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Marburg Landräte waren die Schergen des Führers
Marburg Landräte waren die Schergen des Führers
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18:00 22.06.2022
Großer Aufmarsch vor der Behring-Büste in Marburg im Jahr 1940 bei einer Gedenkfeier zu Ehren Emil von Behrings.
Großer Aufmarsch vor der Behring-Büste in Marburg im Jahr 1940 bei einer Gedenkfeier zu Ehren Emil von Behrings. Quelle: Archivfoto
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Marburg

Zwei Landratsämter, ein bedrückender Befund: Die Führungskräfte in den Altkreisen Marburg und Biedenkopf waren zwischen 1933 und 1945 Teil des Räderwerks der NS-Herrschaft und aktiv am Verfolgungsterror beteiligt. Dies zeigt eine Studie auf, die der Historiker Marcel Spannenberger im Auftrag des Landkreises Marburg-Biedenkopf erstellt hat.

Zwei Jahre hat Spannenberger in den Staatsarchiven in Marburg und Wiesbaden Material zusammengetragen, forschte im Bundesarchiv in Berlin und in Koblenz. Auf knapp 200 Seiten hat der 24-Jährige die Ergebnisse seiner Recherchen zusammengefasst. Jetzt wurde die Studie im Landratsamt vorgestellt.

Landrat Pönisch kam in SA-Uniform zur Vereidigung

Mit vier Landräten, dazu weiteren Spitzenbeamten, die teils als Stellvertreter agierten, befasste sich Spannenberger. Drei Landräte waren besonders eng mit dem Nationalsozialismus verbunden und machten bereits bei ihrer Amtseinführung den „Willen des Führers Adolf Hitler zu ihrem Programm“, erläuterte Spannenberger. Alfred Pönisch (1902 bis 1981) erschien am 2. Oktober 1933 in SA-Uniform zu seiner Vereidigung im Biedenkopfer Kreishaus. In einem Interview mit dem Hinterländer Anzeiger hatte er bereits im September erklärt: „Ich will und werde als Landrat nicht nur der Beamte sein, sondern ich werde als SA-Mann auch meine Pflicht tun.“

Karl Burghof (1896 bis 1972), der Pönisch 1937 nachfolgte, bekannte bei seiner Amtseinsetzung, dass ihm in seiner Arbeit „stets das Programm Adolf Hitlers grundlegend“ sein werde. Zentrale Figur im Altkreis Marburg war zwischen 1934 und 1945 Landrat Hans Krawielitzki (1900 bis 1992), der als „alter Kämpfer“ galt. Schon 1920 hatte er sich als Freiwilliger des Marburger Studentenbataillons an der Niederwerfung des kommunistischen Aufstands in Thüringen beteiligt. „Wenn ich als Nationalsozialist diesen Kreis verwalten werde, so soll zu jeder Zeit der Wille des Führers erfüllt werden“, gelobte Krawielitzki bei seiner Amtseinführung.

Dass es sich dabei nicht nur um Lippenbekenntnisse handelte, stellten die Landräte in Marburg wie in Biedenkopf immer wieder unter Beweis. Bei der Erstellung der Deportationslisten mit Namen jüdischer Bürger und von Angehörigen der Sinti und Roma wurde eine „penible Gründlichkeit an den Tag gelegt“, so Spannenberger. Von Krawielitzkis Stellvertreter Ludwig Seufer ist eine Verfügung an die Bürgermeister überliefert, die die unmenschliche Akribie unterstreicht. „Die Kinder, die dort noch wohnhaft sind, dürfen unter keinen Umständen vergessen werden“, wies Seufer an.

Am 3. August 1943 berichtete Krawielitzki, dass die Gemeinden Schweinsberg und Mardorf jetzt auch „judenfrei“ seien. Der Biedenkopfer Landrat Karl Burghof ging immer wieder in Eigeninitiative gegen „sesshafte Zigeunermischlinge“ vor. Seine antisemitische Gesinnung hat er zudem der Nachwelt eindringlich bei seiner Haltung zum Buchenauer Pogrom gegen ein betagtes jüdisches Ehepaar im September 1939 vor Augen geführt. Nach Auffassung von Burghof handelten die Schläger in „Volksnotwehr“, Jakob Isenberg – das Opfer – sei „jahrelang geistiger Diktator der Gemeinde“ gewesen.

Bereits 1934 schied der nationalkonservative Erwin Schwebel (1886 bis 1955) als Landrat im Altkreis Marburg aus dem Amt. Spannenberger sieht zwischen Schwebel und dem NS-Regime dennoch Schnittmengen. „Schwebel hat den Schulterschluss mit den neuen Machthabern gesucht.“

Studie endet nicht im Jahr 1945

Spannenbergers Studie endet nicht im Jahr 1945. Auch das Thema Entnazifizierung spielt eine Rolle. Schwebel gelang es, eine Einstufung als „Entlasteter“ zu erreichen, obwohl er die Verfolgung von Mitgliedern der beiden Arbeiterparteien SPD und KPD unterstützt hatte. Pönisch versuchte nach dem Ende der NS-Herrschaft, seine Dauerfehde mit dem NS-Kreisleiter als Akt des Widerstands darzustellen, um sich selbst zu entlasten. Im Verfahren wurde er als Mitläufer eingestuft. Burghof, der kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner aus Biedenkopf flüchtete, vernichtete zuvor noch zahlreiche belastende Akten. Burghof und Krawielitzki gingen aus ihren Entnazifizierungsverfahren als Minderbelastete hervor.

Spannenberger, der in Gladenbach aufgewachsen ist und 2016 sein Studium an der Philipps-Universität begann, hat die Studie als Masterarbeit bei Professor Eckart Conze geschrieben.

Die Studie mit dem Titel „Das Führungspersonal der Landratsämter Marburg und Biedenkopf in der NS-Zeit“ ist ab sofort online unter www.marburg-biedenkopf.de zu lesen.

Von Regina Tauer

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