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Marburg Die Technik auf dem Vormarsch
Marburg Die Technik auf dem Vormarsch
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15:58 04.10.2021
Beginn der Motorisierung in der Landwirtschaft in Ernsthausen: Arbeit mit einer frühen Dreschmaschine im Jahr 1932, die noch mit Dampfkraft angetrieben wurde. Gedroschen wurde auf dem Hof von Ungemach (Dorfname: „Schonk Hannes“) in Ernsthausen.
Beginn der Motorisierung in der Landwirtschaft in Ernsthausen: Arbeit mit einer frühen Dreschmaschine im Jahr 1932, die noch mit Dampfkraft angetrieben wurde. Gedroschen wurde auf dem Hof von Ungemach (Dorfname: „Schonk Hannes“) in Ernsthausen. Quelle: Privatfoto
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Ernsthausen/Rollshausen

Motorenbrummen statt Muskelschmalz: Der Wechsel zwischen der reinen Handarbeit hin zur motorgestützten Produktion war für die Menschen eine prägende Zeit des Umbruchs. In allen Bereichen des täglichen Lebens erlangten die Maschinen immer mehr die Oberhand. Auf der Straße, auf dem Hof, auf dem Feld – überall war gerade im 20. Jahrhundert die wachsende Motorisierung im Alltag spürbar.

Zwar sorgte die Entwicklung der Dampfmaschine lange zuvor schon für Furore, bis sich aber flächendeckend alltagstaugliche Maschinen in jedem Winkel der Region ausbreiteten, verging noch viel Zeit. Im 19. Jahrhundert entstanden zunehmend effizientere Dampfkraftwagen – ebenso zahlreiche Elektroautos, bis sich schließlich der Verbrenner durchsetzte. Davon war im Alltag auf dem Land noch nicht viel zu spüren. Das änderte sich rapide ab Anfang des 20. Jahrhunderts.

Auffallend viele historische Aufnahmen gerade aus den 1930er-Jahren sind mancherorts erhalten geblieben und zeigen die stolzen technischen Errungenschaften der Landkreisbewohner. Viele entstanden als Marke Eigenbau: Denn nicht nur die technische Ausstattung im privaten wie beruflichen Leben wuchs, auch der Einfallsreichtum der Menschen, die auf heimischen Höfen an eigenen Innovationen bastelten.

Eigene Kreationen entstanden etwa in Rauschenberg-Ernsthausen. Daran erinnert sich Herbert Schildwächter aus Hertingshausen, der über den Beginn der Motorisierung in der Landwirtschaft berichtet. Gerade im landwirtschaftlichen Bereich gab es früher noch kaum technische Hilfsmittel – Gras und Getreide wurden erst mit der Sense gemäht, später per Mähmaschine mit vorgespannten Pferden oder Kühen. Es folgten die ersten Schlepper – einen davon hatte sich der Schmied Wilhelm Dehnert aus Ernsthausen selbst zum Grasmähen und sicher mit großem technischen Verständnis zusammengebaut.

Das Bild entstand um 1934/35 und zeigt ihn auf dem Vehikel. Dessen Vorgänger war noch ein Mähschlepper mit drei Rädern (zwei Vorderräder und ein Hinterrad), bei dem jedoch das hintere Antriebsrad immer wegrutschte. Kurzerhand baute Wilhelm Dehnert daher dieses vierrädrige Modell. Auf dem Foto neben ihm steht sein Sohn Heinrich Dehnert im Alter von etwa sechs Jahren. Er erbte anscheinend die Begeisterung für Technik und war 1993 Mitbegründer des Landwirtschaftlichen Kultur- und Technikclubs Wohratal. Er verstarb im Jahr 2019.

Rauschenberg-Ernsthausen um 1934/1935: Hier sitzt der Schmied Wilhelm Dehnert auf einem selbst zusammengebauten Schlepper. Neben ihm steht sein Sohn Heinrich. Quelle: Privatfoto

Auch die großen Erntemaschinen auf den Höfen machten technische Entwicklungsschritte durch: Auf einem weiteren Bild ist eine Dreschmaschine zu sehen, die damals noch mit Dampfkraft angetrieben wurde. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1932 und zeigt die Drescharbeiten auf dem Hof von Ungemach („Schonk Hannes“) in Ernsthausen. In späteren Jahren wurde der Dampf- durch einen Elektromotor ersetzt.

Talent zum Eigenbau hatte auch Ferdinand Schmidt („Heuer-Schmidt“) aus Rollshausen, der auf dem nächsten Bild mit seiner Ehefrau Martha in den 1930er-Jahren auf dem Motorrad sitzt.

Ferdinand und Martha Schmidt aus Rollshausen auf ihrem Motorrad in den 1930er-Jahren. Quelle: Privatfoto

Beide fuhren gerne mit dem Zweirad, das der Ehemann zudem noch um einen Beiwagen erweiterte. Mit dem transportierten sie die Eier von ihrer Hühnerfarm für den Verkauf zu Bäckereien in Marburg.

Ihr Sohn Albert Schmidt aus Cappel erinnert sich noch an Erzählungen der Eltern über die holprige Fahrt. Denn dabei gingen stets „trotz sorgfältiger Verpackung“ einige Eier zu Bruch, was nicht nur eine Sauerei verursachte, sondern den ohnehin geringen Gewinn noch schmälerte.

Ferdinand und Martha Schmidt mit Sohn Erich im Jahr 1935 mit ihrem geliebten Opel 1,2 l. Das Auto wurde da gerade eigens für das Erntedankfest in Rollshausen geschmückt. Quelle: Privat

Sie waren aber auch mit dem Auto unterwegs und zwar mit einem besonders schicken Opel 1,2 l: Das Bild zeigt die Eltern und Sohn Erich mit dem Wagen, dem Stolz der Familie. Das Auto ist da gerade zum Erntedankfest in Rollshausen reich geschmückt. Leider wurde der elegante Opel wenige Jahre später von den Nationalsozialisten beschlagnahmt.

Die Familie sah ihn nie wieder. Nur das Foto ist erhalten geblieben, das Albert Schmidt nicht nur viel bedeutet, sondern auch „das Herz eines jeden Oldtimer-Fans höher schlagen lässt“.

Repros historischer Bilder aus dem Kreis zu allen möglichen Themen des Alltags können weiterhin an geschichte@op-marburg.de geschickt werden.

Von Ina Tannert

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