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Marburg MoVe35: Skepsis in Ockershausen
Marburg MoVe35: Skepsis in Ockershausen
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14:00 18.07.2022
Der Hasenkopf oberhalb von Ockershausen. Die geplante Bebauung ist umstritten.
Der Hasenkopf oberhalb von Ockershausen. Die geplante Bebauung ist umstritten. Quelle: Nadine Weigel
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Ockershausen

Die Verkehrsbelastung im Marburger Stadtteil bewegt die Gemüter der Ockershäuser schon seit Jahren. Das war auch bei der jüngsten Ortsbeiratssitzung in der vergangenen Woche zu beobachten, in deren Verlauf die Aussagen der Vertreter der Stadtverwaltung nicht den Meinungen der rund 60 Zuhörerinnen und Zuhörern entsprachen. Beispiel: die Ergebnisse einer Verkehrszählung. Die interpretieren die Mitarbeiter der Verwaltung so, dass rund 70 Prozent innerörtliche Fahrten sind, also von Ockershäusern verursacht werden.

Es sei durch die einwöchige Zählung auch nicht zu belegen, dass es sich bei dem Verkehr über den Bachweg und die Hohe Leuchte um Fahrten zu den Pharmastandorten handele, sagte Michael Hagenbring. Der Leiter der Verkehrsabteilung der Stadtverwaltung versicherte, dass es nach den Sommerferien weitere Zählungen in der Ockershäuser Allee und der Leopold-Lukas-Straße gibt. Das Echo aus dem Zuhörerraum lautete, es solle im November, wenn das Wetter schlechter ist, gezählt werden.

Mehr Verkehr durch Parkdeck am Stadion?

Auch Jana Schönemann traf mit ihren Ausführungen auf wenig Gegenliebe. Die Stadtplanerin verwies auf das allumfassende Verkehrskonzept MoVe35 und dessen Möglichkeiten, den Verkehr zu lenken, zum Beispiel durch ein Absenken der Höchstparkdauer oder das Anheben der Parkgebühren. Ferner gehöre zum Parkraummanagement auch die Möglichkeit, den ruhenden Verkehr zu bündeln und ein „Park and Go“ anzubieten. Die Ockershäuser befürchten dagegen, das am Georg-Gaßmann-Stadion angedachte Parkdeck werde noch mehr Verkehr in den Stadtteil bringen.

Da die Sperrung der Leopold-Lukas-Straße keinen Einfluss auf den Schulwegverkehr hätte, der dann auf dem Bach- und dem Teichwiesenweg sowie der Ockershäuser Allee zu einer Mehrbelastung führe, bereite die Stadtverwaltung einen Modellversuch vor, verriet Schönemann. Im Gespräch sind eine einseitige Sperrung der Leopold-Lucas-Straße und der Hohen Leuchte. Dabei sei man noch „ganz am Anfang der Vorbereitungen“, ergänzte Schönemann. Es werde noch mehr Beteiligungen, zum Beispiel des Einzelhandels, geben. Danach solle es eine längere Versuchszeit geben, weil die Stadtverwaltung abwägen müsse, wie mehr Verkehrssicherheit für die Schulen in der Leopold-Lukas-Straße zu erlangen sei, ergänzte Michael Hagenbring.

MoVe35 sei nur eine Hülse, wenn darin Punkte nicht eingearbeitet würden, die „schon lange drücken“, meinte Ortsbeiratsmitglied Richard Kiefer. Er bezeichnete das Konzept als zu sehr auf Fahrradverkehr fokussiert und als Utopie, weil es – ob Verbrenner oder Elektro – immer Autos geben werde. Es gebe schon einen Rückgang des individuellen Verkehrs, bemerkte Michael Hagenbring. Für eine Entlastung müsse es Alternativen geben. Entweder man „drückt den Verkehr woanders hin“ oder man reduziere den motorisierten Individualverkehr. Als Manuela Klug anfügte, dass es den Beschluss der Kommunalpolitik gibt, den motorisierten Individualverkehr um 50 Prozent zu reduzieren, erntete sie Gelächter aus dem Publikum. Ein anderer Teilnehmer hielt ihr vor, es komme einer Milchmädchenrechnung gleich, den Individualverkehr durch Carsharing reduzieren zu wollen.

Konzept für MoVe35 soll Anfang 2023 fertig sein

Hinsichtlich MoVe35 werde man seit Monaten vertröstet, bemerkte Josef Rother und fragte, wann die Effekte der Hasenkopfbebauung eingerechnet würden. Es sei unverständlich, wenn der Bebauungsplan ohne diese Einrechnung beschlossen werde, meinte Rother und sagte: „Der Netto-Null-Verkehr ist blanke Utopie.“ Die Effekte seien schon eingerechnet, entgegnete Manuela Klug. Das Konzept MoVe35 sei Ende dieses Jahres oder Anfang 2023 fertig – wann die Bauleitplanung starte, könne sie noch nicht sagen. Dass am Hasenkopf nur jede zweite Familie ein Auto haben werde, sei illusorisch, meinte Barbara Keller und Marcel Keller monierte, dass es nicht einen vernünftigen Fahrradweg gebe. Mit dem Konzept der Hasenkopfbebauung werde eine Zielgruppe angesprochen, die auf ein Auto verzichten möchte, entgegnete Jana Schönemann. Unter den Teilnehmern gab es auch gemäßigte Stimmen, die zum Beispiel darauf verwiesen, dass man in einer Gemeinschaft nicht nur Vorteile haben könne. Und ein Anwohner der Graf-von-Stauffenberg-Straße schilderte, dass 9 von 10 Bewohnern des Stadtwaldes diese Straße nutzen, statt durch Ockershausen zu fahren.

Schließlich stellte Vorsteher Ludwig Schneider die Position des Ortsbeirates dar. Dieser sieht in dem während der Versammlung mehrmals angesprochenen Konzept der „shared spaces“, also ein gemeinsam und gleichberechtigt genutzter Raum, eine Lösung, um den Verkehr im Stadtteil zu reduzieren. Man habe versucht, Brücken zu bauen, aber wenn die Stadt kein Entgegenkommen zeige, müsse die Hasenkopfbebauung abgelehnt werden. Aber es gebe noch eine Hoffnung – man müsse abwarten, was MoVe35 für Ockershausen bringe.

Von Gianfranco Fain