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Marburg Zurück in die Zukunft: Oberleitung soll der Antrieb der Moderne werden
Marburg Zurück in die Zukunft: Oberleitung soll der Antrieb der Moderne werden
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09:00 24.04.2021
Von der Konrad-Adenauer-Brücke bis auf die Lahnberge und auf der anderen Seite vom Waldtal bis auf die Lahnberge sollen Oberleistungsbusse fahren.
Von der Konrad-Adenauer-Brücke bis auf die Lahnberge und auf der anderen Seite vom Waldtal bis auf die Lahnberge sollen Oberleistungsbusse fahren. Quelle: Stadtwerke Marburg
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Marburg

Auf den ersten Blick klingt das schon kurios: Ausgerechnet eine Antriebsart aus dem 19. Jahrhundert soll Marburgs Personennahverkehr in die Zukunft führen und dazu beitragen, dass die Stadt ihr großes Ziel – Klimaneutralität bis 2030 – tatsächlich erreicht.

Der Oberleitungsantrieb, mit dem Fahrzeuge mit elektrischer Energieversorgung angetrieben werden, wurde erstmals Ende des 19. Jahrhunderts in den USA in größerem Stile eingesetzt. „Marburg ist wohl die einzige Stadt in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg, die eine Antriebsart aus dem vorletzten Jahrhundert neu einführen will“, schmunzelt Stadtwerke-Geschäftsführer Dr. Bernhard Müller. 1968 wurden nämlich die letzten Oberleitungsbusse, die ab 1951 eingesetzt wurden, abgeschafft.

Christoph Rauh, Geschäftsführer der Stadtwerke Marburg Consult, löst diesen scheinbaren Widerspruch auf: Die Stadtwerke müssen in ihrem Fahrbetrieb einen Höhenunterschied von 200 Metern überwinden: vom Tal bis auf die Lahnberge. Und sie wollen es nicht mit fossilen Energieträgern tun. Die Wasserstofftechnologie wiederum ist nicht ausgereift genug, zudem ist, wendet Dr. Müller ein, die Menge an „grünem“, also umweltfreundlich produziertem Wasserstoff weltweit nicht ausreichend, um in großem Stil auf diese Antriebsart umzurüsten.

Bleibt die Elektrifizierung der Stadtwerke-Busse. Einen ersten Schritt haben die Stadtwerke getan, haben zwei Elektrobusse angeschafft, die die Linien 10, 16 und 20 bedienen – hoch zum Schloss.

Der Nachteil dieser Antriebsart: das hohe Batteriegewicht. Die Stadtwerke-Busse brauchen Batterien mit einer Leistung von 60 KWh. Jede Kilowattstunde mehr kostet 1 000 Euro mehr, sagt Müller. Um es überspitzt zu formulieren: Die Stadtwerke standen vor der Entscheidung, menschliche Passagiere oder schwere Batterien auf die Lahnberge zu transportieren.

Der Weg aus der Zwickmühle heißt: Oberleitung. Von der Konrad-Adenauer-Brücke bis auf die Lahnberge und auf der anderen Seite vom Waldtal bis auf die Lahnberge sollen Oberleitungen die Busse über ein Abnehmersystem mit Strom versorgen – sprich Akkus im Bus aufladen. Auf dem flachen Teil der Strecke – grob zwischen Südbahnhof und Neuer Kasseler Straße – fahren die Busse dann im Batteriebetrieb, entladen also die frisch aufgeladenen Batterien.

Damit ist ein Problem gelöst, das vor Jahren, während der ersten Überlegungen zu batteriebetriebenen Bussen, in der Stadtpolitik eine Rolle gespielt hat: In der Innenstadt sind keine Lademasten nötig, die das Stadtbild verunzieren, erst recht nicht sind an den Fassaden der Gründerzeit-Häuser große Haken anzubringen – ein Schreckgespenst für jeden Denkmalschützer.

Diese Überlegungen sind aber vom Tisch, obwohl die Rechnung gilt: Je weniger Oberleitung möglich ist, desto größer und damit schwerer werden die Batterien.

1,5 Millionen Euro hat der Bund für die Planungen des Betriebs zugesagt. In Teils langen Gesprächen mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat dies vor allem Rauh erreicht, lobt Dr. Müller.

Eine verbindliche Förderungszusage für den Kauf von Fahrzeugen und den Bau von Infrastruktur gibt es noch nicht. Die Stadtwerke sind dennoch zuversichtlich, dass das Projekt unterstützt wird.

Bis Ende kommenden Jahres soll Baurecht für das Projekt bestehen, danach kann mit der Umrüstung der Strecke begonnen werden. Als Erstes müsste wohl der Betriebshof der Stadtwerke umgebaut werden. Insgesamt sehen die Stadtwerke-Planungen vor, dass 36 Busse an das System angehängt werden. Das ließe Reserven, um nach dem Bau der „Ringstrecke“ Innenstadt – Lahnberge – Innenstadt mit Stichstrecken weitere Teile Marburgs, den Richtsberg etwa oder Ockershausen, zu bedienen.

Von Till Conrad

23.04.2021
23.04.2021