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Marburg Freiheit auf dem Pferderücken
Marburg Freiheit auf dem Pferderücken
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07:58 25.08.2021
Quinevere Bohl während der letzten Pferdeshow in Lohra auf „Blümchen“. Die 17-Jährige trainiert Pferde ohne Sattel, Zügel und Zaumzeug über die Freiheitsdressur.
Quinevere Bohl während der letzten Pferdeshow in Lohra auf „Blümchen“. Die 17-Jährige trainiert Pferde ohne Sattel, Zügel und Zaumzeug über die Freiheitsdressur. Quelle: Privatfoto
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Lohra

Leichtfüßig läuft „Molly“ über das frische Gras der Wiese, Schulter an Schulter mit Quinevere Bohl. Als würde das Connemara-Pony praktisch „bei Fuß“ mit der 17-Jährigen laufen. Die junge Frau stoppt lachend, schnalzt kurz mit der Zunge und das Pferd läuft alleine weiter, zieht Kreise um seine Trainerin. Die freut sich: „Gut so, brav“, lobt sie. Wieder ein Stopp, eine Hand geht hoch, ebenso die Vorderbeine der weißen Stute. Sie steigt, stemmt die Hufe in die Höhe, donnert zurück auf das weiche Grün – und verbeugt sich galant.

Ein Kunststück jagt das nächste, wenn Quinevere Bohl aus Lohra mit einem ihrer Pferde eine Trainingsstunde einlegt. Dann ist die junge Frau in ihrem Element, fühlt sich frei, ist dennoch hochkonzentriert. Das trifft auch auf die Tiere zu. Die tragen weder Sattel noch Gebissstange, auch keine Zügel. Selbst dann nicht, wenn die Reiterin auf einem Pferderücken – oder auch auf zweien gleichzeitig – steht und voranprescht.

Sie trainiert über die sogenannte Freiheitsdressur, die ohne Zwang durch Hilfsmittel wie Peitsche oder Trense auskommt. In der Regel trägt das Pferd nichts, beim schnellen Reiten einen Gummiring um den Hals, der der Reiterin zur Not Halt gibt. Mensch und Pferd kommunizieren idealerweise vor allem über die Körpersprache und mit leisen Signalen. Hier ein Schnalzen, da ein Schenkeldruck, und „Molly“ macht mit, führt eine neue Figur aus und wird ausgiebig gelobt.

Training in Freiheit

Das Pony ist gut ausgebildet, seit langem arbeitet die 17-Jährige mit der Stute, liebt die Freiarbeit, an die sich ihrer Ansicht nach viel zu wenige Reiter herantrauen. Daher gibt sie mittlerweile selbst Unterricht; „das macht hier sonst keiner und das ist sehr schade“. Über die Dressurart lernen die Tiere verschiedene Zirkuslektionen, Bewegungen oder Gangarten, sich auf Kommando hinzulegen bis zum „spanischen Schritt“, der Gang mit weit ausholenden Schritten.

Das Training in Freiheit bedeutet dabei nicht immer zwingend Freiwilligkeit, auch bei der Freiarbeit gibt es verschiedene Trainingsmethoden. Ihr sei es dabei wichtig, schon in der Ausbildung über positive Verstärkung zu arbeiten. Jedes Pferd werde ohne Zwang an eine neue Übung herangeführt, die Trense dann irgendwann weggelassen, erklärt Guinevere Bohl. Es solle sich für das Pferd lohnen, bei seinem Menschen zu bleiben, auf kurze prägnante Signale zu reagieren und gerne mitzumachen.

Vertrauen spiele eine zentrale Rolle, ebenso die Kommunikation zwischen Mensch und Tier. „Die Grundlage ist, dass das Pferd auf Sitz- und Schenkeldruck hört, irgendwann brauche ich nichts weiter, nicht mal mehr einen Strick beim Führen.“ Die Gerte dient ihr „als verlängerter Arm“, sie gibt damit Sichtsignale. Sie selbst gebe zwar den Ton an und die Richtung vor, „Angst gehört aber nicht dazu, man muss dem Pferd einfach Sicherheit vermitteln und es mit Spaß motivieren“.

Aus Leidenschaft entsteht Reit-Event

Quinevere Bohl sitzt auf Pferderücken, seit sie sechs Jahre alt wurde. Ein Besuch auf einem Pferdehof weckte die Leidenschaft für das Reiten und die Arbeit mit den Tieren, „da hat es mich gleich gepackt“, erzählt sie grinsend. Sie begeisterte sich schnell für die Freiarbeit, in der sie mit ihrem Pflegepferd „Blümchen“ erste Schritte wagte. Im Jahr 2018 trat das Duo zum ersten Mal auf, auf einer kleinen Pferdeshow in Lohra, die sie selbst organisierte. Aus der entwickelte sich mehr, im Jahr darauf folgte die „Pferdelichtershow“, auf der sie ihre Kunst mit zwei Tieren vorführte. „Ich liebe das einfach, ich will nicht nur einfach reiten, sondern eine enge Verbindung zum Pferd aufbauen“, schwärmt sie.

Nun plant sie ein noch größeres Event, die „Pferdefarbenshow“, die am 4. September in Lohra stattfindet. Dort wollen sie und weitere Reiterinnen ihr Können und das ihrer Pferde dem Publikum zeigen. Teil der Show ist die Freiheitsdressur, ebenso Übungen aus der Bodenarbeit bis zur Springquadrille mit vier Reiterinnen. Und wie der Name schon sagt, begleitet die Show ein buntes Farbenspiel. Das bunte Treiben wird zudem mit Musik, Utensilien und Tricks umrahmt, von Seifenblasen bis zum Springseil und Piano-Begleitung von Singer-Songwriter Davin Bernhard.

Das große Ziel: „Wir wollen die Leute mitreißen, sie sollen mitfiebern und am Ende rausgehen und sagen: Wow, das war cool“, schwärmt die Organisatorin lachend. Es war ihr großer Traum, eine noch größere Show auf die Beine zu stellen, das Event zusammen mit ihrem 20-köpfigen Team weiterzuentwickeln. Dazu hat sie viel Freizeit, Nerven und das eigene Ersparte in das Projekt gesteckt. Damit will sie zugleich die Freiheitsdressur bekannter machen: „Ich möchte zeigen, was auf diese freie Art alles möglich ist, und andere inspirieren.“

Das könnte sich die junge Trainerin auch beruflich vorstellen, will nach dem Abitur erst einmal ein Praktikum auf verschiedenen Pferdehöfen absolvieren. Auch wenn es wohl nicht ihr späterer Hauptberuf werden wird, ihr liebstes Hobby bleibt es mit Sicherheit.

Die Pferdefarbenshow findet am 4. September um 15 Uhr an der Götzenmühle in Lohra statt (Gladenbacher Straße 63). Einlass ab 14.30 Uhr. Besucher müssen sich Corona konform anmelden. Tickets kosten 6,50 Euro, online erhältlich unter www.cvents.eu, zu finden über die Suchfunktion „Pferde“.

Von Ina Tannert