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Marburg So reagieren die Kandidaten auf das Ergebnis
Marburg So reagieren die Kandidaten auf das Ergebnis
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08:00 15.03.2021
Dr.Thomas Spies und Nadine Bernshausen treten in der Stichwahl an.
Dr. Thomas Spies und Nadine Bernshausen treten in der Stichwahl an. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Als Dagoberts- und Hermershausen gegen 18.30 Uhr die ersten Bezirke sind, die ihre OB-Wahl-Resultate übermitteln und bei der Ergebnispräsentation in der Stadthalle der Puls der Kandidaten schneller schlägt, stehen in Weidenhausen, in Ockershausen, in der Universitätsstraße und anderswo in der Stadt noch Dutzende Marburger vor den Wahlbüros. „Wer um 18 Uhr in der Schlange steht, darf noch wählen. Die Wahlvorstände müssen darauf achten, dass diese Regel eingehalten wird“, erklärt zu dem Zeitpunkt Dieter Finger, Marburgs Wahlleiter. OP-Stichproben in einem Bruchteil der mehr als 120 Wahllokale zeigen: Das scheint geklappt zu haben.

Es sollte ab dem Eintrudeln der ersten Ergebnisse noch mehr als eine Stunde vergehen, ehe sich der Stichwahl-Trend – Nadine Bernshausen statt Favorit Dirk Bamberger im Direkt-Duell gegen Amtsinhaber Dr. Thomas Spies – verfestigte und die Grünen-Kandidatin einen gewissen Unglauben ablegte. „Das ist verrückt, absolut verrückt“, sagt Bernshausen mit dem charakteristischen Lachen im Gesicht. Sicher, sie habe auf so ein Ergebnis gehofft, aber als Umsteigerin von der Kreis- in die Stadtpolitik, ohne direkten Wahlkampf, um mehr Menschen kennen zu lernen? „Das ist schon jetzt ein Vertrauensvorschuss, der mich überwältigt. Ich glaube, ich hoffe, dass es gleichsam ein Anzeichen für eine Wechselstimmung hin zu einem neuen, anderen Politikstil ist“, sagt sie. „Ich, wir sind mit einem Machtanspruch angetreten.“

Die Gemütslage von Bamberger, hessischer Landtagsabgeordneter und Hoffnungsträger einer für erstarkt geglaubten CDU, war da anders. „Ich hatte etwas Besseres erhofft“, sagt er. Gerade angesichts des „für einen Amtsinhaber schwachen Resultats“ sei „mehr möglich gewesen“. Aber die „politische Großwetterlage“ – der Bundestrend, speziell die CDU-Maskenaffäre und auch das Feiervideo eines Landespolitikers – habe die Situation für ihn und die Partei insgesamt massiv erschwert. Gerade in den vergangenen Tagen sei das spürbar gewesen. „Das hat gerade auf den letzten Metern sehr geschadet. Es ist schade, aber ich muss das akzeptieren.“

Amtsinhaber Dr. Thomas Spies (SPD), der für sich im Vorfeld ein Erstrunden-Ergebnis von 30 Prozent plus prognostizierte und damit Recht behielt, sagt: „Ich bin zufrieden, das übertrifft meine Erwartungen sogar etwas. Dass es zur Stichwahl kommt, war eigentlich klar. Aber ich bin für diese positiv gestimmt“, sagt er. Dass es für ihn gegen eine Grüne, eine Newcomerin geht, sei „ebenso ungewöhnlich wie spannend“. Aber da er sich als „Oberbürgermeister für alle“ sehe, sei er „bereit und gut gerüstet“ für die Entscheidung am 28. März.

„Glücklich“ ist Klimalisten-Spitzenkandidatin Mariele Diehl – vor allem über das sich abzeichnende Parlamentsergebnis, wonach die Öko-Gruppe zu einem echten Machtfaktor werden könnte. „Ich habe unterschätzt, wie intensiv so ein Wahlkampf ist. Aber ich habe viel gelernt und kennen gelernt“, sagt sie. Koalition für den Klimaschutz? „Für uns vorstellbar“, sagt sie.

„Stolz“ – das sagt Linken-Spitzenkandidatin Renate Bastian vor allem in Richtung der Stärke im Parlament. „Wir sind eine stabile politische Kraft und ich bin froh, einen Beitrag dafür geleistet haben zu können.“

Sein persönliches Abschneiden findet er zwar „schade, weil ich mir etwas mehr erhofft habe“. Mit Blick auf das sich abzeichnende Parlamentsergebnis der Liberalen sieht das allerdings anders aus. FDP-Mann Michael Selinka sieht seine Partei so in die Position gebracht, „mitgestalten zu können, weil wir mitgestalten wollen“. Vorsichtige Jamaika- oder Ampel-Signale?

Die im bürgerlichen Lager angesiedelte BfM-Spitzenfrau Andrea Suntheim-Pichler, letztlich auf Augenhöhe mit Selinka und Diehl, zeigt sich zufrieden mit „den Erfahrungen und Ideen aus dem Wahlkampf“.

Die AfD – ohne OB-Kandidat angetreten – scheint mit rund 2 Prozent weit unter den eigenen Erwartungen im Parlament zu bleiben.

Von Björn Wisker