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Marburg Corona-Folgen stehen im Fokus
Marburg Corona-Folgen stehen im Fokus
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10:00 16.07.2021
Endlich Ferien! Die Schüler der Klasse 5a der Steinmühle (Schule und Internat) stürmen mit ihren Zeugnissen aus dem Schulgebäude.
Endlich Ferien! Die Schüler der Klasse 5a der Steinmühle (Schule und Internat) stürmen mit ihren Zeugnissen aus dem Schulgebäude. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Heute ist der Tag, den Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler herbeigesehnt haben, sie starten heute nach einem nervenaufreibenden Corona-Schuljahr in die langen Sommerferien.

Da stellt sich zugleich die Frage, wie der Schulalltag ab Ende August aussehen wird. Dann dürfte es vor allem darum gehen, die Einschnitte der letzten Monate zu verdauen. Das gelingt nicht in sechs Wochen Ferienzeit.

Die Kultusminister haben entschieden, dass es zum Start des neuen Schuljahrs und möglichst dauerhaft beim Präsenzunterricht bleibt. Das ist das oberste Prinzip. Präsent bleibt jedoch auch die Angst vor dem erneuten Corona-Chaos, der Delta-Variante, vor der abrupten Rückkehr zum Fernunterricht.

Im Fokus der aktuellen Schul-Debatte steht der Bildungsstand der Schüler, der bei vielen, wenn auch nicht allen, unter dem Ausnahmezustand gelitten hat. Doch noch wichtiger ist Pädagogen und Psychologen die Aufarbeitung von sozial-emotionalen Problemen. Kinder und Jugendliche haben mit am meisten unter der Pandemielage gelitten, ein geregelter Alltag, soziale Kontakte, Austausch mit Freunden, all das fiel weg. Psychische Probleme und Auffälligkeiten sind gestiegen.

Langfristige Auswirkungen des ersten Pandemiejahres, die nicht auf die Schnelle behoben werden können. Schulen im Landkreis stellen sich bewusst darauf ein. Einfach im Regelbetrieb weitermachen oder Lernrückstände schnell noch in den Ferien ausbügeln – das funktioniert definitiv nicht, wie mehrere Lehrkräfte im OP-Gespräch betonen.

Emotionale Probleme rücken in den Fokus

„Man muss ganz klar im schulischen und auch im sozialen Bereich nacharbeiten – das geht aber nicht in wenigen Tagen“, sagt etwa Mirko Meyerding, Schulleiter der Gesamtschule Ebsdorfergrund (GSE). Vielmehr müsse nach den Ferien mit allen Beteiligten genau geschaut werden, wo es Nachholbedarf gibt, „wir starten hier erstmal mit einer großen Reflexion“.

Die GSE setzt dabei auf mehrere Standbeine: Einerseits die bereits bewährten „Buddys“ – ältere Schüler, die den jüngeren zur Seite stehen. Außerdem will die Schule zusätzliche Förderangebote etablieren, sehr kleine Kurse, „für eine gezielte Förderung, da werden nicht mehr als ein bis zwei Kinder drin sitzen“, sagt Meyerding. Dazu werde das Förderprogramm „Löwenstark“ von Land und Bund zur Förderung schulischer und außerschulischer Angebote genutzt.

In der ersten Ferienwoche wird es zudem ein Sommercamp geben, rund um die Persönlichkeitsentwicklung, um musisch-künstlerische, kreative und sportliche Aktivitäten, die in den letzten Monaten „viel zu kurz gekommen sind“. Es gehe dabei eindeutig nicht ums Büffeln von verpasstem Schulstoff, die freie Ferienzeit sei zum Erholen da, betont Meyerding.

„Die Kinder müssen erstmal in die Ferien und zur Ruhe kommen – aber im Herbst ist nicht plötzlich alles wieder gut“, sagt auch Bernd Holly, Schuleiter der Steinmühle, wo es gestern Zeugnisse gab. Die Auswirkungen des ersten Pandemiejahres anzugehen sei vielmehr eine Sache von Monaten. Auch die Steinmühle plant nach den Ferien Kompensationskurse – doch das fachliche sei hier weniger das Problem, „es ist die sozial-emotionale Seite, dort gibt es den größten Entwicklungsbedarf, die müssen wir wieder stabilisieren“, betont Holly. Er bekam mit, wie still und orientierungslos viele Schülerinnen und Schüler aus dem Lockdown kamen, „sie standen einfach neben sich“. Es brauche Zeit das aufzuarbeiten, darauf reagiere die Schule etwa mit Kursen zur Persönlichkeitsentwicklung.

Auch an der Marburger Elisabethschule sind Zusatzprogramme in der Planung, „wir starten nach den Ferien mit einem breiten Unterstützungsangebot“, berichtet Schulleiter Gunnar Merle. Das besteht im Idealfall aus vier Säulen: Förderkurse in den Hauptfächern über mehrere Wochen setzen da an, wo der größte fachliche Nachholbedarf besteht. Die Zusatzkurse sollen am Nachmittag stattfinden und auch mit zusätzlichen Lehrkräften bestückt werden – personell sei das nur mit Neueinstellungen zu stemmen.

Mehr Individualität beim Lernen?

Individuelle Förderung gibt es parallel durch Lernhilfen über das „Schüler helfen Schülern“-Modell. Dritter und zentraler Punkt ist die gezielte Förderung im Unterricht, zu schauen, bei wem welcher Stoff zu kurz kam und darauf zu reagieren, „damit werden Lücken in der Breite geschlossen“. Der vierte Part ist durchaus aus den Pandemie-Erfahrungen geboren, noch in der Entwicklung und dreht sich um die Etablierung von Onlinemodulen. Praktisch lokale Lernplattformen der Schule, die ein asynchrones Lernen ermöglichen sollen, also nicht in Gruppen, sondern digital nach dem eigenen Zeitplan.

Und wie sieht es bei den klassischen Leistungskontrollen aus? Auch dort brauche es neue Ansätze, welche die Ausgangslage mit einbeziehen. Man dürfe nicht nur einen Maßstab ansetzen und „nicht die falschen Kompetenzen abtesten“, sagt Meyerding. Individuelle Lösungen müssten her, da zwar einige Schüler nicht im Stoff mitkamen, aber eben nicht alle: Manchen, denen der Fernunterricht durchaus lag, hätten „wie verrückt für die Schule gearbeitet, das wird oft vergessen“.

Das sieht auch Merle so: „Es wird oft der Eindruck erweckt, die Schüler hätten in den fünf Wochen gar nichts gelernt, das ist falsch.“ Manche seien regelrecht vorgeprescht, profitierten von einer freieren Zeiteinteilung und der Selbstorganisation. „Es kann auch guttun, im eigenen Tempo zu lernen, zumindest mal einen Tag lang.“

Ein Teil-Modell für die Zukunft? Zumindest hat die Pandemie einige neue Ideen angestoßen und alte wieder hervorgeholt, die als Chance genutzt werden könnten. Am Ende kann die Pandemie auch ein Signal sein, sie rückt Zukunftsthemen wieder stärker in den Fokus: von neuen Formen für individuelles Lernen bis zur Verkleinerung von Klassen. „Es werden sich Dinge dauerhaft verändern, wenn auch nicht von heute auf morgen“, ist Meyerding überzeugt.

Von Ina Tannert

15.07.2021
15.07.2021