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Marburg „Feindseligkeit wird immer sichtbarer“
Marburg „Feindseligkeit wird immer sichtbarer“
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13:59 09.11.2019
Monika Bunk, Vize-Vorsitzende der 330 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde, vor der Synagoge im Südviertel. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Die Judenfeindlichkeit scheint selbst in der liberalen Universitätsstadt wieder zuzunehmen. Wie geht es den Marburger Gläubigen vor dem Gedenken an die Reichspogromnacht 1938?
OP: Was haben Sie nach dem Mordanschlag von Halle am Feiertag Jom Kippur empfunden?

Monika Bunk: Das war etwas kurios, die ganze Gemeinde hat sich ja dem Fastentag gewidmet – also wurde auch kein Internet, kein Handy genutzt. Irgendwann stand die Polizei vor der Synagoge und hat uns überhaupt erst die Nachricht, die Details mitgeteilt. Das schlimme an dem Anschlag ist, was noch alles hätte passieren können. Die Bilder in meinem Kopf sind dann das Schlimme gewesen, die Vorstellung, dass am höchsten jüdischen Feiertag ein Massaker wie in Christchurch passiert. Wenn es in Halle noch schlimmer als ohnehin schon gekommen wäre, hätte das für ganz Deutschland eine politische wie gesellschaftliche Katas­trophe bedeutet.

OP: Wie geht es Ihnen, Ihrer Gemeinde, wenn Sie auf die seit einiger Zeit vermehrten Nazi-Vorkommnisse, etwa die Hitlergrüße oder die Hakenkreuz-Serie in Wehrda blicken?

Bunk: Das beschäftigt einen natürlich. Ich glaube aber nicht, dass diese Feindlichkeit gegen Juden, gegen Fremde generell je geringer oder gar weg war. Auch in Marburg ist sie auch immer schon da gewesen – das haben alle mitbekommen, die etwa bezogen auf Herkunft, Hautfarbe oder Religion nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft sind. Dass diese Feindseligkeit jetzt so offen, laut und aggressiv, im Internet omnipräsent vorgetragen wird, diese Massivität insgesamt, besorgt mich, uns alle. Die meisten Leute haben in der Vergangenheit aber den Mund nur gehalten, weil man ihn halt als gesellschaftliche Norm gehalten oder das nur im kleinen Kreis geäußert hat. Weg war das Gedankengut, die Gesinnung nie, seit einiger Zeit wird die rechte Feindseligkeit nur für ­alle immer sichtbarer.

Pogrom-Gedenken

Die Gedenkstunde beginnt am Samstag, 9. November, um 18.30 Uhr im Garten des Gedenkens an der Universitätsstraße. Diese wird zwischen Gutenbergstraße und Rudolphsplatz von 18.20 bis 19.15 Uhr gesperrt. Das teilte die Stadtverwaltung mit.

OP: Auch in der Kommunalpolitik wird die AfD, deren Parlaments-Einzug 2021 viele erwarten, für die Fremdenfeindlichkeits-Trends maßgeblich verantwortlich gemacht. Wie stehen Sie dazu?

Bunk: Ich hoffe, dass es einen Marburg-Effekt gibt und die Wähler – trotz der bedauerlich hohen Potenziale am Richtsberg – die AfD insgesamt kleiner, als eine Randnote halten. Denn deren Tonfall pusht die bedrohliche Entwicklung, sie verstärkt Vorurteile und bereitet den Boden für Hass auch in unserem oberhessischen Bergdorf. Wir müssen mit der geballten Kraft der politischen Bildung auf ­allen Ebenen gegenhalten.

OP: In Marburg betonen die Juden – wie auch die christlichen Gemeinden – immer wieder die friedliche und fruchtsame Verbindung zu Muslimen. Was ist das Erfolgsrezept?

Bunk: Die Stimmung in der Stadt gibt das her, es werden Dialoge geführt. Damit aber ein Verhältnis wie hier gelingt, müssen die einen Menschen die anderen Menschen als solche kennenlernen – recht vorurteilsfrei, ohne Barrieren im Kopf, es muss eine Begegnung auf niedriger Ebene sein. Da müssen Juden mal in eine Moschee, Muslime in eine Synagoge gehen und miteinander sprechen. Über das Gespräch muss sich etwas aufbauen, dann kann man irgendwann auch zu den neuralgischen Themen wie Fundamentalismus kommen. Jeder Mensch hat ein Gesicht, 
eine Geschichte und ist nicht Teil irgendeiner anonymen Masse. Man muss nie dicke Freunde werden, aber es entsteht ein anderes Bild über die Menschen.

von Björn Wisker

Thema der Woche

Verfassungsfeinde in Kopf und Herz

Wenn in Marburg vermehrt Hakenkreuze gezeichnet, 
Nazi-Sprüche gerufen, Hitlergrüße gezeigt und Kommunalpolitiker von rechts bedroht werden, hat man gerade zum Reichspogromnacht-Anlass zwei Möglichkeiten: Man kann das als Dumme-Jungen-Streiche abtun, es sarkastisch kommentieren und auf linksextremistische Tendenzen in der Stadt hinweisen.

Oder man ­erkennt es einfach als das an, was es eigentlich ist: ein Alarmzeichen. Denn jedem muss klar sein: Hetze, Hass und Hakenkreuze sind kein Ausdruck konservativer Sehnsüchte oder Hoffnungen auf ein Ende von manchmal in ­einigen Bereichen tatsächlich übertriebener Toleranz.

Doch wer das so versteht, NS-Rhetorik innerlich gutheißt, verstößt zwar nicht im rechtlichen Sinne gegen die Verfassung – er verstößt gegen sie aber in Kopf und Herz. Eben weil die Universitätsstadt seit Jahrzehnten eine linksliberale Prägung hat, sind gehäufte Nazi- oder NS-Sympathisanten-Taten wie in den vergangenen Monaten umso besorgniserregender.

Das passt nicht zum Klima, nicht zur DNA dieser Stadt. Es stimmt, man muss nicht wegen jedem gekrakelten Hakenkreuz oder jedem auf muffige Burschenschafts-Häuser eingeladenen rechten Spinner reflexartig auf die Straße gehen und pflichtschuldig demonstrieren – das hat sich abgewetzt. Es gilt aufzupassen, dass unser innerer Kompass nicht nach ganz rechts (und ja, auch nicht nach ganz links) ausschlägt.

Das Einfallstor für menschliches Leid öffnen nicht die paar Extremisten, die versuchten das immer schon. Es öffnen jene vielen das Tor, die sich als gemäßigt sehen, aber das tatsächliche „Endziel“ nicht erkennen. Das Reichspogromnacht-Gedenken ist ein guter Anlass, um den inneren Kompass zu überprüfen.

von Björn Wisker