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Marburg Armstrongs „weltbewegende Worte“
Marburg Armstrongs „weltbewegende Worte“
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09:56 20.07.2019
US-Astronaut Buzz Aldrin stand am 21. Juli 1969 deutscher Zeit auf der Mondoberfläche. In seinem Helmvisier spiegelt sich sein Kollege Neil Armstrong. Quelle: Neil Armstrong/NASA/dpa
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Marburg

Einige unserer Leserinnen und Leser erinnern sich, dass sie damals noch keinen Fernseher zu Hause hatten.

Helga Ziegenspeck-Jung aus Schwarzenborn etwa, damals 17 Jahre alt.

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„Die ganze Familie ist zu den Nachbarn gegangen, um dieses Ereignis mitzuerleben“, berichtet sie, und: „.Ich kann mich nur noch an die Worte von meiner Großmutter erinnern, die da gesagt hat: ‚Wer weiß, wo die sind – nur nicht auf dem Mond.‘“ Und im Rückblick findet sie: „Schon seltsam, wenn man sich heute Gedanken darüber macht.“

Eine richtige und eine falsche Prognose

Auch Jörg Visser (81) erinnert sich an seine Fehleinschätzung zu Jugendzeiten: „Ich habe schon in der Schule gesagt: Ich werde noch erleben, dass Menschen auf dem Mond landen, aber nicht, dass die Zonengrenze zur DDR fällt“, berichtet er.

Etliche Leser berichten, wie sie die bevorstehende Mondlandung zu kleinen Astronomie– und Technikexperten machte. Gemini-Programm und Saturn-5, Hitzeschild und Servicemodul, Mondlandefähre und der Wortlaut des Funkverkehrs zur Erde waren damals fast jedem zweiten Jugendlichen ein Begriff. Neunjährige Knirpse, die zu jung für die „Bravo“ waren, sammelten andere Star­schnitte: Die von der Saturn-5, zusammengeschnippelt aus vielen Einzelteilen und das Zimmer von der Decke bis zum Fußboden zierend.

Aufregend und zugleich surreal

So wie Hans-Peter Seip aus Rauschenberg. „Schon der Start der ersten bemannten Missionen nur zur Umrundung unseres Trabanten waren so etwas von aufregend und zugleich surreal, dass man sich dessen einfach nicht entziehen konnte“, schreibt er. „Aber das wirklich Größte war natürlich die bemannte Mondlandung und der Ausstieg von Neil Armstrong diese zwei, drei Stufen hinunter auf einen von der Erde weit über 350.000 Kilometer entfernten Himmelskörper, der abends manchmal so nah erscheint und doch eine, für diese Zeit, fast unüberbrücklich erscheinende und gefährliche Entfernung war.“

„Dann kam der große Moment, und Neil Armstrong verließ den Eagle, stieg die wenigen Stufen hinab und sagte dann diese so weltbewegenden Worte: ‚Ein kleiner Schritt für den Menschen, jedoch ein großer für die Menschheit.‘ Ob sie vorher schon festgeschrieben wurden, oder ob er sie tatsächlich aus dem Bauch und der wahnsinnigen geschuldeten Situation heraus in den Äther sagte, ist doch weltgeschichtlich völlig irrelevant, oder?“

Erlebnis als Sprungbrett für Berufswahl

Noch heute wundert sich Seip: „Es war dermaßen faszinierend, und gleichzeitig so unwirklich zu sehen, wie ein Mensch über die Mondoberfläche hüpfte. Zumal die Fernsehzuschauer ja damals gar nicht so alles mitbekommen hatten, wie das meisterliche und fliegerische Landemanöver von Neil Armstrong, als er feststellte, dass der eigentliche Landepunkt viel zu uneben war, und er dieses Teil manuell steuern musste. Vielleicht erlebe ich es noch“, hofft Seip, „dass es einmal eine Zeit geben wird, in der Menschen unseren Planeten verlassen, um auf den Mars zu fliegen und die erste Kolonie der Erde gründen werden, aber wegen der riesigen Entfernungen nicht wieder zurück kommen können (vorerst …)“.

Die Faszination Weltraum jedenfalls lebt in vielen Lesern weiter. Und für manche war die geradezu ein Sprungbrett in den späteren Beruf: Etwa für den Physiker Dr. Andreas Schrimpf (61), Professor an der Philipps-Universität. „Ich war schon damals fasziniert von dem Thema, habe Astro-Nachrichten gelesen und einfach alles über die Apollo-Mission eingesogen – das mitzuerleben hat mich von Anfang an geprägt“, sagt Schrimpf.

Staunender Blick auf den Mond

Letztlich brachte ihn die Mondmission seiner Kindertage zur Astronomie und zur Physik. „Das hat mich einfach bewegt und bis heute haben alle etwas davon, schließlich hat uns die Mondfahrt und die Entwicklung dorthin die Taschenrechner gebracht.“ Das große TV-Spektakel, den Höhepunkt der Mission dann mitzuerleben, war „ein unglaublich faszinierender Moment“. Auch Martha Weber erinnert sich noch an diesen Moment vor fünf Jahrzehnten. Sie lebte damals in Bayern und besuchte zur Zeit der Mondlandung die neunte Klasse – und sie bekam um den 21. Juli tatsächlich schulfrei, um alles im Fernsehen anschauen zu können.

„Abends gingen meine Schwester und ich noch spazieren und schauten uns den Mond an. Es gab noch keine Sommerzeit und es wurde früher dunkel als heute“, erinnert sich Martha Weber. „Der Mond war zu sehen und wir staunten, dass dort droben bald Menschen sein würden.“ Pech für sie: „Es dauerte sehr lange, bis die Rakete auf dem Mond schließlich landete und die eigentliche Mondlandung habe ich dann verschlafen.“

Zum Glück waren Sommerferien

Alfred Blaschke aus Marburg war 1969 Schüler des naturwissenschaftlichen Zweigs an der Martin-Luther-Schule und hat das Geschehen damals mit großem Interesse verfolgt. „So war es selbstverständlich, dass ich vom frühem Abend an, als die Mondlandung geplant war, vor dem Fernseher (schwarz-weiß natürlich) saß.“

Den gesamten Abend wurde aus dem Studio und immer wieder mit Live-Schaltungen aus dem Raumfahrtzentrum in Houston berichtet, erinnert sich Blaschke. „Die Sache wurde immer spannender, an ein Zubettgehen war nicht zu denken (war auch nicht so wichtig, es waren ja Sommerferien).“

Mit einem guten Gefühl ins Bett

Endlich setzte die Mondfähre „Eagle“ zur Landung an. In der letzten Phase der Landung übernahm Neil Armstrong die Steuerung der Landefähre mit der Hand. Jetzt konnte man nur noch hoffen, dass er eine ebene, genügend feste Stelle fand. In den letzten Augenblicken der Landung konnte man den Staub der Mondoberfläche durch ein Fenster der Landefähre aufwirbeln sehen. Und dann die erlösenden Worte: „The Eagle has landed.“

Mitten in der Nacht zeigte eine außen an der Landefähre angebrachte Kamera (ziemlich verschwommen), wie sich die Ausstiegsluke der Landefähre öffnete und Neil Armstrong (aufgrund des Raumanzugs nur sehr schwer beweglich) die kleine Leiter herunterkletterte und dann auf Englisch seinen weltberühmten Satz sagte.

Seine ersten Schritte, erinnert sich Blaschke, sahen aus wie Hüpfer in Zeitlupe (wegen der geringeren Mondanziehungskraft). Wenig später betrat auch Buzz Aldrin den Mond. „Endlich – es war geschafft. Und mit dem sicheren Gefühl, einen historischen Moment live miterlebt zu haben, konnte ich endlich zu Bett gehen.“     

von Till Conrad