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Marburg „Wir packen es nur gemeinsam“
Marburg „Wir packen es nur gemeinsam“
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20:10 24.07.2020
Dr. Ulrike Kretschmann, Dr. Birgit Wollenberg sowie die Professoren Stephan Becker und Harald Renz informierten im OP-Livestream rund um das Thema „Corona – schaffen wir das?“ am 22. Juli. Carsten Beckmann und Nadine Weigel moderierten die Veranstaltung. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Corona – schaffen wir das?“, so lautete die Frage, die OP-Redakteur Carsten Beckmann am Mittwochabend vier heimischen Expertinnen und Experten stellte: der niedergelassenen Allgemeinärztin Dr. Ulrike Kretschmann, der Leiterin des Gesundheitsamts Dr. Birgit Wollenberg, dem Ärztlichen Geschäftsführer des UKGM Professor Dr. Harald Renz und dem Virologen Professor Dr. Stephan Becker.

Sind wir auf eine zweite Welle vorbereitet?

„Wir packen es nur zusammen“, antwortete Virologe Dr. Stephan Becker am Ende des OP-Talks von Oberhessischer Presse, mr//media und flashlight Veranstaltungstechnik, und auch Dr. Birgit Wollenberg stieß in das gleiche Horn: „Wir schaffen es, weil wir im Landkreis erfolgreich Strukturen aufgebaut haben, in denen alle Akteure eng zusammenarbeiten.“ „Wir haben viel gelernt in der Corona-Pandemie, und die Krankenhäuser, aber auch die anderen Akteure sind hervorragend auf eine mögliche zweite Welle vorbereitet.“

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Dr. Kretschmann wünscht sich, dass zumindest alle Urlaubsrückkehrer - auch aus Nicht-Risikogebieten -, die in sozialen Berufen wie Altenpflege oder Krankengymnastik arbeiten, kostenlos getestet werden können, auch wenn sie keine Symptome aufweisen - um chronisch Kranke zu schützen. Derzeit müssen die Kosten bei asymptomatischen Testungen von 173 Euro selbst bezahlt werden. Diese Kosten sollten laut Dr. Kretschmann von der Landesregierung getragen werden. Auch sollten ihrer Meinung nach alle Kinder unmittelbar vor Schulbeginn auf Landeskosten getestet werden, um das Infektionsrisiko in den Schulen zu minimieren.

Erst in dieser Woche sind solche Tests für Menschen beschlossen worden, die aus Risikogebieten zurück aus dem Urlaub kommen.

Große Hoffnungen setzen alle Beteiligten auf einen Impfstoff. Aber wird der überhaupt kommen? Professor Stephan Becker ist da zuversichtlich. „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch“, sagt der Virologe, es gebe rund 200 Impfstoffkandidaten, die unter Hochdruck in die klinischen Tests gingen. Mitte kommenden Jahres könnte ein Impfstoff da sein, glaubt Becker, weil die Vorbereitung auf verschiedene Testphasen zum Teil parallel laufen. „Ich glaube nicht, dass signifikante Kompromisse zu Lasten der Sicherheit getroffen werden“, ergänzt Becker, räumt aber ein, dass man seltene Nebenwirkungen erst dann erkennen könne, wenn es sehr viele Impfungen gebe.

Mutiert das Virus?

Ein Zuschauer des Livestreams wollte wissen, inwieweit und wie schnell das Virus mutiert. „Ja, es wird Mutationen geben“, antwortete Becker. Ist aber ein Impfstoff erst einmal da, könne er leicht an mutierte Erreger angepasst werden. „Man muss also nicht zurück auf Los“, sagte er.

OP-Redakteurin Nadine Weigel, die während des Talks die Zuschauerreaktionen im Netz sammelte und in die Runde weitergab, problematisierte die Frage, wie die Impfungen organisiert werden müssen, wenn erst einmal ein wirksamer Impfstoff da ist: „Wie werden die Impfdosen verteilt?“ Das sei eine Frage, die die Politik beantworten müsse, antwortete Becker. Er plädierte aber dafür, dass Ältere, Vorerkrankte und im Gesundheitswesen Tätige Vorrang haben sollten.

Drohen im Herbst volle Praxen?

Skeptisch gegenüber Reihentests äußerte sich Professor Harald Renz. Er berichtete von einem freiwilligen Test am UKGM, an dem 3.600 der rund 5.000 Mitarbeitenden mitgemacht haben. Weniger als 20 Menschen wurden positiv getestet, berichtete Renz, und Professor Stephan Becker berichtete von anderen Reihentests, bei denen die Ergebnisse ähnlich ausgefallen seien.

In jedem Fall sei es noch „eine lange Strecke“, bis man das Coronavirus erfolgreich bekämpfen könne, sagte Gesundheitsamts-Chefin Dr. Birgit Wollenberg. Bis dahin werde das Gesundheitsamt weiterhin alles daran setzen müssen, um Erkrankte so schnell wie möglich zu finden und zu isolieren. Das werde im Herbst, wenn die traditionelle Erkältungswelle anrolle, in vollen Arztpraxen besonders schwierig, wandte Carsten Beckmann ein, der aber von Dr. Ulrike Kretschmann beruhigt wurde: „Es wird keine übervollen Praxen geben“, sagte sie. Dr. Kretschmann setzt auf das jüngst etablierte Instrument der Sprechstunde per Video. Sie sei zunächst gegen die Videosprechstunde gewesen, aber „Das ist das Medium, das man jetzt nutzen muss“, sagte sie.

Sind Einmal-Handschuhe sinnvoll?

Einig waren sich alle Diskutanten über den gelegentlich belächelten oder ins Lächerliche gezogenen Mund-Nasen-Schutz. „Der Infektionsschutz über Maske hat extrem gut funktioniert, das sollten wir uns nicht kaputtmachen“, sagte Dr. Ulrike Kretschmann, und Professor Harald Renz wiederholte eine zwar eigentlich bekannte, aber gelegentlich für zu banal befundene Faustregel: „Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz tragen, Hände desinfizieren.“ „Jeder hat es selbst in der Hand“, so Renz. Der medizinische Mund-Nasen-Schutz schütze am besten, „wenn wir uns alle daran halten.“ Das Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung sei eine „Geste der Solidarität“. Die zu Beginn der Corona-Pandemie oft gesehenen Einmal-Handschuhe sind dagegen nicht nur nicht sinnvoll, sondern erhöhen eher das Infektionsrisiko, sagte Dr. Birgit Wollenberg.

Ein vernichtendes Urteil gab Professor Dr. Harald Renz über die Corona-Warn-App der Bundesregierung ab. „Sie funktioniert nicht, weil die Daten der Krankenhaus-Labore nicht übermittelt werden.“ Die Menschen würden so in trügerischer Sicherheit gewogen.

von Till Conrad

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Sie haben den Livestream verpasst? Hier geht es zum Video des OP-Talks "Corona – schaffen wir das?"