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Marburg Novartis will in Marburg weiter wachsen
Marburg Novartis will in Marburg weiter wachsen
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11:07 16.04.2019
Ein Mitarbeiter von Novartis beim Auftauen der gefrorenen Zellen. Diese werden für die biotechnologische Herstellung von viralen Vektoren verwendet. Quelle: Novartis
Marburg

Eigentlich sollte der Novartis-Standort Marburg schon gar nicht mehr existieren. Denn nachdem GlaxoSmith­Kline das Unternehmen in 2015 – bis auf die Grippeimpfstoff-Sparte – übernommen hatte war klar, dass die „Novartis Influenza Vaccines Marburg GmbH“ 2017 schließen sollte. Doch es kam anders: 2016 beschloss der Konzern, die Zellkulturanlagen in Marburg zu modernisieren und auszubauen, investierte 68 Millionen Euro in den Standort. 

Denn in Marburg sollten von der Novartis Manufacturing GmbH sogenannte „monoklonale Antikörper“ hergestellt werden – spezialisierte, auf ein bestimmtes Ziel gerichtete Antikörper, die zur Behandlung von verschiedenen Krankheiten eingesetzt werden können und biotechnologisch hergestellt werden. Sie werden sehr erfolgreich bei der Krebstherapie und gegen Autoimmun-Erkrankungen eingesetzt.

Nun gibt es ein weiteres Projekt, das in Marburg realisiert wird – und für das Novartis 23,6 Millionen Dollar am Standort investiert: „Es entsteht eine neue Technologie-Plattform im klinischen Maßstab, um virale Vektoren zu produzieren“, erläutert Projektleiter Tobias Thiele. Diese würden verwendet, um „gentechnisch personalisierte­ Präparate in der Krebstherapie herzustellen.“ Für diese Präparate entstehen in Marburg Vorprodukte.

Durch das Projekt entstünden bis zu 30 neue Arbeitsplätze, „perspektivisch werden wir weiter wachsen“, ist sich Thiele sicher – „es ist ein kleines Invest für Novartis, aber für den Standort ein gutes Signal und ein gesundes Wachstum“.

„Patienten haben plötzlich wieder eine Heilungschance“

Novartis hat schon ein Medikament, das auf der Zell- und Gentherapie beruht. Es wird zur Behandlung von Patienten eingesetzt, „die eigentlich austherapiert sind“ – heißt: Für die es sonst keine wirksame Behandlung mehr gibt. Das bestehende Medikament kann bei zwei Formen der Leukämie eingesetzt werden, „Patienten haben plötzlich wieder eine Heilungschance“, sagt Thiele.

„Kymriah“ heißt das Medikament, das seit August auch in Europa zugelassen wurde. In den USA wird es schon in Spezialzentren angewendet – eine­ Behandlung kostet dort laut Medienberichten rund 475.000 Dollar.

In Marburg wird nun eine klinische Anlage – also eine Produktion im kleinen Maßstab – entstehen, um die Therapiemöglichkeiten auch für andere­ Krebsarten voranzutreiben. Und die soll Ende des Jahres bereits fertig sein, „spätestens jedoch zu Beginn kommenden Jahres“, sagt Thiele. Welcher Krebs schließlich mit den Vorprodukten aus Marburg behandelt werden könnten, stehe derzeit noch nicht fest. Das werde sich erst entscheiden, wenn die Anlage fertig sei.

Doch wie funktioniert das Ganze? In Bioreaktoren werden Zellkulturen gezüchtet – „diese Zellkultur stellt ,den viralen Vektor‘ her, also ein Virus, das aber nicht vermehrungsfähig ist“. Der „virale Vektor“ diene dazu, die körpereigenen Abwehrzellen – also T-Zellen – zu verändern. Dies geschieht jedoch nicht in Marburg.

Thiele erklärt: „Man entnimmt dem Patienten seine T-Zellen. Diese werden mit dem ,viralen Vektor‘ modifiziert – und zwar so, dass die T-Zellen den Krebs erkennen.“ Denn jeder Krebs habe individuelle Marker.

Eigene Abwehrzellen werden modifiziert

„Die T-Zelle wird so modifiziert, dass sie die Marker erkennt und dann auf diese eine Immunantwort auslöst.“ Dem Patienten würden die modifizierten Zellen eingesetzt, die Zellen würden den Krebs attackieren – „der Patient ist dann für immer von diesem Krebs geheilt.“

Doch was macht die Behandlung so teuer? „Jeder Patient – und somit jede Behandlung – ist einzigartig. Das ist also ein immenser Aufwand“, verdeutlicht Thiele.
Neu ist in Marburg aber nicht nur das Projekt, sondern auch die Geschäftsführung: Vor gut zwei Wochen kehrte Dr. Karsten Pietron-Kattmann zu Novartis zurück – er hatte 2001 bereits in der Impfstoffproduktion gearbeitet, verließ das Unternehmen dann Ende 2012 und kehrte nun als Geschäftsführer zurück. „In Marburg ist ganz viel in der Entstehung – Tradition und Innovation ergänzen sich hier wunderbar“, sagt Pietron-Kattmann.

Die Arbeit auf Zell- und Gentherapie-Ebene sei in der Medizin schon eine der fortschrittlichsten Methoden.

„Für den Standort ist das natürlich eine wichtige Technologie – das, was vor zehn Jahren noch in den Kinderschuhen steckte, soll nun einem größeren Markt zugänglich gemacht werden“, so der Geschäftsführer. „Wir sind hier in Marburg am Puls der Entwicklung“, freut er sich.

von Andreas Schmidt