Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Streit um Verkehrsführung am Oberen Rotenberg
Marburg Streit um Verkehrsführung am Oberen Rotenberg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 18.03.2022
Ulrich Müller steht am Gartenzaun auf seinem Grundstück in Marbach. Im Hintergrund, wo sein Nachbar Jürgen Rösser steht, könnte laut einem Müller vorliegenden Plan in Zukunft eine Straße für das Baugebiet am Oberen Rotenberg entstehen. 
Ulrich Müller steht am Gartenzaun auf seinem Grundstück in Marbach. Im Hintergrund, wo sein Nachbar Jürgen Rösser steht, könnte laut einem Müller vorliegenden Plan in Zukunft eine Straße für das Baugebiet am Oberen Rotenberg entstehen.  Quelle: Stefan Dietrich
Anzeige
Marburg

Als Ulrich Müller 1985 sein Grundstück kaufte, hatte er sich bewusst für die etwas teurere Lage am Ortsrand von Marbach entschieden. Dort, direkt neben der ehemaligen Gärtnerei, hört man kaum Verkehrslärm, man blickt auf die alten Gewächshäuser und ins Feld. „Schön ruhig hier“, sagt Jürgen Rösser, der Nachbar, mit dem sich Müller damals ein Baugrundstück geteilt hat. Fast wie auf dem Dorf lebe man dort oben, finden Müller und Rösser. Doch in Zukunft, so befürchten sie, könnte ihre Lebensqualität unter einer neuen Straße leiden. Denn auf dem ehemaligen Gärtnerei-Gelände sollen ein Supermarkt und Mehrfamilienhäuser entstehen.

„Grundsätzlich bin ich nicht gegen eine Bebauung“, betont Müller. „Aber ich bin der Meinung, es ist eine Frechheit, wenn das Grundstück so aufgeteilt wird, dass die Straße direkt an unsere Grundstücks-Grenze kommt.“ Denn die Verkehrsführung soll laut den Plänen nicht einfach mitten durch das ehemalige Gärtnerei-Gelände gehen – offenbar, weil der mittlere Teil noch den Gärtnerei-Besitzern gehört. Stattdessen würde sie am südöstlichen Rand entlanglaufen. Nach Müllers Berechnung wäre eine mögliche Straße nur 1,50 Meter von seinem Gartenzaun entfernt – und damit dicht an seinem Schlafzimmer. „Die Leute, mit denen ich spreche, verstehen das auch – nur bei der Stadt ist man schwerhörig“, ärgert sich der Diplom-Ingenieur.

Auf genauere Nachfrage der OP stellt die Stadtverwaltung allerdings klar, dass direkt an Müllers Grundstück nach den derzeitigen Plänen keine richtige Straße vorgesehen sei – sondern ein Fußweg. Demnach ist zwar eine Zufahrt bis kurz vor seinem Grundstück geplant. Aber der nördlich anschließende Teil der eingezeichneten Verkehrsfläche „wird in der aktuellen Planung nur als schmaler Gehweg plus Straßenbegleitgrün gesehen“, erklärt die stellvertretende Pressesprecherin der Stadt, Patricia Grähling. Grundsätzlich werde die Anliegerstraße so geplant, dass die Anliegerinnen und Anlieger so wenig wie möglich tangiert werden.

Siedlungs-Vorranggebiet grenzt direkt an

Trotzdem könnte aus dem Fußweg eines Tages doch noch eine Straße werden. Denn direkt angrenzend ist ein Feld mit dem Flurnamen Engelsberg, um das der Ortsrand von Marbach herumläuft. Dort ist im Regionalplan ein Siedlungs-Vorranggebiet eingezeichnet, es könnte also eines Tages ein Baugebiet mit Hunderten Wohnungen entstehen. Und damit käme die Straße wieder ins Spiel. „Sollte das Baugebiet Richtung Norden jemals weiterentwickelt werden, stünden für eine Erschließung mehrere Optionen zur Verfügung, so dass sich der Anliegerverkehr auf verschiedene Anschlusspunkte verteilen würde“, betont Grähling.

Neben der geplanten Straßenführung behagt den Nachbarn auch die Größe der geplanten Wohngebäude nicht. Zunächst sollten auf dem ehemaligen Gärtnerei-Gelände 30 bis 40 Wohnungen entstehen, nun könnte die Stadt allerdings ein weiteres Grundstück erwerben – die genaue Zahl der geplanten Wohneinheiten kann sie noch nicht beziffern. Nach Angaben der Stadt sollen Gebäude mit maximal drei Vollgeschossen entstehen, um angesichts des Klimanotstands möglichst wenig Boden zu verbrauchen. Das heißt allerdings, dass die Häuser zusätzlich noch ein Staffelgeschoss haben könnten – nach Ansicht der Anwohner wären sie damit viergeschossig. „Mich ärgert, dass auf einmal vier Stockwerke geplant sind“, sagt Rösser. Aber, fügt er hinzu, der Baugrund sei teuer, wahrscheinlich sei dies der Grund. „Vier Stockwerke wären ein halber Richtsberg“, findet Müller. Die Stadt verspricht außerdem, keiner der Neubauten solle höher werden als der Dachfirst des Gärtnerei-Wohngebäudes.

Stadt: Bürger können Anregungen einbringen

Müller hat dennoch insgesamt das Gefühl, dass die Stadt sich für seine Einwände nicht interessiere. Er hatte deshalb bereits vor zwei Jahren einen Rechtsanwalt beauftragt, seine Interessen gegenüber der Stadt zu vertreten. Auf dessen Schreiben antwortete die Stadtverwaltung damals, eine „Vorwegabwägung“ der Auswirkungen auf seine Wohn- und Lebensqualität sei im Planungsrecht nicht vorgesehen. Müller sieht sich dadurch darin bestätigt, dass die Stadt ihm nicht zuhören wolle.

Gegenüber der OP betont die Stadt aber, es werde ein zweistufiger Beteiligungsprozess durchgeführt. Dabei könnten Bürgerinnen und Bürger Anregungen und Einwände einbringe. Nach Möglichkeit würden diese in die Planüberarbeitung einbezogen.

Von Stefan Dietrich

Marburg Heute ist Weltschlaftag - Der Schlaf ist wie eine Katze
31.03.2022
18.03.2022