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Marburg Im Labyrinth der Selbsterkenntnis
Marburg Im Labyrinth der Selbsterkenntnis
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14:57 27.12.2020
Ein Blick auf den unteren Teil des Buchcovers. Foto: Tredition Verlag
Ein Blick auf den unteren Teil des Buchcovers. Quelle: Tredition Verlag
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Marburg

Die Marburger Autorin Eva Finkenstädt ist keine Geschichtenerzählerin, die sich mit einer halbwegs spannenden Handlung, einer oder zwei Hauptpersonen und launigen Dialogen zufriedengibt.

Dazu nimmt sie ihren Beruf, ihr Lesepublikum und ihre Sujets zu ernst – egal, ob die nun im Mittelalter angesiedelt sind, in der Epoche der Industrialisierung oder im Hier und Jetzt. Das Hier und Jetzt ihres neuen Romans ist eine Welt, die vor dem unwiderruflichen Klimakollaps steht.

Eva Finkenstädts „Helden der Erde“ sind ein halbes Dutzend skurriler Gestalten, deren Marschbefehl keine geringere Aufgabe ist als die Rettung des Planeten. Kostas, der Narr des König Midas, der Dudelsack spielende Barde Finn, die Hexe Ilka, eine Priesterin mit Kuhhörnern, ein Rapper namens A.Wake und Magdalene, hinter der sich. . . na ja.

Verraten wir an dieser Stelle lieber nicht zu viel. Wissen sollte man indes, wer Lyla June ist, jene Frau, die mit ihrem Ruf „All Nations Rise“ überhaupt erst dafür sorgt, dass die sechs Gefährten in einer mystischen Taverne aufeinandertreffen. Lyla June Johnston ist eine real existierende indigene Forscherin, Aktivistin und Künstlerin aus New Mexico.

Am besten laut gelesen

Ihre eindringlichen umweltpolitischen Appelle hat Eva Finkenstädt zu einem der Leitmotive von „Helden der Erde“ gemacht. Den Rapper gab’s ebenfalls im wirklichen Leben: Wake Self lebte ebenfalls in New Mexico, bis er vor gut einem Jahr von einem Betrunkenen totgefahren wurde. Zurück zu den „Helden der Erde“: Sie müssen sich durch ein unterirdisches Labyrinth kämpfen, und auf ihrer gefährlichen Reise lernen sie einander und sich selbst mit all ihren Stärken und Schwächen kennen.

Lesen lässt sich Eva Finkenstädts Buch als modernes Märchen, an dessen Ende die Moral steht, dass die Menschheit nur als solidarisch-tolerantes und verantwortungsbewusstes Kollektiv eine Zukunft hat. Vom Prolog über die eingewobenen Zwischentexte bis zur letzten Seite verführt Eva Finkenstädts feiner Sprachduktus zum lauten Lesen – ganz so, wie es in einer Märchenhandlung sein sollte.

Eva Finkenstädt: „Helden der Erde – barfuß unterwegs“, 212 Seiten, Tredition Verlag, ISBN 978-3-347-16209-9, 18,99 Euro.

Von Carsten Beckmann