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Marburg Wie Stadt und Diakonie Wohnungslosen helfen
Marburg Wie Stadt und Diakonie Wohnungslosen helfen
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08:00 11.01.2022
Unter einem Schirm sitzt ein wohnungsloser Mann. Obdachloseneinrichtungen blicken mit Sorge auf den Winter in der Corona-Pandemie.
Unter einem Schirm sitzt ein wohnungsloser Mann. Obdachloseneinrichtungen blicken mit Sorge auf den Winter in der Corona-Pandemie. Quelle: Ralf Hirschberger
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Marburg

Weniger Zeit für Gespräche, Hygiene- und Abstandsregeln, schrumpfender öffentlicher Raum sowie kalte Nächte im Freien – wohnungslose Menschen in Marburg kämpfen derzeit neben Kälte und Nässe auch mit den Folgen der Corona-Pandemie. Unterstützt werden sie dabei unter anderem vom Diakonischen Werk Marburg-Biedenkopf sowie der Universitätsstadt Marburg.

Wie viele Menschen in Marburg von Wohnungslosigkeit und damit von der derzeitigen Situation betroffen sind, lasse sich nur schwer beziffern, auch weil sich aufgrund der Pandemie diese Menschen immer weiter zurückziehen, weiß Helmut Kretz vom Diakonischen Werk Marburg-Biedenkopf. „Der öffentliche Raum ist kleiner geworden und auch Durchwanderer gibt es kaum noch “, sagt er. Denn dort, wo sich in Zeiten vor der Corona-Pandemie wohnungslose Menschen in den Gängen der Kaufhäuser kurzzeitig aufwärmen konnten, gebe es diese Möglichkeit nun viel seltener.

Beheiztes Zelt und Fenster-Hof-Gespräche

Bereits seit Jahren bietet das Diakonische Werk mit der Tagesaufenthaltsstelle (TAS) in der Gisselberger Straße 35 sowie einer Fachberatung für Wohnungslose einen geschützten und anonymen Aufenthaltsraum für wohnungslose Menschen. Hier konnten die Betroffenen unter anderem, neben einem Frühstück, kostenlos duschen und ihre Haare schneiden, ihre Wäsche trocknen sowie waschen oder auch im Internet surfen. Vor allem während der kalten Jahreszeit und aufgrund von Corona-Auflagen mussten diese Angebote allerdings angepasst werden. „Auch wir müssen uns an dem entlanghangeln, was noch geht, aber versuchen, weiterhin vieles möglich zu machen“, sagt Kretz. Er schätzt, dass derzeit täglich etwa 30 Menschen, überwiegend Männer – ein Viertel Frauen – im Alter zwischen 25 und 45 Jahren die TAS aufsuchen, wobei sich eine Altersgruppe kaum noch blicken lässt: „Die Älteren bleiben derzeit eher fern“, sagt er. Und während im Durchschnitt 2020 rund 29 Personen am Tag kamen, waren es im vergangenen Jahr rund 40.

Weiterhin gibt es hier die Möglichkeit, sich mit Notbekleidung auszurüsten, seine Wäsche zu waschen oder auch zu duschen – wenn auch alles beschränkt durch einen Einzeleinlass. Notdürftig wurde ebenso zur Verpflegung ein etwa 60 Quadratmeter großes, beheiztes Zelt errichtet und auch die Medizinsprechstunde „Krank auf der Straße“ findet weiterhin statt. Hausbesuche und Wohnungsbesichtigungen werden dagegen nur in Einzelfällen durchgeführt, bestätigt Kretz. Als großes Problem empfindet Kretz vor allem, dass die Zeit für Gespräche mit den Menschen zu kurz komme. „Früher konnten sie sich über Stunden aufladen. Heute ist die Zeit limitiert, auch für das Essen“, sagt Kretz. Einzelgespräche fänden nun zum Großteil als sogenannte „Fenster-Hof-Beratung“ statt, bei der die zu beratende Person draußen vor dem Fenster steht, während sich eine Mitarbeiterin beziehungsweise ein Mitarbeiter über das Fenstersims mit dieser unterhält.

Übernachtung: Container sind beheizt

Viele der Klientinnen und Klienten der Fachberatungsstelle kämen auf der Suche nach Rat, in Bezug auf beispielsweise drohenden Wohnungsverlust oder bereits eingetretene Wohnungslosigkeit. Gründe für die Wohnungslosigkeit gibt es viele, sagt Kretz. Zum einen wären es persönliche Schicksalsschläge, Beziehungsverluste oder auch der des Arbeitsplatzes. Im Jahr 2020 nahmen 461 Klientinnen und Klienten das Angebot an, davon 60 ohne Mietvertrag. Neben der Organisation von Grippeschutz- und Coronaschutzimpfungen, warmen Mahlzeiten sowie Winterkleidung und Ausrüstung wie Schlafsäcken und Isomatten gibt es im TAS die Möglichkeit, in kalten Nächten in einem der zwei beheizbaren Wohncontainer zu übernachten.

Das Diakonische Werk Marburg-Biedenkopf bietet in der Gisselberger Straße 35 eine Tagesaufenthaltsstelle für Wohnungslose an. Quelle: Tobias Hirsch

„Es ist zwar nicht groß, aber für diese Menschen ist das was ganz besonderes“, sagt Kretz. Derzeit sei das Diakonische Werk weiter auf der Suche nach einem weiteren Standort im Stadtgebiet, bislang jedoch ohne Erfolg. „Uns wäre sehr geholfen, wenn eine Bürgerin oder ein Bürger auf seinem Grundstück einen Wohncontainer aufstellen lassen würde“, bittet Kretz daher.

Stadt arbeitet an Alternative für Menschen mit Hund

Zwar stehe Menschen für vorübergehende Übernachtungszwecke das städtische Übernachtungsheim in der Gisselberger Straße 35 zur Verfügung, jedoch seien Unterkünfte mit vielen Betten oft wenig attraktiv, weil es dort zu Übergriffen und Eigentumsdelikten kommen könne, weiß auch die Stadt Marburg. Während hier im Normalfall 14 Betten zur Verfügung stehen – davon zwei für Frauen in separaten, abgegrenzten Zimmern –, sind es nun noch die Hälfte. „Derzeit nutzen zwei bis vier übernachtende Gäste das städtische Übernachtungsheim“, teilt die Stadt mit.

Die Mitarbeiter Alexander Becker (rechts) und Miguel Sanchez (links) des Diakonischen Werkes verteilen Lebensmittel an wohnungslose Menschen. Mitarbeiter des Diakonischen Werkes verteilen Lebensmittel an wohnungslose Menschen. Quelle: Privatfoto

Eine weitere Problemlösung sieht die Stadt bei Wohnungslosen mit Hund, denn bislang können Gäste der TAS für ihre Haustiere lediglich einen Hundezwinger oder einen Freilaufbereich nutzen. Da sich allerdings viele Hundebesitzer nicht von ihren Tieren trennen möchten, sei es auch nur für eine Nacht, hofft die Stadt mit der Einrichtung eines „Vinzi-Dorfes“ hier einen großen Schritt zu machen. So hat die Stadtverordnetenversammlung im November vergangenen Jahres entschieden, dieses Projekt zu prüfen. Diesem Konzept nach könnten somit Wohnungslose in Mini-Häuschen untergebracht werden – zusammen mit ihrem vierbeinigen Gefährten.

„Aufgefangen werden die anfallenden Kosten bislang durch die Coronahilfen der Diakonie Hessen und durch viele Einzelspenden von Bürgerinnen und Bürgern“, erzählt Kretz. Daneben würden jedoch auch Serviceclubs wie die Lions und Rotarier vielfach unterstützen. „Über die Verteilstelle des THW in Marburg erhielten wir mehrfach Schutzmaterialien wie Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel“, sagt Kretz. Darüber seien sie sehr dankbar. Wer selbst an die Diakonie spenden möchte, kann sich auf der Homepage des Diakonischen Werkes informieren.

Die TAS ist derzeit sonntags bis freitags jeweils täglich in der Zeit von 11 bis 15 Uhr geöffnet und steht mit verschiedenen Angeboten zur Verfügung, weitere Informationen siehe Homepage https://dw-marburg-biedenkopf.de/index.php?id=61.

Von Felix Hamann