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Marburg Corona-Gefahr durch „Superspreader“
Marburg Corona-Gefahr durch „Superspreader“
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19:58 11.06.2020
Wenn viele Menschen zusammenkommen und nicht genug Abstand halten, kann ein Corona-Infizierter viele anstecken. Quelle: Archivfoto: Tom Weller/dpa
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Marburg

Sie haben Fragen rund um das Coronavirus? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an beratung@op-marburg.de. Wir sortieren die Fragen vor und legen sie danach einem Experten vor. Diesmal beantwortet Professor Dr. Harald Renz, ärztlicher Geschäftsführer am Uni-Klinikum Marburg, Fragen zur Übertragung des Virus.

Was hat es mit den aktuellen Ausbrüchen auf sich?

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Jüngst erleben wir, nach Einsetzen der Lockerungsmaßnahmen, eine Reihe von bunt in der Republik verteilten, aber nichtsdestotrotz heftigen lokalen Corona-Ausbrüchen.

Hier einige prominente Beispiele, an die Sie sich sicherlich noch gut erinnern können:

Restaurantfeier im Landkreis Leer mit circa 30 Infektionen und über 150 Menschen in Quarantäne.

Über 40 Infektionen in mehreren Familien in Hanau, die allesamt auf einen Gottesdienst in Frankfurt zurückzuführen sind.

Über 80 infizierte Personen und 370 Kontaktpersonen aus Göttingen nach einem Coronavirus-Ausbruch im Zuge einer Familienfeier in Göttingen.

Nach einer Feier einer freikirchlichen Gemeinde in Bremerhaven 58 Coronavirus-Infizierte.

Bei einer Familienfeier zum islamischen Zuckerfest in Bremerhaven mit mindestens elf Infektionen und etlichen Menschen in Quarantäne.

Fast 150 Mitarbeiter eines niederländischen Schlachthofes in Groenlo (nahe der deutschen Grenze) sind infiziert, davon circa 80 in Deutschland. 600 Beschäftigte mussten in Quarantäne.

Ein Schlachthof in Niederbayern mit circa 90 positiv-getesteten Schlachthofmitarbeitern, die allesamt in Gemeinschaftsunterkünften sich angesteckt haben.

Damit erreicht die Coronavirus-Infektion eine neue Qualität. Diese plötzlichen, aber umso heftigeren Ausbrüche sind allesamt lokaler Natur. Sie lassen sich zurückführen auf größere Veranstaltungen, bei denen die Menschen offenbar zu dicht beieinander waren – also die Abstandsgebote nicht eingehalten wurden.

Was zeigen uns diese Ausbrüche?

Es handelt sich allesamt um Menschenansammlungen, häufig sind die Menschen zu dicht beieinander und haben auch keinen ausreichenden Schutz. Unvorsichtiges Verhalten beziehungsweise teilweise sogar Ignoranz gegenüber den empfohlenen Schutzmaßnahmen, kommen in dem einen oder anderen Fall noch mit hinzu.

Was sagen uns die aktuellen Zahlen?

Es ist natürlich erfreulich, dass die Reproduktionszahl nach wie vor sehr niedrig ist (unter 1, je nachdem welche Berechnung man zugrundelegt). Allerdings ist dies ein Wert über Gesamt-Deutschland und das punktuelle Ausbruchsverhalten zeigt uns eben, dass es auf die lokalen Zusammenhänge und die Region ankommt.

Ferner wird daraus auch deutlich, dass es sogenannte „Superspreader” gibt, also einzelne Menschen, die als Infizierte offensichtlich das Virus an ganz viele weitergeben. Ob dies nun an den Erkrankten selber liegt, die gegebenenfalls sehr viele Viren über die Ausatemluft weitergeben, oder ob das Virus in diesen Fällen ganz besonders ansteckend ist, wissen wir nicht.

Damit kommt auch der Zahl an neuen Fällen, über die letzten 7 Tage pro 100 000 Einwohner, eine besondere Bedeutung zu. Hier hat ja die Politik mehr oder weniger willkürlich den Schwellenwert bei 50 neuen Infektionsfällen angesetzt. Diese Grenze wird jetzt in Bremerhaven fast erreicht, und in den Top 5 befinden sich die Landkreise Göttingen, Coburg, Cuxhaven und Lichtenfels (mit knapp 20 neuen Fällen in den letzten 7 Tagen pro 100 000 Einwohnern).

Dem gegenüber haben wir aktuell in unserem Landkreis Marburg-Biedenkopf eine recht entspannte Situation mit lediglich 0,4 neuen Infizierten in den letzten 7 Tagen pro 100 000 Einwohnern. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns jetzt gemütlich zurücklehnen können und zum Alltag der Vor-Corona-Zeit zurückkehren, sondern diese Werte belegen, dass wir mit dem Maßnahmenpaket im Landkreis im Moment sehr gut fahren und diese Strategie hier lokal, regional auch weiterhin beibehalten müssen.

Was gibt es Neues aus den Nachbarländern?

Heute vielleicht einmal ein kurzer Fokus auf Schweden und die Schweiz.

Wir erinnern uns, Schweden sticht ja nach wie vor heraus, weil die Regierung eine relativ liberale und laxe Umgangsweise mit dem Virus seiner Bevölkerung nahegelegt hat. Schauen wir uns aber jetzt die aktuellen Zahlen aus Schweden an, dann ist erschreckend, dass in Schweden über 4 650 Menschen an Covid-19 verstorben sind. Das sind mehr Tote als in allen anderen skandinavischen Ländern zusammen. Des Weiteren fällt in Schweden der schlechte Schutz der alten Bevölkerung auf. Wenige Tests waren bisher verfügbar bzw. wurden eingesetzt, also mittlerweile mehren sich auch in Schweden selbstkritische Stimmen, die sagen, man hätte durch einen strikteren Kurs eine bessere Bewältigung erreichen können. Nunmehr werden ja auch die Maßnahmen in Schweden verschärft.

In der Schweiz fällt auf, dass dort überhaupt gar keine Masken getragen werden und es auch keine Maskenpflicht gibt. Die Schweiz setzt dafür auf rigoroses Einhalten der Abstandsregeln und zwar auf zwei Meter. Aber auch in der Schweiz sind im Vergleich zum restlichen europäischen Ausland überproportional viele Menschen an Covid-19 gestorben. Hier gab es mehrere Hot Spots, nämlich im Tessin (Grenze zur Lombardei), in der Region Genf und Basel sowie im Wallis. Dort hat sich jetzt die Lage auch deutlich entspannt, aber Entwarnung kann auch in der Schweiz noch nicht gegeben werden.

Das ist für die anstehende Öffnung in Richtung Urlaubssaison von großer Bedeutung und man wird sehen, wie die Urlaubsregionen mit Bergbahnen et cetera diese Situation in den nächsten Wochen händeln wird.

Was gibt es Neues zur Verbreitung des Virus?

Zwischenzeitlich sind mehrere Arbeiten prominent publiziert worden, die sich mit der Verbreitung des Virus über die Aerosol- und Tröpfchen-Bildung befassen. Mittlerweile konnte gezeigt werden, dass sich das Virus über eine Distanz von bis zu acht Metern in der Luft verbreiten kann und noch bis zu zehn Minuten in der Luft schwebt, bevor es den Boden erreicht hat. Auch lautes Sprechen kann über Virus-haltigen Speichel zur Ausbreitung beitragen. UV-Lichtanlagen sind hingegen in der Lage, das Virus rasch und gründlich zu inaktivieren. Als Konsequenz daraus sollte also auch in den Innenräumen der Abstand eingehalten werden, und es sollten Masken getragen werden. Die eigene Maske schützt die anderen vor eventuellem Verbreiten eigener Viren, während die Maske der anderen uns schützt vor deren Viren. Regelmäßiges Lüften und eine ausreichende Umluft bei den Klimaanlagen sollten unbedingt vorgenommen werden. Meetings sollten so kurz gehalten werden wie möglich, um dem Virus wenig Zeit zur Verbreitung zu offerieren.

Was ist mit der älteren Bevölkerung?

Insgesamt haben sich die Zahlen über die letzten Wochen hin bestätigt beziehungsweise weiter stabilisiert. Rund zwei Drittel aller Covid-19-Patienten sind zwischen 15 und 59 Jahre alt, Männer und Frauen sind annähernd gleich häufig betroffen. Allerdings ist auffällig, dass annähernd neun von zehn Verstorbenen älter als 70 Jahre sind. Vielfältige Gründe können dafür herangezogen werden, dass die ältere Bevölkerung nach wie vor als besonders gefährdet eingestuft werden muss.

Hierzu zählen zum einen die chronischen Grunderkrankungen, die in der älteren Bevölkerung einfach mehr verbreitet sind. Das Immunsystem des älteren Menschen ist gegenüber Viren und Bakterien schlechter aufgestellt als das des jüngeren Menschen. Und es scheint so zu sein, dass ältere Menschen, gegenüber jüngeren Menschen, deutlich mehr Ankermoleküle für den Eintritt des Virus in die Schleimhautzellen in den oberen Atemwegen aufweist.

Dies könnte umgekehrt auch mit der Grund dafür sein, dass Kinder hier weniger betroffen sind als (ältere) Erwachsene. Gleichzeitig ist die Zahl der Ankermoleküle in den oberen Atemwegen deutlich höher als in den unteren Atemwegen. Deswegen kommt es wohl auch in den oberen Atemwegen ganz besonders gut zur Vermehrung des Virus. In die unteren Atemwege gelangt das Virus dann am ehesten über den Schleim von den oberen Atemwegen aus.

Was können wir für heute als Fazit ziehen?

Nach wie vor heißt es wachsam sein und sich nicht in falscher Sicherheit wiegen zu lassen. Masken tragen, Abstandsregeln, Händedesinfektion und Reinigung stehen nach wie vor ganz oben auf der persönlichen Agenda. Größere Menschenansammlungen sind zu vermeiden. Insbesondere mit Menschen, die wir nicht kennen und deren Infektionslage wir nicht einschätzen können. Bei Symptomen sofort sich um eine Testung kümmern (aber bitte nicht in Praxen oder ins Krankenhaus gehen!). Und das regionale Geschehen im Auge behalten, auch und gerade wenn wir uns jetzt in den kommenden Wochen vielleicht auf die ein oder andere Reise begeben wollen. Und schließlich sind die zur Verfügung stehenden Tests längst nicht so gut und sicher, wie sie vielleicht an der einen oder anderen Stelle proklamiert werden, aber so lange, wie wir nichts Besseres zur Verfügung haben, müssen wir diese Instrumente selbstverständlich so breit wie möglich einsetzen, um Ausbruchsgeschehen zu erkennen und dann auch rasch eingrenzen und beherrschen zu können.

Von unseren Redakteuren

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