicht weiter nachgefragt.

Gefühl der eigenen Schwäche und Unvollkommenheit

Anschließend an diese unschöne Küchenszene beschloss der Pfarrer, die Telefone mit einem Schloss zu sichern, sodass er den Kontakt des kleinen Kai mit der Welt außerhalb der Kirchenmauern genau kontrollieren konnte. Die Tage gingen dahin und aus dem kleinen Jungen – der einst bei seiner Mutter in großer menschlicher Nähe und Liebe aufgewachsen, und dadurch auch sehr vertrauensseelig war – wurde ein Pubertierender, der nicht wusste, wo er hingehört.

Das Gefühl der eigenen Schwäche und Unvollkommenheit verfestigte sich, als sein Peiniger den bischöflichen Auftrag erhielt in einer Gemeinde im Landkreis Marburg-Biedenkopf tätig zu werden. Natürlich musste Moritz dafür nicht nur den Wohnort wechseln sondern auch die Schule. „Ich war ein hundsmiserabler Schüler“, sagt Moritz. Und auch die Klasse, in die er versetzt wurde, konnte nichts mit dem neuen Mitschüler anfangen.

„Dort wurde ich als schwule Sau bezeichnet. Keiner konnte wissen, was mir zu dieser Zeit passierte. Aber ich habe natürlich gedacht: 'Gott, man sieht mir etwas an. Ich hab so ein Stigma, dass ein Mann mit mir schläft.'“ Ein gefundenes Fressen für die Klassenkameraden war auch seine zu dieser Zeit mangelnde Körperhygiene. Moritz habe durch die sexuellen Übergriffe ein abstoßendes Gefühl gegenüber seinem Körper entwickelt.

„Ich habe meinen Körper praktisch von mir abgespalten.“ Mitschüler hätten ihn dann unter die Dusche gepackt, „damit die schwule Sau endlich mal sauber wird“, berichtet Moritz. Es sei damals eine bizarre Situation gewesen: Auf der einen Seite habe er – zum Beispiel beim Duschen nach dem Sportunterricht – unheimlich viel Scham verspürt. „Auf der anderen Seite war da diese sexuelle Schrankenlosigkeit“, die er im Pfarrhaus erfuhr.

In der neuen Gemeinde spielte der Heranwachsende jedoch eine andere Rolle als in der Schule: „Ich hatte das Gefühl, ich weiß wie ‚katholisch‘ geht – wie man eine Messe leitet und habe auch dementsprechend das Maul aufgerissen.“ Sein Verhalten und Auftreten sieht Moritz, der heute als Schauspieler arbeitet, äußerst selbstkritisch: „Ich hätte mich damals auch 
für ein Arschloch gehalten.“

Aus der betroffenen Gemeinde hört man, dass der Pfarrer und sein Ziehsohn damals schon ein merkwürdiges Bild abgegeben hätten. „Hätte ich was merken können oder sogar müssen?“, fragen sich heute einige Gemeindemitglieder, die sich an den pubertierenden Kai erinnern.

Das ist lange her. Und doch richtet Kai Moritz seine Aufmerksamkeit noch immer auf seinen Peiniger. Zu lange hat es gedauert, über die nächtlichen Übergriffe sprechen zu können – geschweige denn, sie zu verarbeiten. Einem Mitschüler vertraute Moritz sich einst an, sagte ihm aber auch gleich, dass er sofort alles abstreiten würde, wenn dieser etwas erzählen würde. Also blieb da weiter dieses monströse Geheimnis.

Kai Moritz weiß, dass er weg muss. Raus aus dem Pfarrhaus, raus aus der hessischen Provinz und weg von diesem Mann, der ihm immer wieder sagt: „Ohne mich kannst du eh nichts.“ Also strengt er sich an und wird besser in der Schule. Er lernt seine erste Freundin kennen. Natürlich zum Missfallen des Pfarrers, denn plötzlich war Eifersucht im Spiel: „Und zwar ziemlich heftig. Er hat sie immer wieder als Nutte beschimpft“, sagt Moritz.

Zu dieser Zeit habe er es einfach noch nicht geschafft, sich zu lösen. „Ich war gefangen in der Kontrolle dieses Mannes. Ich hatte nichts – außer Angst.“ Moritz schafft es auf das Gymnasium – und schließlich auch das Abitur. In der Oberstufenzeit nehmen die Übergriffe des „Seelsorgers“ ab. Auch weil Moritz immer häufiger unterwegs ist. Die übrige Familie habe ihm das teilweise als Undankbarkeit gegenüber dem Pflegevater ausgelegt, sagt er heute.

1995 zieht Moritz für seinen Zivildienst nach München. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt – doch die alten Wunden wollen nicht heilen. Unter der Oberfläche drängt der Schmerz nach oben und entlädt sich schließlich nach einem weiteren einschneidenden Erlebnis: Die Wohnung des jungen Zivis brennt nach einem FondueAbend mit Freunden ab.

Stellungnahme der Kirche

Das Erzbistum Bamberg hat laut eigener Pressemitteilung Ende Dezember 2018 Strafanzeige gegen einen Priester des Bistums Limburg bei der Staatsanwaltschaft Marburg gestellt. „Der Beschuldigte soll von 1986 bis 1993 einen minderjährigen Jungen mehrfach sexuell missbraucht haben. Die Taten sollen im Bistum Limburg verübt worden sein“, heißt es dort weiter. Auf Anfrage der OP äußert sich das Bistum in Limburg wie folgt: „Bischof Dr. Georg Bätzing und der Beauftragte für Missbrauchsverdacht des Bistums haben keine Anhaltspunkte, den Ausführungen von Herrn Moritz keinen Glauben zu schenken.“

Moritz telefoniert danach mit der besten Freundin seiner verstorbenen Mutter und berichtet ihr auch von den sexuellen Übergriffen des Pflegevaters. Die Bekannte reagiert sofort, wendet sich an den „Täter“ und das Bistum in Limburg. Bei dem Gespräch mit einem Kirchenvertreter wird Moritz gefragt, ob er es sich wirklich aufladen wolle, ein komplettes Leben durch eventuelle juristische Schritte zu zerstören.

Immerhin zeige sich der Pflegevater als reuiger Sünder – die Kirche habe ihm bereits vergeben. Moritz berichtet weiter, man habe ihm gesagt, es würde nichts bringen, „einen Pädophilen in den Knast zu sperren“ – diese würden sowieso unverändert aus dem Gefängnis kommen. Schmerzensgeld bekomme er auch keines, aber ­eine psychologische Betreuung könne man ihm stellen, erklärt ihm ein Kirchenvertreter damals.

Moritz nimmt die psychologische Hilfe in Anspruch und verzichtet auf eine Anzeige. Der übergriffige Pfarrer wird Mitte der 90er-Jahre in einer größeren Pfarrei untergebracht, mit der Begründung, dass es dort mehr Kontrollmöglichkeiten gebe. Messen darf er weiter halten.

Hatte Kai Moritz vielleicht noch auf ein Art Schuldeingeständnis oder wenigstens eine Spur des Bedauerns für das ihm Widerfahrene gehofft, so fördert das damalige Gespräch mit seinem Peiniger nur noch mehr Leere in ihm zutage. Sein Peiniger habe ihn doch geliebt und nur sein Bestes gewollt.

Und dann sieht sich Moritz wieder als Kind. Als Junge, der noch kein Verständnis von körperlicher Liebe besitzt. Er sieht sich in dem kleinen Kämmerlein des alten Pfarrhauses und den erwachsenen Mann über ihm. „Du, so ist es richtig. So muss es sein“, atmet der Mann ihm entgegen. Missbrauch beginne mit dem kleinsten Übertritt, der die Würde eines Menschen verletzt, sagt Moritz heute. Es sei einfach „pervers“ gewesen.

Auf einmal wurde er ernstgenommen

15 Jahre lang, vom Studium über die erste Berufszeit hinweg habe er alle zwischenmenschlichen Beziehungen „gegen die Wand gefahren“, sagt Moritz über sich. Er habe nicht gewusst, wie Liebe und Körperlichkeit zusammenpassen. Er versucht sich, sogar das Leben zu nehmen. Mehrere Male.

Im Zuge der „MHG-Studie“, die im Jahr 2018 zum Thema „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester“ veröffentlicht wird, spricht Moritz mit einem priesterlichen Freund über seine Leidensgeschichte. Der Freund ist fassungslos, dass der Täter von damals noch immer Messen hält. „Da müssen wir was machen“, sagt er.

Seither ist viel passiert: Der emeritierte Pfarrer ist offiziell suspendiert. Ein Verfahren bei der Staatsanwaltschaft wurde eingeleitet, aber aufgrund der Verjährungsfrist beendet. Das kirchliche Verfahren laufe noch. „Für katholische Verhältnisse war dies alles aber Lichtgeschwindigkeit“, sagt Moritz.

Auf einmal werde er ernstgenommen. Das Bistum Limburg könne sich glücklich schätzen, einen so bemühten Bischof wie Georg Bätzing zu haben, sagt Moritz. Es tue ihm leid und der Vorfall beschäftige ihn sehr, sagt Bätzing in einem persönlichen Gespräch mit dem Missbrauchsopfer.

„Die Kirche war mein Leben“, sagt Kai Moritz. Immer wieder habe er versucht, sich ihr zu nähern. „Ich wollte mir meinen Glauben nicht nehmen lassen, aber ich scheitere immer wieder. Es ist, als stünde der Satan höchstpersönlich vor der Kirchentür, der mich nicht hinein lassen will.“

  • Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie sich in einer verzweifelten Lage befinden, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800 / 1 11 01 11 oder 0800 / 1 11 02 22 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufgezeigt haben.     

von Dennis Siepmann