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Marburg Nora Wenz plant Hilfsprojekt in Sri Lanka
Marburg Nora Wenz plant Hilfsprojekt in Sri Lanka
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18:58 29.12.2019
Nora Wenz will Kindern und 
ihren Müttern
 ein Zuhause 
geben.  Quelle: Privatfoto
Marburg

Innerhalb von drei Monaten hat sich für Nora Wenz viel verändert. Im Frühjahr reiste die 26-Jährige nach ihrem Lehramtsstudium in Marburg nach Sri Lanka. Statt Urlaub zu machen, arbeitete sie in einem Kinderheim. Zurück in Deutschland ist für Wenz eines klar: Sie will ein eigenes Mutter-Kind-Heim auf dem Inselstaat im indischen Ozean errichten.

„Das wird eine Lebensaufgabe“, sagt sie mit fester Stimme und entschlossenem Blick.
Motivation für ihr Ziel sei vor allem das Schicksal von alleinerziehenden jungen Müttern, die in Sri Lanka kaum Unterstützung erhalten und von extremer Armut bedroht seien.

Manche von ihnen, sagt Wenz, sind vergewaltigt und anschließend von ihrer eigenen Familie verstoßen worden. Die Schwangerschaft gelte als unmittelbarer „Beweis“ für den Verlust der Jungfräulichkeit, der dem Ruf der Frau und der Familie schade.

 „Manchmal können die Frauen, nachdem sie weg waren, ihr Kind bekommen und es anschließend in ein Kinderheim gegeben haben, wieder zu ihren Familien zurückkommen“, sagt Wenz, „dann kann wieder behauptet werden, dass die Frau jungfräulich und somit für die Ehe ‚geeignet‘ sei.“ Eine Abtreibung ist für die Frauen in dem buddhistisch geprägten Land meist keine Option.

Das Erlebte 
macht sie dankbar

Wenz‘ erste Reaktion als sie die Gegebenheiten vor Ort hautnah miterlebt? „Wut und Unverständnis“, sagt sie sofort, schiebt aber wenig später hinterher: „Man muss mit unserem ‚Wertevorschlagshammer‘ von hier auch aufpassen.“ Die Erfahrung vor Ort schärfte vor allem ihr Bewusstsein dafür, „wie verdammt glücklich ich mich schätzen kann, dass ich ein stabiles familiäres Umfeld habe und mich nicht sorgen muss, verstoßen zu werden und plötzlich alleine dazustehen“, sagt die Referendarin.

Bis 2009 herrschte in Sri Lanka Bürgerkrieg zwischen den Singhalesen, die den größten Teil der Bevölkerung ausmachen, und der größten Minderheit, den Tamilen. Neben gut erschlossenen touristischen Gegenden, gibt es nach wie vor auch sehr arme Regionen, sagt Wenz.
Während ihrer Zeit auf Sri Lanka lebte sie unter anderem in Jaffna im Norden der Insel bei einer Familie.

Dort gab es im Haus nur Betonboden und kein fließendes Wasser, sagt sie. In Tangalle ganz im Süden gab Wenz im Eliya-Heim Kindern Englisch-Unterricht. Die deutsche Krankenschwester Angelika Riedlinger war 2005 in die Region gekommen, um Tsunamiopfern zu helfen. Sie entschied sich zu bleiben und dauerhaft etwas aufzubauen. Sie gründete einen Verein und errichtete das Kinderheim.

Staatliche Einrichtungen 
in Sri Lanka laufen über

Riedlingers Werdegang dient Wenz quasi als Blaupause. Anders als die Vorreiterin will sie sich aber nicht erst um Kinder, sondern schon um Babys kümmern. „Für Schwangere gibt es in Sri Lanka nur wenige, staatliche Auffangsysteme“, sagt Wenz, „und die laufen über.“ Ein ambitioniertes Ziel für die 26-Jährige, aber erste Erfolge geben ihr recht. „Das Feedback war sofort kritisch, aber auch sehr positiv“, sagt Wenz. „Ich stehe nicht alleine da.“

Neben vielen Vereinsmitgliedern hat sie auch schon einige große Unterstützer gefunden. Die Gemeinde Bickenbach in Südhessen, in der Wenz aufgewachsen ist, hat eine ­Finanzierungsspritze geliefert. Und auch die Schöck-Familien-Stiftung, die ebenfalls das Eliya-Kinderheim unterstützte,­ hat Hilfe angeboten. Weitere Sponsoren sucht Wenz noch, seit einigen Wochen ist ihr Verein „Young Mothers‘ Hope“ mit Sitz in Bickenbach eingetragen, auch die Webseite ist nun online.

In zwei Jahren, so der Plan, soll das Mutter-Kind-Heim stehen. Zehn Frauen mit zehn Babys will der Verein dort einen Lebensort schenken und eine Ausbildung ermöglichen, sodass die Frauen später für sich selbst sorgen können. Ob sie in ein bestehendes Gebäude einziehen oder aber neu gebaut wird, ist noch offen.

Wichtig ist für Wenz vor allem: Sie will, dass die Finanzierung auf sicheren Füßen steht. Bevor sie neben den Baukosten nicht auch das nötige Geld im Voraus aufgetrieben hat, um das Heim sechs Monate zu betreiben, will sie nicht starten. Für Grundstück und Gebäude rechnet Wenz mit 100 000 bis 150 000 Euro, die laufenden Kosten sollen später aber nur etwa 3 000 Euro monatlich betragen.

Wenz und ihre Vorstandskolleginnen sind guter Dinge, dass sie auch die restlichen Hürden nehmen werden. „Es war kein Selbstläufer, aber bisher läuft alles wie am Schnürchen“, sagt sie. Doch auch wenn das Projekt letztlich scheitert und es nicht zum Bau des Mutter-Kind-Heimes kommt, ist das gespendete Geld nicht verbrannt, sagt Wenz. Die Satzung ihres Vereins sieht vor, dass das Geld dann dem Eliya-Kinderheim zugute kommt. Und bei dieser Einrichtung wäre es ebenfalls gut angelegt, ist sich die 26-Jährige ­sicher.

Doch so weit soll es erst gar nicht kommen – und danach sieht es derzeit auch nicht aus. Mitte dieses Jahres war Wenz gemeinsam mit Vereinskassierin Ronja Goossens erneut auf Sri Lanka und hat von den zuständigen örtlichen Behörden Zustimmung für ihr Projekt erhalten. Damit steht Wenz‘ „Herzensangelegenheit“ nur noch wenig im Wege.

  • Weitere Informationen gibt‘s unter 
www.youngmothershope.com im Internet.

von Tobias Kunz