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Marburg Ob mit oder ohne Mundschutz: Marburger halten Abstand
Marburg Ob mit oder ohne Mundschutz: Marburger halten Abstand
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13:00 27.04.2020
Alessandro Sedile überreicht Heike und Klaus Hildebrand ein Eis. „Es könnten mehr Kunden kommen, aber besser als zu Hause rumzusitzen“, sagt der Marburger über die erste Woche, die das Eiscafé in der Biegenstraße unter Auflagen wieder geöffnet hatte. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Das Ende hat einen Soundtrack. Am letzten Einkaufstag ohne Mundschutzpflicht in Marburg spielen Emily Peach und David Studtrucker auf dem Südviertel-Markt Violine und Akustikgitarre. Sie machen „Musik gegen Corona“ – und treffen den richtigen Ton. Denn das bekannte Gewimmel auf Marburgs erfolgreichstem Wochenmarkt ist auch während der Corona-Pandemie nicht viel weniger als vorher. Aber das Gedränge ist der 1,5-Meter-Abstandsregel gewichen; und an diesem Samstag kämpfen viele irgendwie und auf ihre Weise gegen Corona.

Die einen fröhlich lächelnd mit Musik, die anderen bereits mit Mundschutz. Alle jedenfalls in einem Abstand, der meist gar weit über die eineinhalb Meter hinausgeht. „Es ist doch leicht, die wenigen Regeln einzuhalten: Hände waschen, Distanz wahren und das Gesicht teilweise bedecken. Man muss das nur verinnerlichen, es nützt ja allen“, sagt die 25-jährige Tabea Bender und kauft ein paar Blumen, bevor sie einigen entgegenkommenden Marktbesuchern artig Platz macht. Was die Einhaltung erleichtert: Die Stadt hat zuletzt die Marktstände bis zur Gutenbergstraße auseinandergezogen.

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Auffällig: Im Vergleich zum Rest der Innenstadt tragen auf dem Markt überdurchschnittlich viele Kunden bereits einen Mund-Nasen-Schutz. Manche die eher klinischen Varianten, andere bunte, selbstgenähte oder gekaufte Stoffmasken. Ein Bild, das es entlang der alles andere als überfüllten Universitätsstraße, in der eher leeren „Marburg Mall“ oder in der Oberstadt zwischen Barfüßerstraße und Steinweg so nicht gibt.

Vereinzelt, wie bei der 24- jährigen Merle Koch, die sagt: „Vorsicht ist besser als Nachsicht.“ Aber die meisten scheinen die Freiheit ihrer Gesichter und ihres Verhaltens solange hinauszögern zu wollen, wie es geht. „Wenn ich so ein Teil jetzt halt anziehen muss, mache ich das eben. Aber sicher nicht gerne und schon gar nicht im Freien“, sagt der 64- jährige Ulrich Tepper und deutet auf eine im Auto an der Ampel wartende Frau.

„Bevor ich nicht einkaufen gehen darf oder sogar bestraft werde, ziehe ich sie dann an. Aber zugegebenermaßen widerwillig – da es ja auch gar nicht klar ist, ob es was bringt“, sagt die 68-jährige Gerlinde Hahn.

Ganz anders die Sicht auf den Nutzen und das Verhalten in und vor den Läden in der Ober- und Innenstadt: Es wird geduldig gewartet, auf die Vorgaben geachtet, nicht gedrängelt.

Nur eine Momentaufnahme? Nein, sagen Händler in verschiedenen Geschäften im OP-Gespräch. Die ganze Woche seit der Wiederöffnung sei praktisch so gelaufen, selbst vereinzelte Missachtungen etwa der Abstandsregel seien Kunden eher versehentlich geschehen und nach Hinweis „entschuldigend, manchmal fast beschämt akzeptiert worden“, wie Verkäuferin Heike Schmidt sagt.

Viele Läden, die geöffnet haben, bauten sich Plexiglasscheiben vor den Kassenbereich, stellen Desinfektionsmittel bereit, haben an die Schaufenster oder vor die Eingangstür Hinweise gestellt, wie viele Kunden zeitgleich in den Laden kommen dürfen. Drei sind es gerade in der Buchhandlung am Markt, als Thorsten Fischer durch seinen Mundschutz zu ihnen spricht, sie berät. „Es ist lebendiger geworden, das sorgt für ein bisschen Erleichterung. Aber das ist ja alles erst der Anfang, und viele bleiben weiter zu Hause, das merken wir auch daran, dass wir weiterhin viel anliefern.“ Aber die Situation jetzt sei „besser, als nur am Telefon zu hängen, es ist schön, wieder mit Menschen in Kontakt zu kommen“.

Ordungsamt: Kaum Verstöße gegen Abstandsregeln

Während unten im Südviertel Marktbeschicker wie Lars Kroh hier und da Kleingruppen vor ihren Ständen mahnen, sich etwas weiter auseinanderzustellen, gibt es oben an der Wasserscheide zwar niemanden, der die Grüppchen anspricht. Rund um den „Christian“ schleckt mancher Eis, sitzt auf der Terrasse nahe des Boten-Denkmals und lauscht der Musik eines Gitarrenspielers. Aber auch, wenn keiner das Metermaß anlegt, stehen sich die Bummler nicht auf den Füßen. „Ups“, sagt mancher, wenn ihm – ins Gespräch vertieft – auffällt, dass man sich vielleicht doch näher kommt, als es erlaubt ist. Die Reaktion bei solchen Szenen in der Regel: kichern, albern, Grimassen schneiden. Ordnungsamt und Magistrat hatten auf OP-Anfrage schon vor dem Wochenende bilanziert, dass es seit dem Ladenöffnungsdatum kaum Verstöße gegen die Abstandsregeln gegeben habe und es insgesamt schon seit Wochen „außerordentlich gut“ laufe. Trotz der entspannten Stimmung ist in vielen Gesprächen in Marburg zu hören: Weder Abstandsregeln noch Mundschutz sollen dauerhaft so bleiben.

von Björn Wisker

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