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Marburg „Nichts gemacht worden, außer Fahrradstreifen auf Straßen zu pinseln“
Marburg „Nichts gemacht worden, außer Fahrradstreifen auf Straßen zu pinseln“
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09:58 24.02.2021
Dirk Bamberger (CDU) ist Oberbürgermeisterkandidat in Marburg.
Dirk Bamberger (CDU) ist Oberbürgermeisterkandidat in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Dirk Bamberger, Oberbürgermeister-Kandidat der CDU im OP-Interview.

Nicht nur am Hasenkopf, auch am Oberen Rotenberg Wohnungsbau betreiben, mehr Bauland in Außenstadtteilen und für den Pharmastandort: Ist der Leitspruch der CDU im Klimanotstand „versiegeln, versiegeln, versiegeln“?

Bauen geht nicht ohne Flächenversiegelung, egal ob bei Nachverdichtung in der Kernstadt oder in Dörfern: Wiese, Grünfläche wird weichen. Wer sich Bautätigkeit auf die Fahne schreibt, wer Wohnraum schaffen und Firmen eine Expansion ermöglichen will, wird auch Straßen bauen müssen und nicht gleichzeitig behaupten können, er tue konsequent alles, um dem Klimanotstand entgegenzuwirken. Als Stadt können wir in die Hand nehmen, wo und wie versiegelt, vor allem wie gebaut wird und wie die Versiegelung kompensiert wird. Ein wichtiger Aspekt hierbei ist der sparsame Umgang mit dem Boden.

Kostbare Flächen

Sie meinen Geschossbau, kommen also ein paar „Mini-Richtsberge“ an Stadt- und Dorfrändern?

Nein, aber die Flächen sind nun mal endlich und kostbar. Es ist aber doch so, dass die Menschen mangels Möglichkeiten in Weimar, Lahntal oder Kirchhain bauen, also versiegeln, dann nach Marburg pendeln und so Verkehr verursachen, was noch klimaschädlicher ist. 50 freistehende Häuschen auf dem Oberen Rotenberg sind ja gar nicht geplant, sondern eine Mischbebauung, die den Nachhaltigkeitsaspekten konsequent Rechnung trägt. Mit den Bebauungsplänen regulieren wir die Geschossigkeit der Neubauten. Hier liegt ein Hebel in der Frage der Effizienz der Flächennutzung.

S+S, DVAG und andere: Die absolute Mehrzahl der Wohnungen ist von privaten Bauherren gebaut worden. Mit teils happigen Mietpreisen. Daran stören sich außer der CDU und der FDP viele.

Private können Wohnraum häufig effizienter erstellen, aus vielerlei Gründen. Es gibt in Hessen sogar Beispiele, wo gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften von privatwirtschaftlichen Unternehmen Häuser errichten lassen und Wohnraum dann günstiger abkaufen, als wenn sie diesen selbst gebaut hätten. Diese Diskussion wird teilweise recht ideologisch geführt. Entscheidend ist doch, dass überhaupt Wohnraum entsteht. Da müssen wir die Wege gehen, die gut funktionieren.

Ohne die vielen privaten Bauherren wäre die Wohnsituation in Marburg sehr bescheiden, sie haben die erhebliche Entlastung – zuletzt auch bei Mietpreisentwicklung – gebracht. Klar ist, dass wir eine Mischung der Einkommens- und Bevölkerungsgruppen wie am unteren Richtsberg, mit dem Vitos-Park brauchen. Nicht, wie nun in der Kantstraße, Sozialwohnungsbau dort weiter zu verdichten, wo die Wohnsituation für die Betroffenen ohnehin schon eher nachteilig ist.

Standort ist nicht interessant genug

Windkraft etwa am „Lichter Küppel“ lehnen Sie ab. Aber werden und können Sie Windräder auf den Vorrangflächen verhindern?

Nein. Wenn ein Investor dort Windräder bauen will und die naturschutzrechtlichen Bedingungen eingehalten sind, kann die Stadt dagegen nichts tun und sie werden gebaut. Allerdings wird die Stadt mit mir diese Anlagen auch nicht selbst errichten. Der Standort scheint für Investoren ja nicht interessant genug zu sein, jedenfalls wird sich offenbar um die Marburger Vorrangflächen nicht gerissen.

Die Haupt-Verursacher der CO2 -Emissionen sind klar: Energieausstöße in öffentlichen wie privaten Häusern, dazu der Verkehr. Was soll im Verkehrsbereich passieren?

Die Autos, die Pkw sind nicht das Hauptproblem, es ist vor allem der Schwerlastverkehr, es sind Transporter und Busse. Alleine auf die sogenannte Verkehrswende zu setzen ist zu kurz gedacht. Denn es gilt sich ehrlich anzuschauen, welche Verkehre überhaupt reduzierbar sind. Elektroantriebe sorgen nicht für weniger Verkehr, und die zunehmende Zahl der Logistik- und Liefer-Lkw sind ein Zeichen für eine prosperierende Stadt.

Der wesentliche Punkt ist daher doch nicht die Reduzierung des Verkehrs, sondern die CO2-Minimierung. Und dort muss mal eine ehrliche Debatte her: Wenn man die Taktung der Busse erhöht, diese aber in den Randzeiten und -zonen kaum genutzt werden, erhöht das den CO2-Ausstoß pro transportierter Person erheblich. Ein Schlüssel liegt in der E-Mobilität, speziell für Lkw und Busse in der Wasserstoff-Technologie. Die Verkehrsdichte werden wir allerdings nicht wesentlich reduzieren können.

Bamberger will den Behringtunnel

Sie fordern den Behringtunnel. Selbst wenn so ein Großprojekt technisch ginge, reden wir von Jahrzehnten bis zur Fertigstellung. Wie sehr so eine lange Zeit Projekte – zumindest deren breite Akzeptanz – überholen kann, sieht man an der A 49 bei Stadtallendorf.

Vorab: Die A-49-Akzeptanz ist meines Erachtens hoch, nur hat sich die Form und Lautstärke des Widerstands verändert. Den Behringtunnel will ich endlich ernsthaft geprüft haben, und nicht ob er technisch machbar wäre – das ist er, jeder österreichische Tunnelbauer wird nur fragen, ob er morgen oder in einer Woche fertig sein soll – sondern ob er sinnvoll ist. Sinnvoll heißt für mich nicht, da müssen jeden Tag Zahl X an Autos und Lkw durchfahren, sondern es ist davon abzuleiten, wie viel Verkehr man aus der Ketzerbach und dem Marbacher Weg herauszieht. Sagt ein Gutachten, dass man 50, 60 Prozent des Verkehrs rausbekommt, kann man nach dem Bau sofort die Elisabethstraße sperren. Das eröffnet dem Nordviertel ganz neue Entwicklungsmöglichkeiten.

Und ein Pharmastandort im internationalen Wettbewerb, der über keine Entwicklungsperspektive verfügt, wird langfristig uninteressant. 6 000 und mehr Beschäftigte über ein innerstädtisches Nadelöhr anzubinden oder das Verkehrsproblem in Nachbar-Gemeinden auszulagern, geht nicht. Ich wundere mich, dass es dieses Denkverbot gibt, denn wir müssen doch feststellen: Es ist seit Jahrzehnten nichts gemacht worden, außer Fahrradstreifen auf die Straßen zu pinseln.

Ergänzung von Multifunktionshallen

Der Verkehr – Stichwort Sperrung der Leopold-Lucas-Straße – spielt auch für den von Ihnen vorgeschlagenen Schul-Campus eine zentrale Rolle.

Ein Zentralgebäude mit Mensa, Bibliothek, Klassen- und Fachräumen sowie einem „Haus der Musik“ und eine Sport-, eine Multifunktionshalle soll – auf der Fläche an der Elisabethschule – das Schulviertel ergänzen. Auf dem Campus wird viel Bewegung zu Fuß oder auf dem Fahrrad sein. Eine Sperrung für den Durchgangsverkehr oder andere verkehrsreduzierende Maßnahmen sind unausweichlich. Anwohner frei, Kiss-and-Ride-Zone nahe des Gesundheitsamts – unternehmen wir in dem Bereich etwas, lösen wir eine ganze Reihe von Problemen an anderer Stelle.

Vom Marktfrühschoppen oder einer Art Neuauflage dieses Fests ist nicht mehr die Rede im Programm.

Das bedeutet aber keine Aufgabe der Veranstaltung. So ein Bürgerfest muss aber aus der Bevölkerung kommen und dann von der Stadt möglich gemacht werden. Denn es muss Raum sein für unterschiedliche Formen des Zusammenkommens, auch bei Blasmusik und Bier. Diese Form der Bürgerkultur hat genauso ihre Berechtigung wie die Soziokultur.

Ausbau der Stadtpolizei

Die Stadtpolizei, auch deren Kompetenzen, wollen Sie ausbauen. Gibt es also bald Waffenträger in der Stadt, wie das bereits zum Höhepunkt der Lahnterrassen-Probleme in der Diskussion war?

Das ist nicht nötig, wir haben keine offene Schwer- oder Banden-Kriminalität. Wir haben für die wirklichen Aufgaben – Prävention und Deeskalation – eine gut ausgebildete, motivierte Truppe, die mit ihren Mitteln gut zurecht kommt.

Von Björn Wisker

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