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Marburg Neues Kulturhaus für Marburg? Die Reaktionen
Marburg Neues Kulturhaus für Marburg? Die Reaktionen
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18:00 10.09.2019
Das heutige Theater am Schwanhof war einst ein Bundeswehr-Casino mit angeschlossenem Kinosaal. Das Gebäude gilt seit Jahren als marode. Quelle: Björn Wisker
Marburg

„Sehr gut nachvollziehbar“ sei die Kritik der Theater-Doppelspitze am Schwanhof-Gebäude, heißt es von Hans-Martin Reissner, CDU-Kulturpolitiker. Die Räume seien „unzureichend“ und in ­einem „schlechten baulichen ­Zustand“. Perspektivisch brauche man vielmehr ein Haus der Musik und der Kultur – ein Zentrum für Schauspiel, Musik und Platz für Vereine – welches ­einem breiten Nutzerkreis zur Verfügung stehe. Die CDU will daher einen Abriss und Neubau – mit Geld von Stadt, Landkreis und Land Hessen – an gleichem Standort prüfen lassen.

Nun würden einen „die Fehler der Vergangenheit einholen“, sagt CDU-Fraktionschef Jens Seipp mit Verweis auf die falsche Entscheidung der Stadthallen-Sanierung statt eines Neubaus. Resultat: Dem Landestheater wird im Erwin-Piscator-Haus keine Infrastruktur ­geboten.

Das sagt die Theater-Spitze

Das Theater am Schwanhof stößt an seine Grenzen und ist technisch längst nicht mehr auf der Höhe, hieß es zuletzt von den Intendantinnen Carola­ Unser und Eva Lange. Im vergangenen Winter sei die Heizung ausgefallen – das Publikum habe man mit heißem Glühwein erwärmen können, die Schauspieler aber seien am nächsten Tag krank gewesen. Tenor: „Das geht gar nicht.“ Im Bereich Digitalisierung sei man zudem „geradezu unterirdisch aufgestellt.“

Das sagt die Theater-Spitze

Und es fehlt Platz fehlt für Mitarbeiter, Requisiten, Werkstätten oder für vernünftige Duschen. „Einer tollen Stadt wie Marburg würde ein eigenes Theatergebäude gut stehen. Es ist verwunderlich, dass es das nicht gibt“, sagen die beiden Theatermacherinnen, denn auch das für über 40 Millionen Euro sanierte ­Erwin-Piscator-Haus ist keine Ideallösung. „Wir gelten zwar als der wichtigste Player, aber es ist nicht ,unser‘ Haus.“

Die Grünen bezeichnen einen Neubau angesichts des baulichen Zustands und der technischen Ausstattung des ehemaligen Bundeswehr-Casinos als „kulturpolitisch sinnvoll und energetisch notwendig“. Das Bestandsgebäude könne die „Ansprüche an ein vollwertiges Theatergebäude nicht erfüllen“. Die Stadt könne sich solch ein Projekt – mit Geld vom Land Hessen – angesichts der kommunalen Einnahmesituation leisten. Wie auch die CDU favorisieren die Grünen den Umbau des Gesamtgeländes, also­ Theater- und Musikschulen-Gebäude. Alleine die Leistungen der Intendantinnen seien „ein Argument für den Neubau“, heißt es von Gerald Weidemann, SPD-Sprecher für Kulturpolitik. Im Haushalt für das kommende Jahr solle daher Geld für konkrete Planungen bereitgestellt werden.

Die Linke wittert die Chance,­ mit einem möglichen Theater-Neubau auch den aktuell geplanten Afföller-Verkauf zu stoppen. „Das ist die Möglichkeit, dieses Gebiet zu einem richtigen Kulturstandort auszubauen, es aufzuwerten“, sagt Renate Bastian, Fraktionschefin. Die Verkehrsanbindung sei „ideal“, in das Umfeld – Theater am Turm und Café Trauma – lasse sich das Hessische Landestheater „perfekt integrieren“, die Einrichtungen könnten personell wie inhaltlich voneinander profitieren. Das sieht Stadtverordneter Henning Köster ähnlich: Noch sei das Afföllergelände in städtischem Eigentum, mit dem Theater-Neubau sei die Möglichkeit einer „qualitativen Fortentwicklung“ gegeben. Klar ist: Das von der Pohl-nahen Firma MPG geplante Seniorenheim stößt vor allem im linkspolitischen Lager auf Kritik. So kommt auch für viele in der SPD eine Afföller-Bebauung nur infrage, wenn keine Nutzungskonflikte vorprogrammiert sind – und eine Bebauung inhaltlich sinnvoll zum Bestand ist.

Als „nicht nachvollziehbar“ bezeichnet hingegen die FDP das Ansinnen. Angesichts der neuen großen Bühne der Stadthalle­ wirke die Forderung „frech“, heißt es auf OP-Anfrage. „Ich bin der Meinung, dass das bestehende Theater seinen Zweck erfüllt. Daher steht es auf unserer Prioritätenliste nicht besonders weit oben. Ich würde bei vorhandener Sachlage grundsätzlich Geld in die Gebäude und
Ausstattung von Schulen stecken, als in einen Theaterneubau“, sagt Christoph Ditschler, FDP-Parteichef.

von Björn Wisker