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Marburg Oberste Prämisse: Verlässlichkeit
Marburg Oberste Prämisse: Verlässlichkeit
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12:58 25.10.2020
Remen Wilfred reinigt jeden Tag die Busse der Stadtwerke und desinfiziert alle Oberflächen. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Der Plan fürs Krisenmanagement lag immer in der Schublade. Das schreibt die Zertifizierung so vor. „Aber das war natürlich kein konkreter Corona-Plan“, sagt Dr. Bernhard Müller, Geschäftsführer der Stadtwerke Marburg, im Rückblick. Also musste er angepasst werden, um vor allem zwei Dinge zu gewährleisten: die Leistungsfähigkeit der kritischen Infrastruktur zu gewährleisten und die Mitarbeiter zu schützen. „Sie sind unser höchstes Gut“, betont Holger Armbrüster, ebenfalls Geschäftsführer, im OP-Gespräch.

Noch bevor die Virus-Ausbreitung in Deutschland akut wurde, tagte Am Krekel schon der Krisenstab. „Die Hälfte der Mitarbeiter haben uns ausgelacht und gefragt, was wir da machen würden“, erinnert sich Bernhard Müller und ergänzt: „Als dann aber der erste Quarantäne-Fall da war, waren wir vorbereitet.“ Noch an dem Sonntag wurde zur Krisensitzung gerufen und erste Vorbereitungen getroffen, wie beispielsweise Aushänge in Büros und Bussen zur richtigen Nies- und Hustenetikette aufhängen. Auch wurde die Kantine vorsorglich geschlossen.

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„Ab sofort gab es fast stundenweise neue Anweisungen von den Behörden“, beschreibt Bernhard Müller die damalige Situation. „Aber wir mussten auch immer dafür Sorge tragen, dass die Busse weiter fahren, vor allem auf die Lahnberge und in die Marbach“, betont Holger Armbrüster. Also wurden Mitte März weitere Vorkehrungen getroffen: die vorderen Türen für den Ein- und Ausstieg gesperrt, der Fahrscheinverkauf im Bus eingestellt, die Fahrerbereiche mit einem Spuckschutz ausgestattet und die vorderen Sitzreihen gesperrt. Ebenfalls wurden die Reinigungsintervalle verkürzt und eine tägliche Desinfektion eingeführt, die bis heute vorgenommen wird. Das Kundenzentrum, das Abfallservicebüro, die Mobilitätszentrale, das TTZ, die Kompostierungsanlage – alles wurde für den persönlichen Kundenkontakt geschlossen. Der Fahrscheinverkauf und auch die Beratung erfolgte nur noch telefonisch.

Sonderfahrplan ab 1. April

Sabine Völpel von der Mobilitätszentrale in Weidenhausen erinnert sich: „Für uns war oberste Priorität, dass wir trotz allem für die Kunden da sind. Wir haben sogar Boten organisiert, die die Fahrscheine oder Monatskarten, vor allem für die Stadtpass-Inhaber, in die Briefkästen geworfen haben. Dafür haben wir jede Menge Wertschätzung erhalten.“ Manche Kunden waren richtig kopflos, haben einfach Geld überwiesen, ohne vorher eine Rechnung erhalten zu haben. „Aber auch das konnten wir alles klären“, sagt sie mit einem Lächeln.

Ab 1. April wurde dann der Sonderfahrplan eingeführt. Nur wenige Tage später erfolgte die Ergänzung durch die Verstärkerlinie 27, um die Anbindung an die Lahnberge zu verbessern. „Damit haben wir auf Kundenwünsche reagiert“, weiß Birgit Stey, Geschäftsführerin der Stadtwerke Marburg Consult. Intern wurden die Dienstabläufe geändert, damit die Fahrer untereinander wenig Kontakt hatten. „Linienscharf zu fahren, war der beste Weg“, resümiert sie heute und meint damit, dass es auch keine Buswechsel mehr gab. Die Dienstpläne konnten nur kurzfristig erstellt werden, meist erst einen Tag vorher. „Ganz am Anfang gab es schon eine gewisse Unsicherheit“, sagt Jens Dienst ehrlich. Er fährt seit zehn Jahren Bus und ist auch im Betriebsrat. „Allerdings haben wir rasch festgestellt, dass im Vergleich zu anderen Unternehmen bei uns immer schnell reagiert wurde. Das gab uns wieder Sicherheit. Die Kundschaft war froh, dass wir immer gefahren sind und haben uns das auch zurückgemeldet“, erinnert er sich.

Maskenpflicht als Herausforderung

Mit Einführung der Maskenpflicht gab es die nächste Herausforderung. „Neben dem ganzen Organisatorischen mussten ja auch logistische Probleme gelöst werden. Desinfektionsmittel musste her. Und auf einmal mussten 1000 Masken bestellt werden. Die Arbeitszeit galt es zu entzerren, vor allem für die, die zusätzlich ihre Kinder zu Hause betreuen mussten. Neue Heimarbeitsplätze für die Risikogruppen und auch neue Arbeitsplätze am Standort mussten eingerichtet werden, damit so viele Mitarbeiter wie möglich in Einzelbüros arbeiten konnten. Wir haben permanent Laptops bestellt und bis heute haben wir nur noch wenige Versammlungsräume. Die meisten sind zu Büros umfunktioniert worden“, zählt Holger Armbrüster auf und ergänzt noch: „Die Mitarbeiter der Notleitwarte für Strom und Gas wurden ebenfalls aufgeteilt, um die Funktion zu erhalten. Wie gesagt, die Leistungsfähigkeit der kritischen Infrastruktur sicherzustellen ist unser Auftrag, auch in der Pandemie.

Seit 4. Mai sind Kundenzentrum, Mobilitätszentrale und auch die Kompostierungsanlage wieder eingeschränkt geöffnet, seit Mitte Mai fahren die Busse wieder im Regelbetrieb. Der Krisenstab tagt noch immer, nicht mehr täglich, aber wöchentlich. Die Themen haben sich verschoben. „Früher haben wir noch über jeden Quarantäne-Fall gesprochen, heute agieren wir mit einem Mix aus Erfahrung und Vorsicht“, sagt Birgit Stey. Schon jetzt gibt es Corona-bedingt einen Ergebnisverlust von einer Million Euro. Die Fahrgastzahlen steigen zwar immer noch an, dennoch liegen die Einnahmen nur bei 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Von Katja Peters

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