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Marburg Ohne Auto geht’s wohl nicht
Marburg Ohne Auto geht’s wohl nicht
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22:00 04.03.2020
Die Marburger Stadtautobahn ist für Johannes M. Becker, Mitglied der BI Verkehrswende der „größte politische Sündenfall der Siebzigerjahre“. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Das jedenfalls war die Botschaft, die er dem Publikum während der Startveranstaltung der „Marburger Dialoge zur Verkehrsentwicklung“ im TTZ überbrachte.

Die Stadt entwickelt derzeit für das gesamte Stadtgebiet ein neues Mobilitätskonzept, bei dem möglichst alle Einwohner einbezogen werden sollen, weil Mobilität und Verkehr als Kernthemen auch alle betreffen. Dazu wurden nun die Marburger Dialoge ins Leben gerufen, wo alle Bürgerinnen und Bürger Informationen zum aktuellen Stand von Wissenschaft und Politik erhalten und eigene Ideen und Vorschläge einbringen können. Der erste Teil fand nun also im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) statt und wurde von Thomas Ranft moderiert.

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Auto nicht ganz abschaffen

Während der Eröffnung verriet Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies, dass er über die relative Geräuschlosigkeit, mit der beispielsweise die Änderung der Verkehrsführung in Bahnhofstraße und Campusviertel, wo rund zwanzig Prozent der Straßenflächen den Autos „weggenommen“ worden seien und nun ausschließlich Radfahrern und Bussen zur Verfügung stünden, doch einigermaßen überrascht war. Und dass ihn das zuversichtlich stimme für die Akzeptanz künftiger Weiterentwicklungen.

Diese Zuversicht dürfte allerdings vom anschließenden Vortrag Bambergs gleich wieder ein wenig getrübt worden sein, der sich als Experte für Psychologie im Verkehr einen Namen gemacht hat. Immerhin, so sagte er, verändere bereits die Diskussion über neue Mobilitätskonzepte das Bewusstsein der Verkehrsteilnehmer. Allein, bei den meisten fehle die Motivation, von alten, „bewährten“ Gewohnheiten, wie der täglichen Fahrt mit dem Auto zur Arbeit, zu lassen und auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel umzusteigen.

Peter Reckling, Vertreter der AG Mobilität der Dorfentwicklung, selbst passionierter Radfahrer war sich sicher, „dass wir als Ergänzung zum Fahrrad natürlich auch den ÖPNV brauchen. Und auch das Auto werden wir wohl erst mal noch nicht abschaffen können, so schade ich das persönlich finde. In den letzten vierzig Jahren hat sich zwar schon vieles verbessert, aber es muss jetzt auch mal weitergehen.“

Größter politischer Sündenfall

Stefanie Mai, vorgestellt als „Pendlerin“, berichtete von ihren Erfahrungen mit dem bewussten Verzicht auf ihr Auto. Sie habe inzwischen ihren Terminkalender um den Busfahrplan herum organisiert und empfinde das keineswegs als Einschränkung, sondern vielmehr als Gewinn an Lebensqualität, wenn sie während einer Busfahrt einfach mal gar nichts tun und nur aus dem Fenster auf die Landschaft schauen könne.

Rüdiger Woelke, Mitglied der AG Verkehr der IG Bergbau, Chemie, Energie, fährt seit über zwanzig Jahren aus Lahntal mit dem Fahrrad zur Arbeit in den Behringwerken. „Mir macht das nichts mehr aus, aber wenn ein ungeübter Kollege mit dem festen Vorsatz, das Auto öfter stehen zu lassen, diese Strecke mal mit dem Fahrrad fährt und dabei dem starken Pkw- und Lkw-Verkehr praktisch wehrlos ausgesetzt ist, wird er sich das schon am nächsten Tag noch mal überlegen.“

Der Marburger Friedens- und Konfliktforscher Johannes Becker, schon mehrfach als Querdenker in Erscheinung getreten, lenkte die Diskussion wieder auf den innerstädtischen Verkehr und verdammte die Stadtautobahn als „größten politischen Sündenfall der Siebzigerjahre“. Er wünsche sich, den Verkehr auf dieser Straße durchgängig auf fünfzig Stundenkilometer und in jede Fahrtrichtung auf eine Spur zu begrenzen. Die rechten Spuren könne man dann wunderbar in Parkbuchten umgestalten, wo Autofahrer mit Ziel Innenstadt ihre Karossen parken und höchst bequem auf den Bus umsteigen könnten.

Von Volker Kubisch

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