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Marburg Parallelwelt Schulbus
Marburg Parallelwelt Schulbus
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11:17 03.09.2020
Dicht an dicht stehen Schüler an der Bushaltestelle Radestraße in Marburg. Die meisten Fahrgäste setzen die Maske im Bus auf. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Es herrscht bedrückende Enge, jede Menge Kinder und Jugendliche füllen jeden irgendwie verfügbaren Raum im Stadtbus, der durch Marburgs Straßen rumpelt. Sitzplatz? Fehlanzeige. Dann eben stehen, mitten im Gang, eingeklemmt zwischen Haltegriffen und Schulranzen, mit dutzenden Schülern, oft Schulter an Schulter. Ein ungewohntes Gefühl, gerade in Coronazeiten, hat man sich doch eigentlich an eine breitere „Komfortzone“ gewöhnt. Eine ganz andere Welt.

Vor wenigen Minuten gab es diese Freiheit noch, da war es relativ ruhig in der Schwanallee, gegen ein Uhr Mittags. Dann schlagartig gehen die Schleusen auf, wie an jedem Schultag strömen hunderte Schüler aus der Leopold-Lucas-Straße. In Trauben wandern sie die engen Gehwege entlang, stehen gedrängt an der Haltestelle. Überall baumeln Masken von Handgelenken oder unter dem Kinn, kaum einer trägt die schon dort, wo sie eigentlich hingehören.

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Die Maskenpflicht wird eingehalten

Dann kommt die Linie 1 in Sicht, alles sammelt sich am Bordstein, Ranzen werden geschultert, Masken hochgezogen. Schnaufend öffnen sich die Türen und der Strom vorbei am Fahrer hinter der Plexiglasscheibe nimmt seinen Lauf. In kürzester Zeit ist der Bus voll, ein Durchkommen kaum noch möglich. Die Masken bleiben in der dicht an dicht stehenden Menge aber zum ganz großen Teil oben. Vor allem im vorderen Bereich in der Nähe des Fahrers.

Je weiter es nach hinten geht, desto lascher händelt mancher diese Pflicht. Vereinzelt endet die Maske schon nach ein paar Minuten unter der Nase. Ganz hinten ist ordentlich Trubel, einige Jungen sprechen lachend miteinander, einer zieht im Gespräch das Stück Stoff kurzerhand ab. Zu stören scheint das die Nachbarn nicht.

Schwankend bremst der Bus ab, automatisch greift man als stehender Fahrgast zu einer der Haltestangen. Wer hat die wohl den Tag über schon alles angefasst? Ganz zu schweigen von den Halteknöpfen – wer aussteigen will, kommt um das Drücken nicht herum. Am Südbahnhof steigen weitere Passagiere zu, es wird noch voller, und warm, vor allem unter der Maske. „Bitte ins Fahrzeuginnere aufrücken und die Türbereiche räumen“ schallt eine Durchsage aus dem Lautsprecher. Einfacher gesagt als getan. Eine Frau ohne Maske steigt ein, einige irritierte Blicke folgen ihr.

Ein seltenes Bild dieser Tage, erst recht im Bus. Und auch nicht die Regel, berichten einige Fahrgäste: „Die meisten sehen ein, wie wichtig das ist, und lassen die Maske auf“, berichtet eine Schülerin. Zuletzt gab es Meldungen von schludrigen Schülern, die gegen die Maskenpflicht im Bus verstießen, weniger die kleinen, sondern die Jugendlichen standen in der Kritik. Auf dieser Tour scheint es eher umgekehrt zu sein, die Älteren halten sich daran, nehmen die unbequeme Pflicht hin, „das ist eben die Regel“, sagt ein Jugendlicher schulterzuckend. Auch der Busfahrer bestätigt: „Etwa 98 Prozent halten sich an die Maskenpflicht.“

Landkreis geht von geringem Infektionsrisiko aus

Die herrscht in öffentlichen Verkehrsmitteln, da dort der Mindestabstand nicht eingehalten werden muss, das gilt auch für die Haltestellen. Wer im Bus keine Maske trägt, dem kann ein Ordnungsgeld von 50 Euro drohen. Wie der Landkreis auf Nachfrage mitteilt, nehme man Hinweise zu Verstößen „sehr ernst“ und gehen ihnen „gründlich nach“. Durch die Ordnungsbehörden werde auch „stichprobenartig“ kontrolliert.

Wegen möglicher zusätzlicher Kontrollen stehe man im Austausch mit den Busunternehmen. Allerdings fallen nicht alle Schulbusse in die Verantwortung des Kreises beziehungsweise Regionalen Nahverkehrsverbandes Marburg-Biedenkopf (RNV), sondern werden teils auch direkt vom RMV gestellt. Die Enge in den Bussen sei gerade zum Schulstart wie in jedem Jahr Thema gewesen, „zwischenzeitlich hat sich die Situation nach unserer Beobachtung zumindest in Teilen entspannt“, so der Kreis weiter.

Einfach mit finanziellen Mitteln lasse sich die Lage dabei nicht lösen, denn es stünden weder weiteres Personal noch genug Fahrzeuge für die Spitzenzeiten zur Verfügung: „Um die Situation tatsächlich zu entzerren, wären vier Mal so viele Schulbusse erforderlich wie derzeit vorhanden.“ Forderungen nach zusätzlichen Bus-Kapazitäten, etwa durch Reisebusse, seien personell nicht sofort umzusetzen. In dieser Frage sei das Land gefordert, so sieht das auch der Hessische Landkreistag.

Der Kreis appelliert „an das Verantwortungsbewusstsein jedes und jeder Einzelnen“, geht indes davon aus, „dass das Infektionsrisiko im ÖPNV recht gering ist. Uns sind derzeit keine Fälle bekannt, dass es im Schulbus zu einer Infektion gekommen ist.“ Zurück im Bus: Die Verantwortung scheint der Großteil zu erfüllen, Probleme mit jungen Passagieren gebe es weniger, eher mit Erwachsenen, berichtet der Busfahrer. Als wolle er die Einschätzung bestätigen, steigt gerade ein Mann mit Tuch vor dem Gesicht zu, das nach ein paar Minuten herunterrutscht und ignoriert wird.

Gegenseitige Ermahnungen der Fahrgäste

Doch es gibt auch aufmerksame Fahrgäste: Einem Jungen von der Rückbank scheint es im Sitz zu langweilig zu werden, er hangelt sich grinsend an den Haltegriffen entlang, die Maske baumelt unter dem Kinn. „Hast du nicht etwas vergessen?“, spricht ihn ein Mann scharf an. Da war ja was, nickend zieht der Gescholtene die Maske hinauf. „Na, es geht doch“, lobt eine Frau ein paar Sitze weiter. „Wenigstens hat er gleich reagiert, das macht nicht jeder – es wurden auch schon Leute ohne Maske rausgeworfen“, erzählt sie.

Das kann der Busfahrer nicht bestätigen, er dürfe Fahrgäste deswegen auch gar nicht aus dem Bus werfen, berichtet er auf Nachfrage. Auch bei Verstößen gegen die Maskenpflicht ermahnen die Fahrer in der Regel nicht, die sich auf die Straße konzentrieren sollen, „die Fahrgäste ermahnen sich manchmal eher gegenseitig“. Ebenso eine neue Durchsage, die auf Knopfdruck die Fahrgäste an die Maske erinnert, „die setzen wir auch regelmäßig ein“.

Auf dieser Fahrt war das wohl nicht notwendig, am Pommernweg endet die Tour, die letzen drei – ordentlich maskierten – Schüler steigen sichtlich erleichtert aus. Das Stück Stoff kann im Schulranzen verschwinden. Bis zur nächsten Busfahrt.

  • Um die aktuelle Lage in den Schulbussen geht es auch im OP-Talk am Donnerstag (3. September), der ab 19.30 Uhr per Livestream auf unserer Facebook-Seite sowie auf der Webseite der OP übertragen wird. Zuschauer können live Fragen an die Expertenrunde stellen.

von Ina Tannert