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Marburg Ein Partner aus dem Kriegsgebiet?
Marburg Ein Partner aus dem Kriegsgebiet?
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09:00 24.10.2019
850 Menschen haben am vergangenen Donnerstag, 17. Oktober, in Marburg unter dem Motto „Marburg gegen Faschismus – Solidarität mit Rojava“ für den Frieden demonstriert.  Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Während einer ­Demonstration gegen den türkischen Einmarsch in Nordsyrien hatte ein Kundgebungsredner von der Interventionistischen Linken gefordert, eine Städtepartnerschaft zwischen Marburg und der Stadt Sere ­
Kaniye in die Wege zu leiten.

Damit solle ein sichtbares Zeichen der Solidarität mit den Kurden in Syrien gesetzt werden. Die Stadt sei akut durch islamistische Verbündete der Türkei bedroht, sagen Felix Glücklich und Delila Botan von der Interventionistischen Linken.
Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), der den türkischen Einmarsch in Nordsyrien scharf kritisiert hatte, hat durchaus Sympathie für die Forderungen nach einer Städtepartnerschaft.

„Wir sind grundsätzlich allen Vorschlägen für Städtepartnerschaften gegenüber aufgeschlossen. Und wir als Stadt sind selbstverständlich solidarisch mit den Kurden in Nordsyrien“, sagte Dr. Spies der OP. Aber: Eine Städtepartnerschaft unter den Bedingungen dieses Krieges aufzubauen, sei schwer umsetzbar.

Hintergrund

Die Stadt Sere Kaniye (arabisch: Ras al-ʿAyn) liegt in ­Syrien direkt an der türkisch-syrischen Grenze und direkt gegenüber dem türkischen Ceylanpinar, zu der es keinen offiziellen Grenzübergang gibt. Die Stadt hat etwa 55.000 Einwohner, in ihr leben Aramäer, Araber, Kurden, Armenier, Tschetschenen und Türken. (Quelle: Wikipedia)

„Eine Städtepartnerschaft braucht Ansprechpartner*innen auf beiden Seiten, persönliche Kontakte und Austausch, Begegnungen zwischen Schulklassen, Vereinen, kulturellen Einrichtungen und vielem mehr, die die Partnerschaften langfristig über Jahre entwickeln und mit Leben füllen“, so Spies.

Marburg ist derzeit mit sechs Städten partnerschaftlich verbunden: Mit Eisenach in Thüringen, mit Maribor in Slowenien, mit Northampton in Großbritannien, mit Poitiers in Frankreich, mit Hermannstadt/Sibiu in Rumänien und mit Sfax in Tunesien.

Linke und Grüne für gemeinsame Initiative 

Bis auf Sfax existieren zu allen Partnerstädten enge Kontakte, die vor allem von Vereinen getragen werden. Erst vor wenigen Wochen feierten Marburg und Poitiers das fünfzigjährige Bestehen ihrer Partnerschaft. Der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Stadtparlament, Mathias Simon, will über den Vorschlag zumindest nachdenken. 

„Auf humanitärer Ebene kann ich mir so etwas vorstellen“, sagte Simon der OP. Dadurch schaffe man einen konkreten Bezug, um Menschen konkret zu helfen. Klar sei aber auch, dass eine solche Partnerschaft nur „symbolisch“ zu verstehen sei. Partnerschaften, so wie Marburg sie mit seinen Partnerstädten pflege, sei nur im Frieden möglich.

Renate Bastian, Fraktionsvorsitzende der Linken, unterstützt die Idee. Sie sei „Nützlich und friedensfördernd“. Sie werde sich gerne an der Diskussion um diese Idee beteiligen. Entscheidend sei, wie eine Partnerschaft mit Leben gefüllt werden könne. Bastian wies aber darauf hin, dass es bei Initiativen dieser Art wichtig sei, dass alle Fraktionen im Parlament die Initiative mittragen.

"Wie helfen wir den Menschen?"

Dass es bis dahin noch ein weiter Weg wäre, zeigt die Stellungnahme des CDU-Fraktionschefs Jens Seipp gegenüber der OP. Er spricht von „Augenwischerei“. „Partnerschaft entsteht aus Engagement“, sagte Seipp, und sie müsse gelebt werden. Bei aller Einigkeit in der Ablehnung des türkischen Vorgehens in Nordsyrien sei als Erstes die Frage zu stellen: „Wie helfen wir den Menschen?“

Damit ist Seipp gar nicht mal so weit entfernt von Dr. Elke Neuwohner, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Stadtparlament. „Wir dürfen nicht immer nur zugucken, in der ­Region werden auch unsere Konflikte ausgetragen.“ Anders als Seipp findet Dr. Neuwohner die angeregte Städtepartnerschaft aber „eine­ ­schöne Idee – gerade wenn man sieht, wie sonst alles auseinanderdriftet.“ Übers Knie brechen würde Dr. Neuwohner die Initiative aber nicht.

Ähnlich wie Renate Bastian fände sie es „schön, wenn alle Fraktionen etwas ­Gemeinsames ­hinbekommen.“ Der „Angriffskrieg der Türkei in Syrien“ ändere nichts an der Unterstützung der Stadt für die Menschen in Syrien, sagte Spies. „Aber eine Städtepartnerschaft ist ein langfristiges Projekt und weniger als kurzfristiges Symbol geeignet, so der OB. „Wir werden die Option – wie mehrere weitere Vorschläge – mittelfristig im Auge behalten.“