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Marburg Verbannt ins Schlafzimmer
Marburg Verbannt ins Schlafzimmer
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09:36 18.03.2020
Themenfoto: Quarantäne bei Corona. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Langweilig ist ihm, und genervt ist er auch. Christian G.* (Name von der Redaktion geändert) sitzt seit Freitag rund um die Uhr im Schlafzimmer fest. Er ist mit dem Coronavirus infiziert und muss nun zwei Wochen in häuslicher Quarantäne leben.

Viele Fragen musste er schon beantworten, Freunden, Bekannten, dem Gesundheitsamt. Das meldet sich jeden Tag und fragt nach Symptomen. Zwei Mal am Tag muss er Fieber messen und die Werte durchgeben. „Ich habe nichts. Außer ein bisschen Kopfschmerzen“, sagt der 35-Jährige am OP-Telefon.

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Gestern vor einer Woche hatte er sich mit Freunden und seinem Bruder auf den Rückweg aus Ischgl in Österreich gemacht. „In Ischgl kamen die Informationen nur scheibchenweise raus. Es wurde erzählt, dass es einen infizierten Barkeeper gegeben hätte. In der Bar waren wir auch einmal“, erzählt Christian G. Als die Corona-Informationen in den Medien immer akuter wurden, „da wurden wir immer nervöser. Ich hatte wirklich ein sehr mulmiges Gefühl.“

Also entschied die Gruppe, den Skiurlaub einen Tag früher abzubrechen. Denn mittlerweile hatten sie gehört, dass wohl auch Hotelpersonal Virus-Träger seien und schon länger infizierte Urlauber auf den Hotelzimmern in Quarantäne saßen.

Schon auf dem Rückweg, vergangene Woche Dienstag, informierte er seinen Chef und rief beim Gesundheitsamt an. „Die haben gesagt, dass Tirol kein Risikogebiet sei, und deswegen gab es auch keinen Test“, berichtet er. Genauso sah es auch der Hausarzt, der ebenfalls kein Risiko sah. Nur der Werksarzt äußerte Zweifel und teilte der Werksleitung mit, dass Christian G. nicht zur Arbeit kommen solle. Mittlerweile war es Mittwoch, der Marburg-Biedenkopfer im ständigen Kontakt mit seiner Frau und den zwei Kindern. „Von anderen Personen habe ich mich fern gehalten, auch von meinen Eltern, die Risikopatienten sind.“

Auf Initiative seiner Ehefrau, die in einem klinischen Beruf arbeitet, ließen sich beide privat testen mit dem Ergebnis: er positiv, sie negativ. Andere aus der Urlaubergruppe ließen sich auch testen. „Insgesamt gab es 12 positive Ergebnisse und zwei negative. Mit einem von den beiden habe ich mir eine Woche das Zimmer geteilt. Warum der das Virus nicht hat – keine Ahnung“, sagt Christian G. am OP-Telefon.

Alle leben auf einer Etage

Sein Ergebnis wurde dann sofort dem Gesundheitsamt mitgeteilt, und nun ist er seit Freitag in häuslicher Quarantäne – drei Tage nach seiner Rückkehr. In einem ausführlichen Telefongespräch wurde ihm erklärt, wie er und seine Familie sich jetzt zu verhalten haben und abgefragt, mit wem er alles Kontakt hatte. Seine Kinder und die Schwiegereltern, die mit im Haus leben, sie alle haben sich nun auch testen lassen. Seine Frau zum zweiten Mal. Die Ergebnisse sind noch offen. „Wenn die auch in Quarantäne muss, dann haben wir echt ein großes Problem“, macht sich der 35-Jährige Sorgen.

„Ich lebe jetzt im Schlafzimmer“, sagt er zähneknirschend. Das Essen reichen ihm seine Frau und die Kinder durch die Tür, gesprochen wird nur kurz mit genügend Sicherheitsabstand, er benutzt alleine die Gästetoilette. „Wir leben alle auf einer Etage, das ist schon schwierig“, hat er in den wenigen Tagen Quarantäne festgestellt. Fernsehen und DVD gucken, auf dem Handy datteln und eben im Internet surfen sind seine einzige Ablenkung zur Zeit. Christian G. sehnt den 19. März herbei. Dann wird er wieder getestet. Zwei Mal innerhalb von 24 Stunden. „Ich hoffe, dann ist das hier alles endlich vorbei.“

Von Katja Peters