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Marburg "Die Gesellschaft muss umdenken"
Marburg "Die Gesellschaft muss umdenken"
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10:00 29.11.2019
Werner Kißling ist ehrenamtlicher Begleiter für Menschen mit Demenz beim Malteser Hilfsdienst. Zusammen mit der Leiterin ­„Demenzdienste“, Nicole Ofer, betreut er das Begegnungscafé Malta und unterrichtet mit ihr an einer Schule. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Werner Kißling ist ehrenamtlicher Begleiter für Menschen mit Demenz in Marburg. Er hat eine spezielle Ausbildung beim Malteser Hilfsdienst mitgemacht. Bei seinen ehrenamtlichen Einsätzen, beispielsweise im Begegnungscafé Malta, hilft ihm das Wissen im Umgang mit an Demenz Erkrankten. Seitdem konnten schon viele Missverständnisse verhindert werden.

Zusätzlich bildet der Malteser-Hilfsdienst Demenzlotsen aus. 300 Menschen in elf Städten in anderthalb Jahren. Darunter Mitarbeiter in Behörden, Banken, bei der Polizei, aber auch Busfahrer oder Verkäufer. Nicole Ofer ist eine der Ausbilderinnen in Marburg und im Landkreis.

Die Leiterin „Demenzdienste“ beim Malteser Hilfsdienst unterrichtet sogar ein Wahlpflichtfach zum Thema Demenz an ­einer Gesamtschule, zusammen mit Werner Kißling. An so etwas war Ende der 1980er gar nicht zu denken. Zu diesem Zeitpunkt schwappte die „Alzheimer“-Welle von Amerika nach Deutschland.

1989 bildete sich die erste Alzheimer-Gesellschaft

Dort gab es bereits in den 1970er-Jahren erste Initiativen, es gründete sich die Alzheimer Association. In Deutschland war München Vorreiter. Dort 1989 bildete sich die erste Alzheimer-Gesellschaft. Im Jahr 2000 gründete sich eine in Marburg, die heute bundesweit eine der stärksten ist mit ihrem kreisweiten umfassenden Unterstützungsangebot.

Bereits drei Jahre zuvor gab es schon erste Initiativen vom Diakonischen Werk, die im Hinterland einen Gesprächskreis für Angehörige ins Leben gerufen hatten. Mittlerweile gibt es im gesamten Landkreis Begegnungscafés und es haben sich Betreuungsgruppen etabliert. Ebenfalls etabliert haben sich in diesem Zusammenhang ambulante Pflegedienste und Anbieter haushaltsnaher Dienstleitungen.

Durch die Veränderungen im Pflegestärkungsgesetz III kommt es hier in den letzten Jahren vermehrt zu einer Verschiebung der Angebote weg von der Betreuung demenziell veränderter Menschen hin zu Angeboten der haushaltsnahen Dienstleistungen, die über den gleichen Entlastungsbetrag ­finanziert werden.

Betreuungsangebote, die neben der Entlastung der Angehörigen maßgeblich zur physischen und psychischen Unterstützung und Förderung der noch vorhandenen Fähigkeiten der demenziell erkrankten Menschen beitragen, werden deshalb von Angehörigen zunehmend weniger in Anspruch genommen.

Erkrankte in ihrer Selbstständigkeit fördern

„Die Malteser haben sich vor einigen Monaten entschieden, ihr Betreuungsangebot, in dem Ehrenamtliche wie Werner Kißling tätig sind, kostenfrei anzubieten, um hier weiterhin Erkrankte in ihrer Selbstständigkeit fördern zu können und den Zwiespalt der Angehörigen, sich für ein Angebot entscheiden zu müssen, gering zu halten“, so Nicole Ofer von den Maltesern.

Dr. Petra Engel vom Fachbereich Altenplanung der Stadt Marburg sieht die Universitätsstadt grundsätzlich gut aufgestellt und begrüßt die vielen lokalen Allianzen. Allerdings muss für sie noch ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden, hin zu einer „sorgenden Gemeinschaft. Wir müssen weg von dem Gedanken die Demenz reparieren zu wollen. Wir müssen hin zu dem Blick: gut ­leben mit Demenz.“

Für sie sind die Single-Haushalte das größte Problem. „Denn das sind nicht nur Studenten, sondern immer mehr Ältere“, weiß sie aus Erfahrung. Und die wollen, ist sie sicher, in ihrer gewohnten Umgebung weiterleben.

Trotzdem leben schon jetzt 70 Prozent der Menschen, die an Demenz erkrankt sind, in stationären Einrichtungen. Und noch immer erfahren 30 Prozent freiheitsentziehende Maßnahmen wie Fixierung, Ruhigstellung bis hin zum Einschluss.

"Letzteres können nur Menschen und keine Roboter"

Auch kann die Pharmaindustrie ihre Heilungsversprechen von vor 15 Jahren nicht mehr einhalten. Mittlerweile ziehen diese sich immer mehr aus der Forschung zurück. Das hat Dr. Heinrich Grebe von der Universität Zürich herausgefunden, der sich schon während seiner Zeit in Marburg mit der Alters-Demenz-Forschung beschäftigt­ hat.

„In der Zukunft muss es ­also nicht nur darum gehen, wie die Helfer unterstützt werden können, sondern auch um die Selbstbestimmung der an Demenz erkrankten Menschen“, so Heinrich Grebe.

Auch wenn schon viel passiert ist in der Gesellschaft, in der Verwaltung und im Bereich der Pflege – Distanzen und Berührungsängste müssen weiter abgebaut, emotionale Kompetenz weiter ausgebaut werden. „Letzteres können nur Menschen und keine Roboter“, betont ­Petra Engel. So wie Werner Kißling, der im Begegnungs­café ­alte Kirchenlieder singt.     

von Katja Peters