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Marburg Stark sein und durchhalten
Marburg Stark sein und durchhalten
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22:41 18.03.2022
Immer ein Handy am Ohr: Die Ukrainerin Olena Manko koordiniert nun für TerraTech von Marburg aus die Hilfe im Kriegsgebiet in Kiew.
Immer ein Handy am Ohr: Die Ukrainerin Olena Manko koordiniert nun für TerraTech von Marburg aus die Hilfe im Kriegsgebiet in Kiew. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Olena ist eine starke Frau. Eine Kämpferin. „So sind wir Ukrainerinnen alle. Es liegt in unserem Blut“, sagt die Frau mit den blonden Haaren und den müden Augen und stemmt ihre Hände in die Hüften. „So stehen wir“, erklärt die 36-Jährige im Garten von TerraTech und ringt sich ein erschöpftes Lächeln ab.

Hier bei der Marburger Hilfsorganisation ist die Ukrainerin untergekommen. Auch ihre Mutter und ihre Schwägerin mit deren beiden Kindern konnten aus Kiew nach Marburg fliehen. Hier von Marburg aus koordiniert Olena Manko die Hilfe für ihre in der Heimat gebliebenen Landsleute.

Unentwegt hat sie ihre beiden Handys in der Hand, telefoniert und schreibt Nachrichten am laufenden Band. Olena leitet in Kiew eine Hilfsorganisation, die sich für Jugendförderung stark macht. Ihre Herzensangelegenheit sind behinderte Kinder und Jugendliche. „Inklusion ist mein großes Thema“, sagt sie bestimmt. Seit drei Jahren arbeitet Olenas Organisation mit TerraTech zusammen. Nun ist das Marburger Büro in der Zeppelinstraße zur Schaltzentrale für die humanitäre Hilfe direkt im Kriegsgebiet geworden.

„Das Gute für uns ist, dass Olena ein sehr breites Netzwerk und den direkten Draht zu den Bedürftigen vor Ort hat“, sagt Andreas Schönemann. Der Geschäftsführer von TerraTech bereiste 2019 selbst die Ukraine und traf sich mit Partnerorganisationen. Auch bei ihm ist die Betroffenheit über Putins brutalen Angriffskrieg spürbarIn den vergangenen Tagen hat die russische Armee die Schlinge um Olenas Heimatstadt Kiew immer fester zugezogen. Die humanitäre Lage wird immer dramatischer. Der Krieg trifft die Schwächsten am schlimmsten. „Die Menschen, die bis zuletzt in Kiew bleiben werden müssen, sind vor allem alte und behinderte Menschen. Sie kommen nicht raus“, sagt Olena.

Sie ist froh, dass ein Teil ihrer Familie in Sicherheit ist. Vor allem wegen der siebenjährigen Nichte habe sich Schwägerin Olia dazu entschieden, zu fliehen. „Sie waren tagelang nur im Bunker, die Kleine hatte große Angst.“

Zurückgeblieben sind Olenas Bruder und Vater, der Kontakt sei noch da. „Sie würden uns nie sagen, wie es ihnen wirklich geht. Sie wollen immer stark sein“, erklärt Olena. Diese nach außen demonstrierte Stärke scheint offenbar zur Natur der Ukrainerinnen und Ukrainer zu gehören. Auch Olena verbietet sich die Tränen im Gespräch mit der OP. „Glaub mir, wir weinen alle genug“, sagt sie bestimmt, strafft ihre Schultern und fügt hinzu: „Wir weinen – aber nicht vor Publikum.“

Mitleid will sie nicht, auf keinen Fall. Aber es ist ihr ein Anliegen, ihre Geschichte zu erzählen, auch wenn es ihr schwer fällt. „Wir wollen keine Flüchtlinge sein, wir wollen nicht, dass man sich um uns kümmern muss. Wir sind eigenständige Menschen, die für sich selbst sorgen wollen“, erklärt sie. Olena selbst war bei Ausbruch des Krieges nicht in der Ukraine. Das nagt an ihr, weil sie „den Schmerz, die Angst nicht am eigenen Leib erfahren“ habe.

Angst ist dennoch ein ständiger Begleiter für sie. Die Angst um den Bruder, den Vater. „Meine Eltern sind seit 40 Jahren verheiratet. Ich kenne kein Paar, das so eine innige Beziehung hat wie meine Eltern. Sie waren noch nie getrennt“, sagt Olena. Die Sorge um den Vater, aber auch um Freunde und Bekannte kann die 36-Jährige nur schwer in Worte fassen. „Wir verlieren geliebte Menschen. Alles verändert sich sekündlich. Wo eben noch ein Haus stand, ist jetzt vielleicht keins mehr.“

Hinzu kommt nun noch ein Gefühl, mit dem viele Geflüchtete zu kämpfen haben: Schuld. „Man fühlt sich schuldig, dass man selbst in Sicherheit ist und die anderen Menschen und sein Heimatland im Stich gelassen hat. Man ist so hilflos angesichts der schrecklichen Nachrichten.“

Gegen diese Hilflosigkeit und ihr ungutes Gefühl, zum ersten Mal selbst auf Hilfe angewiesen zu sein, kämpft Olena an. Sie koordiniert die Aktion „Nothilfe Ukraine“ bei TerraTech von Marburg aus. Genauso wie andere große Hilfsorganisationen betont TerraTech, dass derzeit Geldspenden am sinnvollsten seien, um die notleidenden Kriegsopfer zu unterstützen. Das sieht auch Olena so. „Der schnellste Weg, Menschen vor Ort zu helfen, ist mit Geld“, betont sie. Denn Banksystem und Geldwesen funktionierten in der Ukraine noch einwandfrei. Überweisungen kommen also direkt bei den Bedürftigen an. „Viele Menschen haben ihr Haus verloren, leben in Bunkern, dort ist es sehr kalt. Wir besorgen ihnen Schlafsäcke, Matratzen und Medikamente“, erklärt Olena. Geplant ist auch, einen Hilfstransport mit Medikamenten wie Insulin zu organisieren und von Deutschland in die Ukraine zu schicken. Die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren.

Es gibt viel zu tun für Olena. Sie muss stark sein und durchhalten. Kein Zweifel, dass sie genau das wird.

Von Nadine Weigel

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