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Marburg Das ist der neue Lokschuppen-Plan
Marburg Das ist der neue Lokschuppen-Plan
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Das ist die neue Lokschuppen-Planung. Quelle: Schneider Optik
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Marburg

Der Tüftler ist ins Grübeln gekommen. Als die Sonne im vergangenen Spätsommer tiefer und tiefer sinkt und er im Biergarten der Gaststätte „Rotkehlchen“ sitzt, wurde aus der einstigen Überzeugung Skepsis. Nein, sein geplantes Hotel droht diesem belebten und beliebten Außenbereich Licht und damit vielleicht Kunden zu rauben. Und so stecken Bauherr Gunter Schneider, Chef der gleichnamigen Fronhäuser Firma und Architekt Bernhard Paulik wenig später die Köpfe zusammen und planen ein neues Hotel am alten Standort.

„Die Pläne haben nicht 100-prozentig zur Realität gepasst, das geplante Gebäude war zu massiv“, sagt Schneider. Also hat er das etwa 24 Meter hohe Haus, das nun eher aus Würfeln denn aus Blöcken besteht, praktisch gedreht, sodass Sonnenstrahlen nicht mehr an der Fassade abprallen, sondern nur eine Kante touchieren und länger Licht auf den Innenhof fällt. „Wir sind Teil des Waggonhallen-Geländes, das alles hier ist ein Ensemble. Es muss alles stimmig sein“, sagt Schneider im OP-Gespräch.

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Die Hotel-Neuplanung: Würfel- statt Blockform. Visualisierung: Schneider Optik

Das Hotel – auf etwa 80 Betten plus Seminarräume ausgelegt – werde dadurch auch etwas niedriger, die Nutzungsfläche bleibe gleich. Der in dieser Woche bekanntgewordene Rückzug des „Christus Treffs“ als Hauptmieter für die Seminar-Etage habe „insgesamt keine Auswirkungen“ auf das Projekt.

Schneider gibt aber zu: Das Bauvorhaben wird wesentlich teurer als die einst veranschlagten rund zehn Millionen Euro. Und auch der Zeitplan kommt etwas ins Rutschen. Zwar soll der Lokschuppen selbst bereits in etwa einem Jahr fertig sein – Anfang 2021. Das Hotel, das auf den Grundmauern des schon vor Monaten abgerissenen Werkstattgebäudes stehen soll, dürfte frühstens Ende 2021 öffnen.

Das Hotel ist nämlich nicht die einzige Planänderung auf dem Lokschuppen-Areal. Das Industriedenkmal selbst, dessen Aufteilung in Veranstaltungsbereich, Firmengründer-Zentrum und Gastronomie gleich bleibt, erfährt einige Optik- wie auch Materialveränderungen. So soll die Außenmauer eher silbergrau statt rost-rot wirken, Glaselemente stärker betont werden.

Im Außenbereich sollen mehr Bäume gepflanzt, eine Gartenanlage aufgebaut werden. Es soll auch ein öffentlicher Weg zwischen Waggonhallen-Vorplatz bis zur Drehscheibe im Innenhof geben – und die Drehscheibe selbst, also das Rondell auf dem einst Lokomotiven zur Weiterfahrt gewendet wurden, soll im neuen Konzept eine zentrale Bedeutung zukommen. Sie wird laut der neuen Pläne mit Wasser gefüllt und ein Steg verläuft darüber. Dieser Weg, der vor einer Kulissen- und Schallschutzwand verläuft, soll als Konzert- und Theaterbühne genutzt werden können.

Laut Architekt Paulik ziehe sich die „Gegenüberstellung von Geschichte und Moderne“ weiter durch das Bauprojekt. Im Mittelpunkt stehe der „derbe Industrie-Charakter eines Denkmals“, der aber nicht nur optisch sondern auch mit Materialien – von Mauerresten bis Original-Dachaufbauten – erhalten werde.

„Das Ziel ist es, in Marburg auch in Bezug auf Veranstaltungen Dinge zu ermöglichen, die bisher so nicht möglich sind. Hier gibt es Event-Potenziale“, sagt Schneider in Bezug auf die geplanten Außenveranstaltungen im Ortenberg-Gewerbegebiet. Kritikern, die immer wieder etwa einen Aufkauf des Geländes für Firmenzwecke vermuten, hält Schneider die vertraglich festgeschriebene, 20 Jahre geltende Nutzungs­verpflichtung entgegen. „Ich spiele hier keine Spielchen.“

Er bestätigt zwar OP-Information, dass ein Eigentümer ein dem aktuellen Parkplatz nahes Grundstück nicht verkauft. Für Größe und Bau des Parkdecks – nicht zuletzt zum förmlichen Nachweis der Stellplätze – spiele das aber keine Rolle. Vielmehr sei der Bau bereits genehmigt, 69 Auto-Stellplätze bleiben öffentlich nutzbar.

Hintergrund

Im Sommer vergangenen Jahres haben die Sanierungs- und Bauarbeiten am Lokschuppen und dem benachbarten Werkstattgebäude begonnen – Monate nach der Verkaufsentscheidung durch die Stadt Marburg, die bis dahin, bis zur Durchführung eines Bieterwettbewerbs Eigentümer der Gebäude war.

Im Lokschuppen selbst soll neben einer Spezial-Gastronomie ein Veranstaltungsbereich – etwa für Tagungen, Empfänge, Hochzeiten oder Feiern – und ein Start-up-Bereich – also ein Firmengründer-Zentrum – entstehen. Das nebenstehende Gebäude ist bereits bis auf die Grundmauern abgerissen worden – auf diesen soll dann, abgetrennt durch eine Glasfuge, das Hotel entstehen. Bauherr Gunter Schneider geht nach eigenen Angaben davon aus, dass eine Re-Finanzierung des Millionenprojekts nur über den Hotel-Betrieb möglich ist.

Im Vorfeld des Verkaufs gab es monatelang Kritik, sogar eine Demonstration gegen Bauherr Schneiders Kooperation mit dem „Christus Treff“ (CT), dem von Gegnern immer wieder Homophobie und Diskriminierung vorgeworfen wird. Der CT, einst Co-Investor bei Schneider, reduzierte seine Rolle im Nachgang der Proteste zunächst auf einen Status als Mieter und machte in dieser Woche plötzlich einen Rückzieher und will das Lokschuppen-Areal nach eigenen Angaben gar nicht mehr nutzen.

von Björn Wisker

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