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Marburg Die Kleinen brauchen Licht
Marburg Die Kleinen brauchen Licht
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18:00 10.12.2019
Der stellvertretende Forstamtsleiter Peter Becker an einer der zu fällenden Eichen im Naturschutzgebiet „Kleine Lummersbach“ in Cyriaxweimar. Hinter ihm ein Habitat-Baum der stehen bleibt. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die einen wollen Bestehendes erhalten, die anderen wollen beides, vor allem aber dem Nachwuchs eine Chance geben. So könnte man das beschreiben, was sich gerade um die Bäume im Naturschutzgebiet „Kleine Lummersbach“ abspielt.
Neun etwa 200 Jahre alte Eichen sollen dort zur Unterstützung der Naturverjüngung gefällt werden.

Das jedenfalls haben die Obere Naturschutzbehörde vom Regierungspräsidium Gießen, Hessenforst und die Untere Naturschutzbehörde der Stadt Marburg sowie der städtische Naturschutzbeirat „fachlich abgestimmt und als notwendig eingestuft“, heißt es auf OP-Nachfrage von der Oberen Naturschutzbehörde.

Bei einer mehrstündigen Ortsbegehung wurde festgestellt, dass die Umzäunung gegen Wildverbiss vor zehn Jahren den jungen Eichen sehr gut getan hat. Denn nach einem Eichenmastjahr sind nun viele junge Eichenbäume gewachsen, allerdings unterschiedlich hoch. Grund: der Lichteinfall.

„Eichenwachstum kann nur durch den Lichteinfall reguliert werden“, erklärt Peter Becker, stellvertretender Forstamtsleiter. „Und da die ‚Kleine Lummersbach‘ ein ausgewiesenes Eichenschutzgebiet ist, ist es unsere Aufgabe heute schon dafür zu sorgen, dass auch in 200 oder 300 Jahren hier wieder alte Eichen stehen“, ergänzt er.

Wird der Buche, die in diesem Bereich „unerwünschte Konkurrenzvegetation“ ist, keinen Einhalt geboten und die jungen Eichen nicht mit mehr Licht versorgt, dann werden sie verdrängt. Aber auch große Eichen können da zu Konkurrenten um das Licht werden. Da sind sich Peter Becker und alle anderen Experten sicher.

Standpunkt

Der Ton macht die Musik
Die Natur ist ein Kreislauf und der deutsche Wald ist multifunktional. Er soll der Wirtschaft dienen, der Erholung und gleichzeitig Lebensraum für allerlei Tiere und Pflanzen sein. Aber wenn man die Natur sich selbst überlässt, dann werden die Waldwege bald zugewachsen sein, die Industrie nur noch Holz aus Übersee oder welches mit langen Anfahrtswegen haben sowie Tiere und Pflanzen aus bestimmten Gebieten verdrängt werden. Deswegen sind gezielte Maßnahmen notwendig.

Natürlich ist jeder Baum der fällt, ein Verlust. Aber vielleicht wird dadurch dafür gesorgt, dass drei andere Bäume wachsen können und nicht verdrängt werden. Selbstverständlich können Naturschützer ihre Meinung äußern sowie kritisch sein. Aber der Ton macht die Musik. Und in dem wird sich oft vergriffen, sowohl auf offener Straße, bei Anrufen, per E-Mail und auch im Internet. Natur-Experten Wissen und Können in Sachen Naturschutz und Waldwirtschaft abzusprechen, sie zu beschimpfen und ihre Arbeit in den Dreck zu ziehen – das geht eindeutig zu weit.     

von Katja Peters

Die Naturschützer von Nabu und BUND sind da anderer Meinung. Bei einer eigenen Begehung haben sie festgestellt, dass sich der „vorhandene Baumbestand als durchaus licht und lückenhaft erwies, so dass ein ausreichender Lichteinfall für die Jungbäume vorhanden war – zumal junge Eichen nach neueren Erkenntnissen wesentlich besser mit Beschattung klar kommen, als bisher angenommen.“

Neben den Nummerierungen für die zu fällenden Bäume steht auf einigen auch ein großes „H“ für „Habitatbaum“. „Dieser Baum bleibt stehen“, betont Peter Becker. Denn Hessenforst hat ein eigens auferlegtes Habitatbaum-Konzept mit einem flächigen Netz aus alten oder auch kranken Bäumen, die als Brutplatz für Vögel oder Lebensraum für Käfer und andere Tiere dienen. So wie die Bechstein-Fledermaus in der „Kleinen Lummersbach“.

Der Förster sagt: „Es ist doch klar, dass wir das erhalten. Wir sind doch nicht Förster geworden, um den Wald zu zerstören. Wir sind Naturliebhaber und bedienen nicht nur die Sägeindustrie.“ Denn immer häufiger kommt es zu Vorwürfen, dass die Mitarbeiter von Hessenforst nur noch aus finanziellem Anreiz heraus agieren.

Dagegen wehrt sich Peter Becker: „Wenn wir nur ökonomisch handeln würden, dann hätten wir uns nicht die Arbeit mit der Eiche gemacht, sondern Douglasie gepflanzt. Gerade in der Lummersbach haben wir schon viele Projekte zum Schutze von Tier- und Pflanzenwelt vorgenommen. Neue Teiche wurden angelegt, neue Eichenkulturen gepflanzt, ebenso Wildobst, Erlen und Ulmen. Uns zu unterstellen, wir würden den Wald zerstören – das trifft nicht nur mich, sondern jeden meiner Kollegen, der sich tagtäglich für den Erhalt einsetzt, sehr hart.“

Beinahe täglich sind die Revierförster und Forstarbeiter rund um Marburg Anfeindungen ausgesetzt, werden beschimpft, ja sogar angezeigt, wenn sie ihrer Arbeit nachgehen. Der Inhalt von E-Mails und Anrufen, wenn Bäume gefällt werden, sei manchmal „deutlich unter der Gürtellinie und für die Kollegen nur schwer zu ertragen“, so Peter Becker.

"Multifunktionale Waldnutzung" in Deutschland

Dabei betont das Regierungspräsidium in seiner Stellungnahme deutlich: „Ja, es dürfen Bäume gefällt werden, da die Naturschutzgebietsverordnung der ‚Kleinen Lummersbach‘ eine forstwirtschaftliche Nutzung gestattet. Die geplante Maßnahme sieht eine Entnahme von neun Bäumen vor, es handelt sich daher um einen naturverträglichen moderaten Eingriff zum Zweck der Förderung der Eichennaturverjüngung im Schutzgebiet.“

Und es wird noch einmal klar gestellt: „Sollen auch über die nächsten 200 bis 300 Jahre hinaus Eichenwälder in der ‚Kleinen Lummersbach‘ heranwachsen, dann muss eine forstwirtschaftliche Bewirtschaftung weiterhin möglich sein, weil der Erhalt von Eichenwäldern nur durch eine gezielte forstliche Pflege möglich ist.“ Schon heute seien solche Bestände nur deswegen so alt und umfangreich, weil Förster über Generationen diese gepflegt haben und nicht, „weil dort keine Forstwirtschaft stattgefunden hat.“

Damit beantwortete das Regierungspräsidium auch die Forderung der Naturschützer, „zukünftig eine kommerzielle forstliche Nutzung in Naturschutzgebieten“ zu vermeiden. „Eingriffe sollten alleine als pflegerische Maßnahmen durchgeführt werden und sich auf das unerlässlich Notwendige beschränken“, so die Meinung der Naturschützer.

„Aber genau das tun wir“, sagt Peter Becker und verweist noch einmal darauf, dass in Deutschland eine „multifunktionale Waldnutzung“ betrieben wird. „Und wenn wir generell keine Bäume mehr einschlagen sollen, woher soll denn das benötigte Holz für die heimische Industrie kommen, in Zeiten von Klimanotstand und zu hoher CO2-Belastung?“

In diesem Winter sollen die Eichen nun doch nicht fallen. Nach OP-Informationen hat das hessische Umweltministerium Hessenforst gebeten, mit den Arbeiten noch so lange zu warten, bis die Ergebnisse eines Fledermausgutachtens für das Gebiet „Kleine Lummersbach“ vorliegen. Dieses soll im nächsten Jahr in Auftrag gegeben werden.     

von Katja Peters