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Marburg Von fliegenden Wölfen und hungrigen Hühnern
Marburg Von fliegenden Wölfen und hungrigen Hühnern
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11:00 19.03.2022
Elisabeth Lauer (1926-2016) füttert als Mädchen in Ebsdorf eine Hühnerschar auf dem Hof. Die Aufnahme entstand Anfang der 1930er Jahre.
Elisabeth Lauer (1926-2016) füttert als Mädchen in Ebsdorf eine Hühnerschar auf dem Hof. Die Aufnahme entstand Anfang der 1930er Jahre. Quelle: Privat
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Cappel/Ebsdorf

Was machen Kinder besonders gerne? Na klar, sich Verkleiden und das nicht nur zur Faschingszeit – oder auch einfach „nur“ kleiden. Beides wird auf diesen beiden historischen Aufnahmen unserer OP-Serie „Der Landkreis in alten Bildern“ deutlich.

Da sehen wir einmal eine jungen Dame mit vierbeinigem Begleiter. Natürlich erinnert das Bild auf Anhieb an ein sehr bekanntes Märchen der Brüder Grimm. Selbst ohne Jägersmann oder Großmutter. Es zeigt Christa Schmidt, geborene Koch, im Jahre 1948 als Rotkäppchen verkleidet während der Adventszeit im Garten ihres Elternhauses in der Marburger Straße in Cappel. Das Foto wurde nach einer Rotkäppchen-Aufführung des Cappeler Gesangvereins aufgenommen. Ehemann Albert Schmidt hat das Foto aufgehoben und kann so von dessen Geschichte erzählen.

Es ist eine wirklich gelungene Verkleidung des Rotkäppchens, die durch den „Wolf“ auch noch ideal ergänzt wird. Der war übrigens ein ausgebildeter und preisgekrönter Polizeihund und gehörte dem damaligen Polizeimeister Otto aus Cappel. Wie Schmidt berichtet, kam es während der Generalprobe des Stücks zu einer besonders kuriosen Situation: Mitten in der Aufführung betrat der Hundehalter den Saal, was der Schäferhund mitbekam und direkt sein Herrchen freudig begrüßen wollte.

Rotkäppchen in Cappel: Hier sehen wir Christa Schmidt, geborene Koch, im Winter 1948 nach einer Theateraufführung mitsamt „Wolf“ – dem Polizeihund des Polizeimeisters Otto. Quelle: Privat

Also riss er sich mitsamt Leine los, sprang über die Köpfe der unmittelbar vor der Bühne sitzenden Zuschauer hinweg und flog regelrecht auf den verdutzten Polizisten zu. Damit nicht genug, „das Rotkäppchen wurde mehr oder weniger mitgerissen und flog mit seinem gefüllten Körbchen quer über die Bühne“, berichtet Schmidt. Dabei ging der Inhalt ihres Korbes auch noch zu Bruch und das Mädchen erlitt Abschürfungen an den Knien. Ein Schock für Zuschauer und Schauspieler.

Dabei wollte der Hund doch nur bei seinem Halter sein. Nun, die Theatertruppe ließ sich von dem Vorfall nicht das Stück verderben – doch damit das nicht wieder passierte, erhielt der Polizeibeamte von seiner Frau ein striktes Hausverbot für die Hauptaufführung. Die ging dann auch reibungslos und mit bravem „Wolf“ über die Bühne.

Sicher hatten alle viel Spaß an dem kreativen Hobby. Doch vor dem Spaß kommt bekanntermaßen die Arbeit. Und da mussten auch die Kleinen schon ran, zumindest auf dem Hof mit anpacken. Dem kam auch die gebürtige Ebsdorferin Elisabeth Lauer, auch bekannt unter dem Namen Haameuersch, schon um das Jahr 1932 herum nach. Auf dem zweiten Foto sehen wir sie als Mädchen das hungrige Federvieh auf dem Hof füttern.

Elisabeth Lauer (1926-2016) füttert als Mädchen in Ebsdorf eine Hühnerschar auf dem Hof. Die Aufnahme entstand Anfang der 1930er Jahre. Quelle: Privat

Gut zu erkennen ist die auffällige Kleidung, das Mädchen war da bereits komplett in traditionelle Tracht gekleidet. Die Aufnahme stammt aus dem reichen Fundus der Hessischen Volkstanzgilde. Die junge Dame wurde später eine Mink und heiratete nach Heskem.

Von Ina Tannert