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Marburg Wie Digitalisierung Demokratie bedroht
Marburg Wie Digitalisierung Demokratie bedroht
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13:00 14.07.2019
Die Veränderung der Öffentlichkeit durch Facebook erforscht Nils Vief. Quelle: dpa
Marburg

Fake News, Hass-Mails und Posts mit extremistischen Inhalten: Das ist die eine Seite der Medaille. Gleichzeitig stehen die digitalen Plattformen von Facebook über Google und Twitter bis hin zu Youtube aber auch für die Möglichkeit des schnellen, sogar länderübergreifenden Kontakts.

Für seine Doktorarbeit an der Marburger Universität untersucht der Marburger Politikwissenschaftler Nils Vief die Frage, wie die Digitalisierung das politische System in Deutschland verändert. „Man kann dem Thema als Sozialwissenschaftler nicht aus dem Weg gehen“, meint er.

Auf die Spur seines Themas kam Vief vor drei Jahren auch wegen einer persönlichen Erfahrung als Facebook-Nutzer. Damals hatte er sich vorwiegend der Erforschung der Diskurs-Strategie der neuen rechten Partei AfD gewidmet. Dabei kam auch die Frage auf, wieso die AfD im Vergleich mit den anderen politischen Parteien vergleichsweise sehr viel erfolgreicher auf Facebook war.

Überrascht war Vief, als ihm in seiner Timeline ein Post eines Facebook-Nutzers vorgeschlagen wurde, der sich im Nachhinein als ein bekannter Rechtsradikaler entpuppte. Es war ein Brief an den Richter in einem Verfahren wegen einer angeblichen Massenvergewaltigung einer jungen Frau durch mehrere Jugendliche. Vor allem die Reaktionen auf den Post fand der Politikwissenschaftler schockierend.

So wurden in einigen der Kommentare zur Selbstjustiz aufgerufen und eine „Möchtegern-Kuscheljustiz“ angeprangert. Der Verfasser des Original-Posts sei allerdings geschickt darin gewesen, Inhalte so zu formulieren, dass sie juristisch nicht angreifbar gewesen seien. „Man kann gezielt Hass schüren, ohne das explizit zu schreiben“, bilanziert Vief.

Austausch im Digitalen kommt schneller zustande

Dass es rund 5.000 Kommentare gab, deutete für Vief auf eine relevante Öffentlichkeit mit einem politischen Diskurs hin. „Aber das war eine Öffentlichkeit, die mir fremd war“, erläutert der Marburger Forscher. Wieso der Facebook-Algorithmus in diesem Fall dazu geführt hatte, dass der Forscher in eine ihm bis dato unbekannte „Filterblase“ geriet, das begann ihn zu interessieren.

In der Folgezeit startete er in mehreren Seminaren mit Studierenden Experimente, bei denen er idealtypische Facebook-Accounts anlegte, um die unterschiedlichen ­Timelines von rechten und linken Nutzern zu vergleichen. Zerstören Facebook und Co. letztlich sogar die Demokratie? Auf diese plakative Frage antwortet Vief im Gespräch mit der OP zunächst mit einem entschiedenen Nein.

Er schränkt aber ein, dass das Gefüge der demokratischen Öffentlichkeit durch den disruptiven (erschütternden) technischen Wandel durchaus bedroht werde. Durch die Digitalisierung könne sich das System der politischen Diskurse grundsätzlich verändern. So komme es in der digitalen Öffentlichkeit immer häufiger dazu, dass Menschen mit ähnlichen politischen Einstellungen sich jeweils nur noch in ihrer eigenen „Filterblase“ bewegen würden, ohne mit politisch Andersdenkenden in Kontakt zu geraten.

Wenn aber diese Öffentlichkeit nicht mehr für die politisch Andersdenkenden zugänglich sei, dann entfalle auch die Möglichkeit, sich damit argumentativ auseinanderzusetzen. Ähnliche Phänomene habe es natürlich auch im vordigitalen Zeitalter gegeben bei Treffs in Vereinen oder Kneipen, betont der Forscher.

Im Digitalen komme der Austausch jedoch sehr viel schneller zustande. Zudem sei es für die Anhänger von extremen Meinungen, die sonst nicht öffentlich geäußert werden dürften, viel leichter, den Kontakt zu Gleichgesinnten zu bekommen. Als Beispiel nennt Vief die Anhänger der „Holocaust-Lüge“.

Zahl der jugendlichen Nutzer steigt rasant

„Im Internet kann jeder veröffentlichen. Dabei kann eine bestimmte Öffentlichkeit erreicht werden ohne die ansonsten bei Medien erprobten Mechanismen der Richtigstellung“, macht Nils Vief auf eine der Tücken des Systems aufmerksam. Facebook und Google seien zudem Privatunternehmen mit einer globalen Monopolstellung. Deren Hauptziel sei es eigentlich, Werbung zu verkaufen.

Dass über diese Kanäle auch ein politischer Diskurs stattfinde, sei aber eigentlich eher ein Nebeneffekt. Im Vordergrund steht für den Marburger Politikwissenschaftler die Frage, wie Google und Facebook ihre Macht nutzen. In den USA gaben laut Informationen von Professor Liam Ferguson mehr als 40 Prozent der Internet-Nutzer an, sich nur noch bei Facebook politisch zu informieren. Zwar sei diese Quote in Deutschland bei Weitem noch nicht erreichbar, denn neben dem Internet sei nach wie vor das Fernsehen eine wichtige Informationsquelle, erläutert Vief.

Doch auch hier sei vor allem die Zahl der jugendlichen Nutzer von Facebook, Youtube und Instagram rasant ansteigend. Und Youtuber Rezo habe vor Kurzem mit seinem Anti-CDU-Video aktiv in den Europawahlkampf eingegriffen. Es gebe einerseits Formate im Internet, die News-Formate etablierter Medien aufgreifen. Neben einer Vielzahl von Ideen gebe es aber gleichzeitig viel mehr Hassbotschaften und Fake News.

Zu einem Problem für die demokratische Öffentlichkeit wird der Informationskonsum über Facebook nach Ansicht von Vief dann, wenn die Nutzer klassische, redaktionell betreute Medienformate nicht mehr nutzen oder diesen pauschal misstrauen. Diese Nutzer seien besonders gefährdet, in digitale Teilöffentlichkeiten abzudriften, die den Kriterien einer demokratischen Öffentlichkeit nicht mehr entsprechen.

von Manfred Hitzeroth