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Marburg Stimmenfang für den Sieg in Marburg
Marburg Stimmenfang für den Sieg in Marburg
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16:31 28.03.2021
Dr. Thomas Spies und Nadine Bernshausen.
Dr. Thomas Spies und Nadine Bernshausen. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Das wird ein spannendes Rennen: Amtsinhaber Dr. Thomas Spies (SPD) gegen Herausforderin Nadine Bernshausen (Grüne) – wer wird am Sonntag die meisten Stimmen bei der Oberbürgermeister-Stichwahl holen? Die OP skizziert die Ausgangslage. Spies erhielt im ersten Wahlgang 10.721 – das sind nur minimal mehr als 2015 – oder 33,1 Prozent der abgegebenen knapp 32.000 Stimmen. Für Bernshausen stimmten 8 207 Marburger oder 26 Prozent – bei einer für Kommunalwahlen ungewöhnlich hohen Wahlbeteiligung von 55,1 Prozent. Traditionell ist die Beteiligung bei Stichwahlen eher deutlich niedriger, 2015 sank sie um rund vier Prozent, was 2.000 Stimmen entsprach.

Stärker sinkende Wahlbeteiligung

Geht man also nach der hohen Wahlbeteiligung von einer nun – eventuell Pandemie-bedingt – stärker sinkenden Beteiligung von 25.000 Menschen aus, und ferner davon, dass Spies sämtliche Stimmen aus dem ersten Wahlgang wieder gewinnt, käme er auf einen Stimmenanteil von 42,9 Prozent. Er bliebe also noch deutlich unter der nötigen Mehrheit, der Schwelle von 50 Prozent. Bernshausen käme mit ihren 8.207 Stimmen auf 32,8 Prozent. Zwischenzeitlich hat sich die Linke, wenn auch zähneknirschend, dazu bekannt, im zweiten Wahlgang zur Wahl von Spies aufzurufen. Das werden nicht alle Linken-Wähler tun, dazu waren die – auch atmosphärischen – Differenzen zwischen Spies und der Linken in den vergangenen Jahren zu deutlich.

Bernshausen braucht das bürgerliche Lager

Zur absoluten Stimmenmehrheit bei 25.000 abgegebenen Stimmen bräuchte Spies zu den eigenen noch 1.779 weitere Stimmen – Linken-Kandidatin Renate Bastian hatte im ersten Wahlgang 1.979 Stimmen erhalten. Kaum vorstellbar, dass fast 90 Prozent der Bastian-Wähler nun für Spies votieren. Der Amtsinhaber müsste also auch bei den Anhängern der anderen ausgeschiedenen Kandidaten fischen. Das tut er mit Bemerkungen wie, er sei Oberbürgermeister aller Marburger.

Bekommt Bernshausen Stimmen von Bamberger?

Andersherum: Erhielte Nadine Bernshausen zu ihren eigenen 8.207 Stimmen sämtliche 7.091 Stimmen, die CDU-Kandidat Dirk Bamberger erhalten hatte, wäre sie – wiederum bei einer angenommenen Wahlbeteiligung von 25.000 Marburgern – Oberbürgermeisterin, weil sie 61,2 Prozent der Stimmen erhalten hätte.

Auch das ist schwer vorstellbar, weil die CDU und die Grünen inhaltlich in zentralen Fragen mitunter weit auseinanderliegen. Um 50,01 Prozent der Stimmen zu erhalten, bräuchte Bernshausen 4.291 Stimmen – das wären weit mehr als die Hälfte, die der im ersten Durchgang unterlegende Bamberger erhalten hat. Kaum vorstellbar ohne einen offiziellen oder informellen Wahlaufruf der CDU für Bernshausen. Etwas, das die Christdemokraten ausgeschlossen haben.

Indizien für diskrete CDU-Hilfe

Doch gibt es Indizien dafür, dass es zumindest diskrete CDU-Hilfe gibt. So ließen sich vor wenigen Tagen etwa in Cappel CDU-Mitglieder, die als entschiedene Gegner eines Linksbündnisses gelten, mit Bernshausen ablichten und das Foto via Facebook verbreiten. Denn wo die Stimmen für einen Machtwechsel geholt werden müssten, scheint klar: Genau dort, in Cappel, Wehrda und der Marbach. Und: Nach OP-Informationen gab es zumindest diskrete Kontakte zwischen Spitzenpolitikern von Grün und Schwarz. Ziel: Ausloten, was geht und was nicht geht, wer wie unterstützen könnte.
An wen fallen Wehrda, Cappel und Marbach?

Fakt ist: Bei der Stichwahl Ende 2015 gaben 22.000 Wähler ihre Stimme ab, 13.100 davon entfielen im Duell gegen CDU-Kandidat Dirk Bamberger auf Spies. Zwar gewann Spies damals praktisch in allen Stadtteilen, doch sein Vorsprung war in Wehrda, Cappel und Marbach geringer als etwa in Ockershausen und sowieso Richtsberg oder Waldtal, wo aber traditionell weniger Menschen zur Wahl gehen.

Und im Schnitt hat Spies im ersten Wahlgang in den einwohnerstarken und noch am ehesten der CDU etwas zugeneigten Bezirken im Vergleich zu 2015 – wo es allerdings weniger Gegenkandidaten gab – rund zehn Prozent verloren.

Bernshausen braucht eine hohe Wahlbeteiligung

Für Bernshausen, dem Ziel Aufbau und Mobilisierung eines „Anti-Spies-Bündnisses“ wichtig: Dass die Wahlbeteiligung hoch bleibt, weshalb es vor allem bei den Grünen Sorgen gibt, dass die Briefwahl-Unterlagen in und außerhalb Marburgs rechtzeitig ankommen und abgegeben werden können. Die Stadtverwaltung hat bislang rund 18.000 Briefwahlanträge erhalten. Sie empfiehlt, die Anträge, die noch nicht abgeschickt sind, bei der Stadtverwaltung oder direkt im Wahlamt abzugeben.

Gut möglich, dass die 1.000 Stimmen, die Mariele Diehl von der Klimaliste holte, ein entscheidender Faktor werden. Die Klimaliste ist zugleich direkter politischer Konkurrent der Grünen wie auch inhaltlich am engsten mit ihnen verbunden. Die Wählerinnen und Wähler könnten sich in der gleichen Größenordnung für Spies wie für Bernshausen entscheiden.

BfM mit Spies-Schwenk und FDP-Wähler zu Bernshausen?

Ebenso die insgesamt rund 2.000 Anhänger der kleineren bürgerlichen Gruppen, deren Kandidaten Michael Selinka und Andrea Suntheim-Pichler im ersten OB-Wahlgang je rund 1.000 Stimmen auf sich vereinten: In der FDP tendieren viele trotz einiger inhaltlicher Unterschiede speziell zur Windkraft eher zu Bernshausen, in der BfM deutet manches eher auf einen Spies-Schwenk. Theoretisch offen wären noch 700 Stimmen von MR-24 und der Weiterdenken-Liste – in einem knappen Rennen könnten auch sie den Ausschlag geben.

Von Björn Wisker und Till Conrad

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