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Marburg Die Ampel steht auf Rot
Marburg Die Ampel steht auf Rot
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07:58 24.06.2020
Frieder Gottwald (von links), Arwed Fischer, OP-Kulturredakteur Uwe Badouin, Josch Emmert und Gero Braach während des Livestreams. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Ein Profimusiker, der Chef einer Firma für Veranstaltungstechnik, ein Konzertveranstalter und der Geschäftsführer eines soziokulturellen Zentrums – ihr gemeinsamer Nenner: Sie alle können wegen der Corona-Pandemie nicht ihrem Broterwerb nachgehen. Bundesweit machten an rund 3 000 Standorten am Montagabend Kulturschaffende mit Lichtaktionen auf ihre Lage aufmerksam.

„Das Lager müsste komplett leer sein“

„Das Lager müsste jetzt eigentlich komplett leer sein“, sagte Hausherr Arwed Fischer: „Im Sommer sind wir normalerweise immer ausgebucht.“ Auf Stadtfesten, und Open-Air-Veranstaltungen müssten jetzt eigentlich all die Bühnenelemente, Scheinwerfer, Verstärker und Mischpulte stehen, zwischen denen die Gesprächspartner von OP-Kulturredakteur Uwe Badouin ihre Sicht der Dinge schilderten. Bassist Frieder Gottwald etwa, der in diesen Tagen eigentlich mit Laith Al-Deen auf Tournee sein sollte: „Alles abgesagt – die geplante Hallentour steht zumindest noch im Kalender.“ Abgesagt sind auch bis auf Weiteres alle Veranstaltungen, die das Konzertbüro Emmert aus Treysa betreut. „Das wären normalerweise zwei bis fünf Veranstaltungen am Tag“, berichtete Juniorchef Josch Emmert, der in die Fußstapfen seines Vaters Hans trat – neben dem Konzertbüro betreiben die Emmerts mittlerweile auch eine Firma für Veranstaltungstechnik, sind in diesem Metier sozusagen Mitbewerber von Arwed Fischers Flashlight. Fischer beantwortete Badouins Frage nach der 30-jährigen Firmengeschichte mit dem Satz: „Entweder, man wurde größer oder man war weg.“ Ein Satz, der in Vor-Corona-Zeiten in der Branche Geltung gehabt haben mag, inzwischen können sich die größeren Veranstalter höchstens noch damit trösten, dass sie die Durststrecke im Zweifel länger aushalten als kleinere Firmen oder gar Ein-Personen-Unternehmen. Doch wie lange halten es die Künstler aus, bevor sie vor dem Ruin stehen? „Ich bin auf meine Gagen angewiesen, um meine Brötchen kaufen zu können“, brachte es Gottwald auf den Punkt. Das sei bei jedem individuell unterschiedlich – wer eine Partnerin oder einen Partner mit festem Einkommen habe, sei vielleicht noch besser aufgestellt: "Aber ich kenne Kollegen, die ihr Equipment verkaufen müssen.“ Die finanzielle Unterstützung des Landes sei für Künstler wie ihn nicht relevant, weil nur Betriebskostenhilfe geleistet werde, kritisierte der Bassist: „Die Ansage an uns lautet: Beantragt Hartz IV!“

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Weil der Kulturladen KFZ in Marburg öffentlich gefördert wird, spricht Geschäftsführer Gero Braach von einer „glorreichen“ Situation im Vergleich zu Clubs, die sich über Ticketverkäufe komplett selbst finanzieren müssen. Doch zu spüren bekommt das Zentrum mit seinen 20 fest angestellten Kräften und 100 Ehrenamtlichen die Krise durchaus. 250 Veranstaltungen finden im KFZ jährlich statt – in diesem Jahr mussten schon 100 Termine abgesagt werden. „Bisher haben wir 66 bis 70 Prozent selbst erwirtschaftet, der Rest waren Zuschüsse – dieses Verhältnis wird sich jetzt umdrehen“, rechnete Braach vor.

Für die privat wirtschaftenden Unternehmen der Veranstaltungsbranche lesen sich die aktuellen Zahlen noch um einiges dramatischer: Emmert etwa sagte: „Wir sind von monatlichen Umsätzen zwischen 400 000 und 500 000 Euro auf null abgesackt.“ Ohne Zahlen zu nennen, pflichtete Fischer ihm bei: „Uns wurde die komplette Arbeitsgrundlage entzogen.“ Bundesweit stehen damit – Informationen der Interessengemeinschaft der Selbstständigen Dienstleisterinnen und Dienstleister (ISDV) zufolge – sieben Millionen Arbeitsplätze zur Disposition. Josch Emmert sagte, dass insbesondere die Ausbildungssituation in der Branche große Sorgen bereite. Er beschrieb die Situation der Auszubildenden, für die es derzeit keine Arbeitsgrundlage gebe. Der Unternehmer verband mit diesem Statement die Forderung an die Regierung, Auszubildende und ausbildende Betriebe stärker finanziell zu unterstützen. „Doch unser Problem ist: Wir haben keine Lobby“, hatte Emmert bereits vor dem OP-Talk geäußert: „Es ist eine kleinteilige Branche ohne große Verbände, wir selbst müssen die Politiker ansprechen.“

Gero Braach äußerte die Hoffnung, dass „Menschen immer Kultur erleben wollen“ – in welchem Format das künftig möglich sein könne, wisse allerdings niemand.

Emmert glaubt, dass „die Großen überleben werden, die es sich leisten können“. Also Konzertveranstalter, die geltende Abstandsregeln dadurch aushebeln können, dass sie Konzerte in Passagierflugzeugen organisieren, in denen die Passagiere nebeneinander sitzen dürfen. Wem indes die Mittel fehlen, etwa einen Abend mit Mario Barth während des Flugs nach Mallorca zu veranstalten, hat auf unbestimmte Zeit schlechte Karten.

„Nicht spielen zu können, schmerzt“

Soweit die Sicht einer Branche, die in Deutschland mit Livemusik zum Beispiel im Jahr 2017 nicht weniger als 1,9 Milliarden Euro umsetzte, wie OP-Talk-Moderator Uwe Badouin erklärte. Ein wenig Hoffnung machte eine weitere Zahl: Mehr als 5,3 Millionen Menschen in Deutschland gingen der Datenplattform Statista.com zufolge allein im vergangenen Jahr regelmäßig auf Konzerte – zu viele Kulturbegeisterte wohl also, um das völlige Wegfallen von Liveveranstaltungen als Dauerzustand hinzunehmen. Und auch die Künstler werden das nicht akzeptieren: „Nicht spielen zu können, schmerzt“, sagte Frieder Gottwald.

Von Carsten Beckmann

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