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Marburg Thomas Spies will nochmal Oberbürgermeister werden
Marburg Thomas Spies will nochmal Oberbürgermeister werden
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18:00 13.05.2020
Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies hat seine Krebserkrankung überwunden. Quelle: THORSTEN RICHTER
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Marburg

OP: Herr Spies, wie geht es Ihnen nach Ihrer Krebs-OP?

Spies: Gut, die Operation war sehr erfolgreich. Der Tumor ist nach menschlichem Ermessen vollständig entfernt. Alles ist gut verheilt, und ich habe keine Folgeprobleme. Ich fühle mich auch völlig fit.

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OP: Eine Krebsdiagnose ist ja ein tiefer Einschnitt im Leben vieler Menschen. Wie gehen Sie damit um?

Spies: Eine Krebserkrankung geht an niemandem spurlos vorüber. Krebs macht jedem Menschen Angst. Man wird auf einmal mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Für mich macht es ein bisschen leichter, dass ich Arzt bin. Ich habe von Anfang an versucht, alles sehr sachlich anzugehen. Ich muss aber auch sagen, dass ich unheimlich froh und dankbar bin, dass das Prostata-Karzinom so früh erkannt worden ist. Früherkennung lohnt sich. Mein Vater hatte, als er ziemlich genauso alt war wie ich heute, auch ein Prostata-Karzinom. Das war schon metastasiert. Mein Vater hat damit noch einige Jahre gelebt, aber diese Erfahrung hat mich dazu motiviert, selbst zur Früherkennung zu gehen. Wir Männer drücken uns davor ja gerne. Auch meine Frau hat Druck gemacht und gesagt: „Jetzt mach gefälligst einen Termin“.

OP: Wann haben Sie denn die Diagnose erhalten?

Spies: Das war kurz vor Weihnachten. Zunächst hatte man einen erhöhten Messwert festgestellt, den so genannten PSA-Wert. Dann folgten MRT und Biopsie, ehe das Ergebnis Mitte Dezember feststand. Das war mitten in den Haushaltsberatungen, und für mich stand außer Frage, dass ich mich in dieser Situation noch nicht operieren lasse. Ein Prostatakrebs ist ein sehr langsam wachsender Tumor, insofern war die Entscheidung vertretbar und hatte zudem den Vorteil, dass ich alles für die Zeit meiner Abwesenheit regeln konnte.

OP: Was hat Ihnen in dieser Situation geholfen?

Spies: Die vielen Reaktionen aus der Stadtgesellschaft. Ich habe sehr, sehr viele Briefe oder Mails erhalten mit Genesungswünschen, teils in sehr einfühlsamen Worten. Und von Menschen, die ich zum Teil gar nicht kenne. Es gab Menschen, die haben für mich gebetet. Das hat mich sehr berührt.

OP: Begleitet Sie im Unterbewusstsein das Wort „Krebs“ jetzt von morgens bis abends?

Spies: Nein. Probleme sind zum Lösen da, und ich glaube, dieses Problem ist gelöst. Es war eine Episode. Ich habe mich auch nach der Operation schnell gefühlt, als könne ich Bäume ausreißen. Ich musste dann feststellen, dass es anfangs nur Gänseblümchen gewesen wären. Da gab es schon den Hinweis der Ärzte, dass ich mich schonen muss. Aber jetzt bin ich wieder voll da.

OP: Haben Sie irgendwelche Konsequenzen ziehen müssen für Ihren persönlichen Lebenswandel? Arbeiten Sie jetzt weniger?

Spies: Also, ich habe ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein für das, was ich tue. Und ich trage Verantwortung für diese Stadt, wie andere natürlich auch. Und den Teil der Verantwortung, den ich trage, gebe ich nicht ab. Da würde ich mich unwohl fühlen. Ich versuche allerdings, über Mittag eine längere Pause einzulegen und diese Zeit zu Hause, mit meiner Frau zu verbringen. Ich habe während der Zeit im Krankenhaus und in der Reha Handy und Laptop dabeigehabt, und ich habe auch regelmäßig angerufen. Es ist mir sehr schwergefallen, mich gerade in der CoronaZeit nicht ständig einzuschalten. Aber auch das ging vorbei. Ich habe mir vorgenommen, noch ein wenig abzunehmen, und wenn ich wieder Sport machen darf, Sport zu machen. Meine Frau achtet sehr darauf, dass ich gesundes Essen zu mir nehme.

OP: Jetzt ist Ihre Krankheit zeitlich mit der Corona-Pandemie zusammengefallen. Sie waren einige Wochen weg und haben deswegen vielleicht einen anderen Blick. Wie hat sich Marburg in dieser Zeit verändert?

Spies: Man merkt, dass die Leute besorgt sind. Ich habe auch das Gefühl, dass die Leute vorsichtiger und behutsamer miteinander umgehen. Am Anfang war das ja schwierig, Abstandsregeln einzuhalten. Das ist jetzt anders. Die Leute sind achtsamer geworden. Das ist auch etwas, das man in die Zukunft retten sollte. Ansonsten habe ich den Eindruck, dass viele sich Gedanken machen, wie wir aus dieser Belastung wieder rauskommen: Wie schaffen wir das? Und man spürt, dass viele Leute belastet und gestresst sind. Damit muss man sehr einfühlsam umgehen. Wir brauchen jetzt eine gute Balance bei den Lockerungsmaßnahmen. Denn wenn die Ansteckungszahlen ein zweites Mal hochgehen, ist das zum einen natürlich ein gesundheitliches Risiko, zum anderen aber wäre das für die Stimmung, für das Gefühl, sehr schlecht.

OP: Nicht alle haben Verständnis für die Einschränkungen im persönlichen Leben. Wie gehen Sie damit um?

Spies: Das Wichtigste ist, dass wir schauen, was in Marburg passt und was nicht.

OP: Das heißt, ein speziell abgestimmtes Paket für Marburg? Was soll denn drinstehen?

Spies: Nach einer Woche zurück im Amt kann ich die Frage noch nicht konkret beantworten. Im Moment führe ich viele Gespräche, viele davon als Videokonferenzen, und höre zu, wie die Menschen die Situation sehen. Ich habe zum Beispiel den Eindruck, dass wir eine Besinnung aufs Lokale haben, gerade bei Handel und Gewerbe. Und die muss man ausbauen. Man merkt ja, was passiert, wenn weltweite Lieferketten nicht mehr da sind. Wir müssen uns auf unsere Stärken hier und unsere Möglichkeiten hier konzentrieren.

OP: Was heißt das konkret?

Spies: Wir haben ganz früh ein erstes Hilfsprogramm aufgelegt für kulturelle und soziale Einrichtungen. Jetzt müssen wir in Ruhe überlegen, was man noch vor Ort tun kann, um Hilfe zu geben beim Wiederanlaufen-lassen.

OP: Der Stadt Marburg geht es finanziell ja gut, da müsste doch einiges an Hilfen drin sein.

Spies: Ja, wir haben unsere laufenden Gewerbesteuereinnahmen und wir haben eine finanzielle Rücklage. Die Stadt Marburg bekommt anders als andere Kommunen sicher keine Liquiditätsproble me. Wir werden in den nächsten Wochen konkrete Vorschläge erarbeiten und der Stadtverordnetenversammlung vorlegen, was in der Stadt konkret an Hilfen geleistet werden kann.

OP: Jenseits von Corona: Was sind die politischen Schwerpunkte in den kommenden Monaten?

Spies: Wir werden vor der Sommerpause den Klimaaktionsplan einbringen. Es gab 500 Vorschläge von Bürgerinnen und Bürgern – viel mehr als wir erwartet haben. Deswegen hat die Auswertung auch länger gedauert als erwartet. Die Vorlage ist aber fast fertig. Im Bereich Wohnungsbau hat die Verwaltung konsequent weitergearbeitet. Das ist ja ohnehin zentrales Thema und wird noch wichtiger werden, wenn wir eine Konjunkturdelle bekommen sollten. Das wird sich nicht zuletzt auf die Bauwirtschaft auswirken. An dieser Stelle kann die öffentliche Hand dazu beitragen, dass die Bauwirtschaft nicht kaputtgeht. Das Thema Verkehr bleibt hochpräsent. Die von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Vergabe eines Mobilitätsgutachtens ist auf der Zielgeraden. Für das Gutachten gibt es allerdings das Problem, dass der Verkehr im Moment ein wenig anders ist als in normalen Zeiten. Aber an der Zielsetzung hat sich nichts verändert. Klar ist, wir wollen die Verkehrswende und wir wollen das so machen, dass die Stadt weiter funktioniert.

OP: Eine lange Liste – funktioniert das denn ohne die von Ihnen gewollte und vom Parlament beschlossene Bürgerbeteiligung?

Spies: Nein, ganz sicher nicht, und das soll es auch nicht. Wir überlegen, wie wir Bürgerbeteiligung unter Corona-Bedingungen weiterentwickeln. Eine Möglichkeit wären digitale Methoden. Die Frage ist: Wie können sich Menschen beteiligen, ohne dass sie zusammenkommen?

OP: Erreicht man damit nicht vor allem nur diejenigen, die man immer erreicht? Diejenigen, die ohnehin gewohnt sind, mitzureden?

Spies: Das glaube ich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass es reizvoll sein kann, sich einzubringen, ohne persönlich auf einer Versammlung zu sein und vor großem Publikum reden zu müssen, gerade, wenn man selten politische Veranstaltungen besucht. Das ist auch eine der Chancen über den Tag hinaus: Wie nutzen wir Hilfsmittel zum Beispiel im Netz, damit Menschen sich beteiligen, die sich sonst nicht beteiligen.

OP: Sie wirken tatendurstig und entschlossen. Ist das auch ein Signal an Ihre Partei und an die Bevölkerung, dass Sie sich im kommenden Jahr um eine Wiederwahl als Oberbürgermeister bewerben?

Spies: Die SPD wird im Herbst über die Oberbürgermeisterkandidatur entscheiden. Für mich persönlich gilt: Ich bin auf alle Fälle bereit und fit, für weitere sechs Jahre Verantwortung für unsere wunderbare Stadt zu übernehmen.

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