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Marburg Neuer Wohnraum entsteht in verfallener Hofreite
Marburg Neuer Wohnraum entsteht in verfallener Hofreite
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17:58 11.09.2021
Auch für das Obergeschoss der Scheune haben Dorothea und Ralf Weber konkrete Vorstellungen.
Auch für das Obergeschoss der Scheune haben Dorothea und Ralf Weber konkrete Vorstellungen. Quelle: Gianfranco Fain
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Gisselberg

„Wer will schon ins Altersheim“, sagt Dorothea Weber und weiß sich auch in diesem Punkt einer Meinung mit ihrem Ehemann Ralf. „Jeder, den wir kennen, sucht nach Alternativen“, fährt sie fort. Ihre hat das Ehepaar offensichtlich gefunden. Seit Mitte Juli sind die Familien Weber und Röser die neuen Besitzer einer Hofreite in Gisselberg. An der Gießener Straße Nummer 16 lassen sie aus dem seit Jahrzehnten ungenutzten Gebäude nach ökologischen Gesichtspunkten energetisch autarke Wohn- und Gesellschaftsräume entstehen, um sich ihren Traum zu erfüllen: eine generationenübergreifende Lebensgemeinschaft.

Platz dafür ist ausreichend da. Rund 1.700 Quadratmeter ist das Grundstück groß, auf dem die ehemals dreiteilige Gebäudekomposition stand. Erhalten sind noch die Scheune und der ehemalige Tanzsaal der Gastwirtschaft. Das Haupthaus brannte vor rund 15 Jahren nieder, die Reste fielen der Abrissbirne zum Opfer.

Ein Gebäude in „pfiffig und neu“

Dieses Gebäude lassen die Webers wieder errichten, es soll jedoch „so aussehen, als hätte alles immer schon dort gestanden, nur eben pfiffig und neu“. Dorothea und Ralf Weber wollen die Architekturtypologie weiterführen, allerdings soll der Gegensatz zwischen Bestand und Ergänzung in der Nähe betrachtet durch klare Kontraste erkennbar sein.

Ihr Wille zum Wiederaufbau überzeugte auch den ehemaligen Besitzer, das Ensemble an die Webers zu verkaufen, weil sie entgegen vieler anderer Interessenten sein Projekt zu Ende führen. Auch er wollte die Hofreite wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzen. Ursprünglich gehörte der Hof dem ehemaligen Gast- und Landwirt sowie auch Bürgermeister Ludwig Winter. Nach einigen Eigentümerwechseln steht der Hof seit Ende der 1990er-Jahre leer. Nun soll er neu entstehen.

Kein Denkmalschutz

Dazu nahmen Dorothea und Ralf Weber schon Kontakt mit der Unteren Denkmalschutzbehörde, dem Fachdienst Kreisentwicklung und einem Architekten auf. Das Gebäude ist zwar nicht als Denkmal eingestuft, dennoch legen die neuen Besitzer Wert auf den fachlichen Rat. „Wir lieben es, alte Sachen wieder herzustellen“, verrät die Diplom-Pädagogin. Es ist bereits das fünfte Gebäude, das das Ehepaar saniert oder umbaut und schließlich darin einzieht. Wie ein solches Objekt aussehen kann, war am Café Campiello zu sehen, das die Webers einige Jahre in der Wilhelmstraße betrieben.

Für die Hofreite hat das Ehepaar schon konkrete Vorstellungen, wie sie einmal sein soll: Wohnen werden sie im Obergeschoss der Scheune unter einem sogenannten Kaltdach. Der Wohntrakt wird U-förmig angelegt und verglast, sodass auf die Tenne heruntergeschaut werden kann. Deren Holztore werden ersetzt durch eine Metall-/Glaskombination, wodurch der Eindruck einer Aufenthaltszone im Freien entsteht, die es in der warmen Jahreszeit auch geben soll. Küche und Bad sind ebenfalls im Obergeschoss vorgesehen, während darunter Arbeitszimmer, Therapieraum und Sauna Platz finden.

500 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche

Aus dem Nachbargebäude mit dem ehemaligen Tanzsaal entsteht ein Wohntrakt. Insgesamt vier Wohneinheiten sowie einen Raum für gewerbliche Nutzung zum Vermieten wird das Anwesen bieten, wenn das Wohnhaus errichtet ist. Insgesamt mehr als 500 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche weist die erneuerte Hofanlage auf, wenn die Arbeiten vollendet sind. Zum Zuge kommen heimische Handwerksunternehmen, die Ende des Jahres mit den Arbeiten beginnen können, hoffen Webers.

Der Bauantrag ist gestellt, die Bauherren warten noch auf die Förderzusage aus dem Programm zur Dorferneuerung. Der gepflasterte Hof bleibt erhalten, ebenso der Garten hinter der Scheune, der mit seinen Bäumen einer „gepflegten Wildnis“ gleichen soll.

Geringe Folgekosten

Ende 2022 könnte der erste Bauabschnitt beendet sein, hoffen Dorothea und Ralf Weber. Insgesamt rechnen sie für das Projekt mit dem Einsatz von zwei Millionen Euro, aber mit geringen Folgekosten. Denn sie wollen den ganzen Hof mit einer Erdwärmeanlage heizen und möglichst den benötigten Strom mittels Fotovoltaik und Stromspeichern selbst generieren und verbrauchen. Der Neubau soll im KfW-40-Standard entstehen. „Unser Ziel ist, möglichst nur Wasser zukaufen zu müssen“, sagen die Hobby-Architekten.

Von Gianfranco Fain

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