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Marburg Hausärztin: Mit uns ginge das viel schneller
Marburg Hausärztin: Mit uns ginge das viel schneller
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12:00 03.03.2021
Dr. Barbara Froehlich mit Impfbuch und Grippeschutzimpfung in ihrer Praxis in der Marbach
Dr. Barbara Froehlich mit Impfbuch und Grippeschutzimpfung in ihrer Praxis in der Marbach Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Dr. Barbara Froehlich ist eine erfahrene Hausärztin. Seit 1984 übt sie ihren Beruf aus, seit 1989 hat sie eine eigene Praxis in Marburg. Die 60-Jährige hat in dieser Zeit abertausende Impfungen verabreicht – gegen Grippe, Tetanus, Masern, Keuchhusten, Diphtherie und viele andere Krankheiten, die man nicht bekommen will. Nur gegen Corona, derzeit die größte gesundheitliche und ökonomische Bedrohung in Deutschland, darf sie nicht impfen.

Angesichts der deutschen Impfstrategie hat sie „so einen Hals“, sagt sie im Gespräch mit der OP. Tausende Impfprofis in deutschen Arztpraxen auszuklammern hält sie für einen katastrophalen Fehler, „ein Rausschmeißen von Ressourcen“. Sie sei sechs Mal als Ärztin im Impfzentrum tätig gewesen. Dort sei man der Meinung, „wir Hausärzte schaffen das nicht, wir hätten dafür gar keine Zeit“.

Zeit haben Hausärzte sehr wohl für Corona, sie müssen sie sich für ihre Patienten nehmen. „Wir machen in der Praxis ohnehin fast die ganze Arbeit. Wir beraten Patientinnen und Patienten über die Impfstoffe, nehmen ihnen die Sorgen und Ängste. Wir informieren sie über die Impfungen und Impfstoffe, vereinbaren Impftermine für alte Menschen und füllen die Unterlagen aus. Dann schicken wir sie weg. Das ist doch absurd“, sagt Barbara Froehlich. Zumal der Zugang zu den Impfzentren insbesondere für alte Menschen mit vielen Hürden verbunden sei. Eine komplizierte Anmeldung, weite Wege. Die Folge: „Viele gehen erst gar nicht hin“, weiß die Ärztin.

Als im Herbst vergangenen Jahres die ersten Meldungen über den Biontech-Impfstoff gekommen seien, mit dem Verweis, er müsse auf minus 80 Grad gekühlt werden, habe man dies noch verstehen können, denn „kein Hausarzt hat einen solchen Kühlschrank“. Mittlerweile sei einerseits klar, dass man den Biontech-Impfstoff sehr wohl in Arztpraxen verimpfen könne, weil er bis zu fünf Tage in einem Kühlschrank aufbewahrt werden könne. Zudem gebe es mit AstraZeneca einen klassischen Impfstoff.

Bei der öffentlichen Vermittlung über Art und Wirksamkeit der Impfstoffe sei einiges schief gelaufen. Anfangs hätten viele Menschen eine Impfung mit dem Biontech-Impfstoff abgelehnt, weil er gentechnisch hergestellt worden sei. Jetzt werde AstraZeneca abgelehnt, weil er nicht so wirksam sei. Doch beide Impfstoffe, sagt sie, seien gut.

Auch in diesem Fall könnten niedergelassene Ärzte bei der Überzeugungsarbeit helfen, weil sie über Jahre ein Vertrauensverhältnis zu ihren Patientinnen und Patienten aufgebaut hätten. „Ich habe noch keinen Kollegen gehört, der die Strategie mit den zentralen Impfzentren nicht für Unsinn hält“, sagt Barbra Froehlich. Doch daran sei auch die Politik schuld. Vielleicht habe die Politik vermutet, die Ärzte hielten sich nicht an die Priorisierung. „Die hatten wohl Angst, wir impfen unsere Spezis und die Privatpatienten zuerst“, sagt die Ärztin empört.

Dabei wüssten die Hausärzte am besten über die Gesundheit ihrer Patientinnen und Patienten Bescheid. „Es gibt kerngesunde 80-Jährige und todkranke 40-Jährige“, sagt sie.

Sie meint: „Wenn man uns niedergelassenen Ärzten den Impfstoff geben würde, würden wir auch impfen – und es ginge viel schneller.“ Derzeit stehen wir in Deutschland nach Ansicht von Barbara Froehlich am Beginn einer dritten Corona-Welle, ausgelöst durch die neuen Mutanten. Mit Hilfe der niedergelassenen Ärzte könnte Deutschland die Pandemie bis zum Herbst in den Griff bekommen. Ohne die niedergelassenen Ärzte vermutlich nicht.

Das glaubt auch Dr. Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): „Ohne die zügige Einbindung der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte wird die Impfkampagne schon bald in einem gigantischen Stau nicht verabreichter, aber dringend benötigter Impfdosen stecken bleiben.“

Und wie geht es weiter mit Corona? „Das Virus wird bleiben – vielleicht werden wir dagegen jährlich impfen, wie bei Grippe auch“, sagt Barbara Froehlich. Dann auch in Impfstraßen oder in Arztpraxen? Vermutlich letzteres.

Von Uwe Badouin

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