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Marburg Neue Publikation zu umstrittenem Relief
Marburg Neue Publikation zu umstrittenem Relief
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12:00 04.03.2021
Das Relief über dem Eingang am Zollamt Marburg.
Das Relief über dem Eingang am Zollamt Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Fünf Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur entstanden, erweist sich das Relief als republikanische Antwort auf eine nationalsozialistische Architektur“, schreibt Geese in seinem Buch.

Das alte Gebäude des Zollamtes unweit des Marburger Hauptbahnhofs war im März 1945 bei einem Bombenangriff am Ende des Zweiten Weltkriegs bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Planungen für den Wiederaufbau begannen 1947, Anfang November wurde das neue Gebäude eingeweiht. Für Uwe Geese verwendet es durchaus noch eine nationalsozialistische Architektursprache. Aus Sicht des Marburger Kunsthistorikers gebe es vor allem an der Fassade des 1950 errichteten Zollamts „weit mehr als nur assoziative Verbindungen zu militärischen Formationen“. Zusammengefasst entstehe durch die hierarchisch-autoritäre Struktur in der Rezeption klassizistischer Formelemente die Anmutung einer postfaschistischen Fassade.

Im Gegensatz dazu stehe nun die Gestaltung des Reliefs durch den Keramiker Rolf Weber (1907 bis 1986) mit seiner Ethnien-übergreifenden Aussage als eine Art republikanisches Gegengewicht. Worum geht es darin überhaupt? „Das Relief zeigt eine Gruppe von vier Figuren unterschiedlicher Ethnien, die Werkzeuge oder Produkte ihrer Berufe präsentieren“, erläutert Geese. „Sie stehen in auffälliger Symmetrie nebeneinander, wobei sich auf der rechten Seite zwei Europäer befinden, während auf der linken Seite ein Afrikaner und ein Chinese zu sehen sind.“ Die Blicke aller vier Männer seien auf den Betrachter gerichtet.

Buch zeichnet Entstehung des Reliefs nach

„Ihre Attribute weisen sie als Produzenten landestypischer Waren aus“, erklärt Geese. So stelle die Figur ganz rechts einen Chemiker mit Säurespritzschutz-Kittel – stellvertretend für die pharmazeutische Industrie Marburgs – dar. Daneben stehe ein Stahlkocher mit dem Abstecheisen in der rechten Hand, der die Stahlindustrie des Hinterlands repräsentiere. Ganz links außen stehe ein Chinese, hinter dem chinesisches Porzellan aufgereiht sei. Daneben sieht man die Figur eines Afrikaners, „etwas zurückgesetzt hinter einer Schale mit Früchten und einer Bananenstaude“. Zwischen beiden Gruppen lagere ein Stapel aus einem verschnürten Warenpaket und zwei Säcken, die durch die darüber aufragende Pflanze als Kaffeesäcke ausgewiesen seien. Dieser Warenstapel symbolisiere das Zollamt, das für den Ein- und Ausfuhrhandel zuständig sei.

In dem jetzt im Marburger Büchner-Verlag erschienenen reich bebilderten Band zeichnet er die Entstehungsgeschichte des Reliefs oberhalb des Hauptportals des Zollamts nach und widmet auch dem Gestalter des Reliefs ein eigenes Kapitel. Ausführlich widmet sich Geese auch dem Deutungsstreit, der nach einer Anfrage der Marburger Linken auch Thema einer vom Marburger Kulturamt initiierten Podiumsdiskussion war.

In einer Anfrage der „Marburger Linken“ im Stadtparlament war die „stereotyp koloniale Darstellung“ in dem Relief moniert worden. Die Darstellung der Menschen des globalen Südens erinnere an rassistische Stereotypen, habe es weiter geheißen, referiert Geese die Linken-Kritik.

Der Funktion entsprechende Darstellung

In einer Stellungnahme des Hauptzollamts Gießen zum Relief an der Außenfassade wurde dann allerdings die Kritik zurückgewiesen. Man sehe keine Verherrlichung des Kolonialismus, sondern eine in der Nachkriegszeit entstandene und der Funktion des Gebäudes als Zollamtes entsprechende Darstellung des internationalen Handel- und Warenverkehrs.

„Ohne dass es ausgesprochen wurde, dürfte die Darstellung eines Afrikaners mit freiem Oberkörper die in der Kritik transportierte Empörung gesteigert haben“, fasst Geese die Zielrichtung der Kolonialismus-Kritik zusammen. Allerdings weist er in seiner Analyse des Kunstwerks darauf hin, dass auch der Brustkorb des Stahlarbeiters aus dem Hinterland „ähnlich anatomisch durchgebildet sei wie der des Afrikaners“, so dass man auch bei ihm einen bloßen Oberkörper wahrzunehmen scheine. „Dadurch hat der Künstler ähnlich wie zwischen den beiden Rahmenfiguren eine Parallelisierung der Gestalten zur Anschauung gebracht, die ihre physische Erscheinung gleichwertig auftreten lässt“, bilanziert der Kunsthistoriker. Auch in der symmetrischen Anordnung der Warenproduktion lasse sich dem „keine Diskriminierung der außereuropäischen Produzenten im Sinne kolonialistischer Denkstrukturen“ entnehmen.

Genauso gelte diese auch für die dargestellten Attribute der vier Männer. So präsentiere der Chemiker Arbeitsgeräte eines von der Pharmazie gesteuerten Produktionsvorgangs. Einem ebenso hochkomplexen Herstellungsprozess entstammten die chinesischen Porzellanwaren. Der Afrikaner präsentiere landestypische Früchte, die er zum Verkauf beigetragen habe. Ihm entspreche der Stahlkocher, der mit seinem Arbeitsgerät dargestellt sei. Das Relief und der Schriftzug Zollamt bilden eine Einheit und stehen laut Geese im deutlichen Widerspruch zum Gebäude, das in seinen Einzelelementen Formen der NS-Architektur aufgreife.

  • Bibliographie: Uwe Geese: der Deutungsstreit um das Relief am Marburger Zollamt. Büchner Verlag Marburg. 72 Seiten, 15 Euro.

Von Manfred Hitzeroth