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Marburg Krabbeltiere mit großem Kribbelfaktor
Marburg Krabbeltiere mit großem Kribbelfaktor
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12:00 31.08.2019
Beim Grillen-Snack sieht man, was man isst. Nicht jedermanns Sache.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Novel Food sind Lebensmittel, die wegen ihrer exotischen Herkunft, ihrer Zusammensetzung oder besonderer Herstellungsverfahren neu auf dem europäischen Markt sind. Die Verordnung vereinfacht auch die Herstellung und den Verkauf von Insekten und Fertigprodukten aus Insekten.

In manchen Ländern, in denen sich die Hauptbevölkerung kein Fleisch von Rindern, Schweinen oder Geflügel leisten kann, liefern Insekten lebenswichtiges Protein zu erschwinglichen Preisen. Soziologen und Psychologen sind sich einig: Der Ekel vor mancher Nahrung spielt sich im Kopf ab.

Hierzulande sperrt man Meerschweinchen in Käfige ein, holt sie ab und zu raus, um sie zu streicheln, und findet sie putzig – in anderen Ländern sperrt man sie in Käfige, holt sie nur einmal raus, verspeist sie und findet sie lecker.

Sortiment mit neuen Trend-Lebensmitteln

Verhaltensforscher wissen: Wer als Kind Algen auf dem ­Teller hatte, wird sich als Erwachsener nicht davor ekeln. Ökologen und Ernährungswissenschaftler prophezeien, an Insekten als Lebensmittel führe kein Weg vorbei, und weisen auf die Massenproduktion von Fleisch und deren negative Auswirkungen auf die Ökobilanz hin.

Als erster deutscher Supermarkt bot im März vorigen Jahres ein Tochter-Unternehmen der Metro AG Nudeln aus Insekten (Mehlwürmern) an. Der erste deutsche Einzelhändler mit einem Hamburger-Bratling aus Insekten (Buffalowürmern) im Angebot war Rewe einen Monat später.

Im Juli 2018 nahm die Bio Company den ersten Bio-Insektenriegel mit Insekten­mehl aus bio-zertifizierten Heimchen in ihr Sortiment auf. Die Drogeriekette dm hat Insektenpasta im Sortiment. Die ­Nudeln gibt es seit November – allerdings nur im Online-Shop.

In diesem Jahr führte Tegut in etwa 40 ausgewählten Märkten, darunter der Markt in Cappel, ein Sortiment mit neuen Trend-Lebensmitteln ein – rund um ­Algen, Hanf und Insekten. Insgesamt werden etwa 60 verschiedene Produkte angeboten, die Palette reicht von Meeres-Spaghetti, Algen-Pasta und ­Algen-Gewürzen über Hanf-Kekse, -Mehl und -Öl bis hin zu Nudeln, Riegeln und Brot aus Insektenmehl.

Nachhaltige Proteinquellen

Darüber hinaus gibt es im Kühlregal einen Insektenburger, den gleichen wie bei Rewe. Pesto aus Algen, Nudeln aus Insektenmehl seien Alternativen zur gängigen, energieaufwendigen Produktion von Lebens­mitteln, wirbt das in Fulda ansässige Unternehmen.

Einkäufer Felix Pembaur, der bei Tegut das Sortiment betreut, betont: „Wir folgen damit einer Zeitgeist-Bewegung, die sich mit neuen und nachhaltigen Ernährungsformen befasst. Denn: Landwirtschaftliche Nutzflächen sind begrenzt, die Produktion von nahrhaften Lebensmitteln wird sich auch im Hinblick auf den Klimawandel verändern.“

Dem pflichtet Michael Krause bei. Er ist in dem Unternehmen Leiter für Kommunikation. Er unterstreicht, dass Insekten eine gute und nachhaltige Proteinquelle für die menschliche Ernährung seien. „Sie enthalten wichtige ungesättigte Fettsäuren und Mineralien, haben einen höheren Eiweiß-Gehalt und weniger Fett als Fleisch.“

Insekten gelten als nachhaltig

Hersteller von Nahrung aus ­Insekten werben mit Zahlen, die auch von den Gesundheitsorganisationen verbreitet werden: Insekten gelten als nachhaltig, verursachen bis zu hundert Mal weniger Treibhausgas-Emissionen und brauchen zehnmal weniger Futtermittel.

Laut Weltgesundheitsorganisation gibt es etwa 1.900 Arten von Insekten und Würmern, die der Mensch bedenkenlos verzehren kann. Beliebt sind Heuschrecken, Käfer, Raupen, Termiten, Wanzen, Würmer, Ameisenlarven und Ameisen, Libellen, Schaben, Grillen und Grashüpfer.

Der Trend zu Novel Food sei unverkennbar, sagt Michael Krause, aber noch handele es sich um eine Nische. Ob die neue Produktepalette im Trend-Regal von Tegut künftig weiter wachsen wird, vermag ­Krause jetzt noch nicht einzuschätzen.

Bei der stichprobenartigen Suche nach Lebensmitteln aus Insekten bin ich auch bei Lidl fündig geworden: Im Cappeler Markt findet man ­geröstete Grillen in zwei Geschmacksrichtungen. Und wie schaut’s aus in Asia-Märkten? Drei habe ich aufgesucht und nichts gefunden.

Ausreichend interessierte Gäste in Großstädten

Im Markt in der Elisabethstraße in Marburg, der bald sein 25-jähriges Bestehen feiern kann, ist man interessiert und verwundert zugleich, dass die OP Nahrungsmittel aus Insekten probieren will. Der Chef berichtet, es gebe keine Nachfrage.

Diesen Produkten wolle er sich aber nicht verschließen, sagt er und erinnert sich, in seiner Heimat als Kind Heuschrecken in Maisfeldern gesammelt zu haben, „Die wurden dann abends gegrillt“, sagt er. Als ich ihm davon berichte, dass ich Insektenlebensmittel testen werde, wünscht er mir augenzwinkernd viel Glück und drückt mir einen Glückskeks in die Hand.

In einem Asia-Restaurant versichert mir der Koch, dass er gelernt habe, Gerichte mit Lebensmitteln zuzubereiten, die man hier nicht auf den Tellern finde. Ausreichend interessierte Gäste gebe es allenfalls in Großstädten, und dann sei meist das Kribbeln im Bauch, etwas Exotisches oder vermeintlich Ekeliges zu essen, wichtiger als die Frage nach Nachhaltigkeit.

von Hartmut Berge

Schmeckt's gut?

Insekten-Burger aus Getreideschimmelkäfer-Larven: ja! · Geröstete Grille: nein!

Ich käme gut ohne Fleisch aus, wäre da nicht der verlockende Geruch von gutem Braten oder Grillgut. Die Erfahrung zeigt aber: Was gut riecht, muss nicht zwangs­läufig gut schmecken. Und schon sind wir beim Thema: Deutschlands erster Insektenburger, der vom Osnabrücker Unternehmen Bugfoundation vertrieben wird, riecht nicht anders als ein tiefgefrorener Rinderhack-Patty. Ich folge der Empfehlung des Herstellers und brate die Patties in einer Pfanne. Vier bis sechs Esslöffel Öl sollte man vorher zum Erhitzen in die Pfanne geben.

Nach zehn Minuten sind sie durch – und knusprig braun, vorausgesetzt, man gibt nicht zu wenig Öl in die Pfanne und brät sie bei maximal mittlerer Hitze. Der Übergang von knusprig braun zu verbrannt ist fließend. Fazit: In der Pfanne gebraten schmecken mir die Insekten-Patties besser als die reine Rinderhack-Variante oder ­vegetarische Bratlinge. Wer den reinen Geschmack vergleichen will, der muss die Patties oder Bratlinge solo ­essen, ohne die üblichen Bestandteile eines Hamburgers.
Der Insekten-Patty schmeckt sogar kalt lecker. Die Backofenvariante ist mir zu trocken. Auf dem gewöhnlichen Holzkohlegrill werden sie hart wie Frisbeescheiben. Im Smoker zubereitet schmecken sie zumindest besser als die Backofen-Variante.

Da die Geschmäcker verschieden sind, lasse ich einen Kollegen und zwei Familienmitglieder an dem Hamburger-Test teilhaben. Die beiden Erwachsenen haben beim bevorzugten Pfannen-Patty das gleiche Empfinden wie ich. Gut im Biss, gut gewürzt, lecker. Der jüngste Tester, mein 26 Monate alter Enkel, guckt sich die Burger-Konstruktion an, sagt „bäh“, räumt die in seinen Augen überflüssigen Bestandteile ab, isst den Patty ratzfatz auf und strahlt über beide Backen. Insektenburger wird es bei uns künftig öfter geben. Mann muss nicht mutig sein, um reinzubeißen. Auch nicht, wenn man weiß, dass der ­Name Buffalowurm vom Züchter frei erfunden wurde und damit die Larve des Glänzendschwarzen Getreideschimmelkäfers gemein ist.

Probiert haben wir auch den Insektensnack Eat Grub, den man zurzeit bei Lidl in den Regalen findet, wenn man lange genug sucht. Die Kollegen urteilen unterschiedlich: von ganz lecker bis hin zu stark gewürzt. Die Tierchen haben im Laufe der Zubereitung, während der Verpackung und des Transports ihre Extremitäten teilweise verloren, die man aber in der Tüte wiederfindet. Die frisch geöffnete Tüte riecht wie eine Mischung aus Tier-Hartfutter und Fischmehl. Die Grillen brauche ich nicht. Sie werden in der Ökobilanz mit tierischen Lebensmitteln verglichen. Das hinkt ein wenig. Denn meine favorisierten Snacks – Erdnussflips – müssen nicht gefüttert werden. Und ich höre Grillen lieber zirpen als sie zu verspeisen.

von Hartmut Berge