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Marburg Neuer Führungsstil in Sicht
Marburg Neuer Führungsstil in Sicht
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18:59 05.07.2020
Simone Sterr (links) wird im Sommer 2022 neue Intendantin des Stadttheaters Gießen. Ann-Christine Mecke übernimmt das Musiktheater. Quelle: Rolf K. Wegst, Bernhard Ludewig
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Gießen

Hessens Theater werden weiblicher: Nach dem Hessischen Landestheater Marburg mit Eva Lange und Carola Unser bekommt auch das Stadttheater Gießen eine weibliche Doppelspitze. Im Sommer 2022 übernimmt Simone Sterr die Intendanz am Stadttheater Gießen.

Sterr hat sich im Team mit Ann-Christine Mecke beworben, die künftig den Bereich Musiktheater leiten wird. Vorausgegangen war ein ausführliches Findungsverfahren der Gesellschafterinnen der Stadttheater Gießen GmbH.

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Simone Sterr ist derzeit geschäftsführende Dramaturgin und Leiterin des Schauspiels am Theater Bremen. Ann-Christin Mecke ist aktuell Dramaturgin für Musiktheater an der Staatsoper Wien.

Die Gießener Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Landrätin Anita Schneider, Vorsitzende und stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrates der Stadttheater Gießen GmbH, hätten sich damit „für zwei langjährig ausgewiesene Theatermacherinnen entschieden, die beide für Ensembletheater, Innovation und Internationalität stehen“, heißt es in der Pressemitteilung.

71 Mitbewerber traten an

Sterr und Mecke setzten sich gegen 71 Mitbewerberinnen und Mitbewerber durch, die sich einzeln und in Teams um die Leitung des Drei-Sparten-Hauses beworben hatten. Die Intendanz war im Dezember 2019 ausgeschrieben worden. Sterr löst im Sommer 2022 die langjährige Intendantin Cathérine Miville ab, die das Stadttheater Gießen seit 2002 als geschäftsführende Intendantin leitet.

Gießens Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz sprach von einer „wegweisenden besonderen Entscheidung“. Es freue sie sehr, dass zwei so kompetente Theatermacherinnen für die Leitung des Mehrspartenhauses gewonnen werden konnten. Die Entscheidung sei in Aufsichtsrat und Expertengremium ganz eindeutig ausgefallen, nach einem, wie sie betonte, „ordentlichen, ausführlichen und allen Gerüchten zum Trotz stets transparenten Prozess“.

Auch freue sie sich, dass so die weibliche Tradition an der Führungsspitze fortgesetzt werde. Landrätin Schneider hob die „unglaublich vielen überzeugenden Bewerbungen“ hervor, die im Laufe des Verfahrens eingegangen seien. Sterr und Mecke hätten dabei nicht nur mit ihren konzeptionellen Vorstellungen für die Zukunft des Theaters auf ganzer Linie überzeugen können, sondern auch mit einem offenen Führungsstil mit flachen Hierarchien.

Neue Spielorte in Gießen und außerhalb

Angela Dorn, hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, sagte: „Ich freue mich riesig, dass wir nun für Gießen zwei so herausragende Theaterfrauen gewinnen konnten. Beide haben mit ihren konzeptionellen Überlegungen für ein ambitioniertes, ganzheitlich gedachtes Stadttheater überzeugt. Ich freue mich nun besonders, dass wir nach dem sehr erfolgreichen weiblichen Führungsduo des Landestheaters Marburg nun zwei weitere starke Frauen an der Spitze eines der vom Land mitgetragenen hessischen Theater haben.“

Simone Sterr will in ihrer Intendanz die Ensembles in allen Sparten stärken und den Ausbau von festen Solistinnen und Solisten im Musiktheater vorantreiben: „Feste Ensembles haben eine große identifikatorische Bedeutung, nach außen in der Beziehung zum Publikum, aber auch innerhalb der Mitarbeiterschaft. Menschen, die eine Meinung haben und die Stimme erheben, bringen das Theater voran“, betonte sie.

Neuer Führungsstil in Sicht

Ihr streben ein „vielstimmiges Theater“ vor, das sie um unterschiedlichste internationale Blickwinkel bereichern möchte. Zudem will sie das Theater verstärkt spartenübergreifend und zeitgenössisch ausrichten. Außerdem will sie das Kinder- und Jugendtheater in Gießen stärken: „Auch Kinder haben ein Recht, dass ihre Weltsicht und Lebenswirklichkeit auf der Bühne erzählt wird.“

Unter anderem mit Diskursreihen und Festivals will sie zudem neue Spielorte in Gießen und außerhalb erschließen. Ihren Führungsstil erläuterte sie mit den Worten: „Es kann nicht sein, dass wir auf der Bühne die Systeme kritisch hinterfragen und hinter den Kulissen Macht und Herrschaftsstrukturen von vorgestern fortschreiben.“

Das Stadttheater Gießen ist als Drei-Sparten-Haus mit Schauspiel, Musiktheater und Tanztheater deutlich größer als das Hessische Landestheater Marburg. Gespielt wird im Großen Haus am Berliner Platz (652 Plätze) und in der Studiobühne (99 Plätze). In der Spielzeit 2018/19 zählte das Stadttheater Gießen rund 115.000 Zuschauer.

Zur Person: Simone Sterr

Simone Sterr (*1970) ist seit 2015 geschäftsführende Dramaturgin und künstlerische Leiterin des Schauspiels am Theater Bremen. Ihre ersten Theatererfahrungen machte sie in der Dramaturgie am Stadttheater Konstanz bei Ulrich Khuon und bei Hans-Jürgen Drescher in Mannheim.

Nach einem Studium der Neueren Deutschen Literatur und Philosophie in Köln und verschiedenen Arbeiten in der Freien Szene ging sie als Dramaturgin ans Schlosstheater Celle, wurde dann Spartenleiterin für Kinder- und Jugendtheater in Würzburg, später in Gießen.

Als Regisseurin arbeitete sie in Celle, Würzburg, Gießen, Hannover, Erfurt und Konstanz. Als jüngste Intendantin der Republik übernahm sie 2003 die Leitung des Theaters der Stadt Aalen, 2005 wechselte sie in gleicher Funktion an das Landestheater Tübingen, das sie bis Sommer 2014 führte.

Zur Person: Ann-Christine Mecke

Ann-Christine Mecke (*1975) ist ab September 2020 Dramaturgin an der Wiener Staatsoper im Team von Bogdan Roščić. Sie studierte Philosophie, Musikwissenschaften und Physik in Hamburg und Heidelberg.

Dort promovierte sie über den Umgang mit dem Stimmwechsel in der Musikgeschichte, arbeitete als Postdoc an der Königlich-Technischen Hochschule Stockholm und forschte im Bereich Akustik der Singstimme. Von 2005 bis 2007 war sie Stipendiatin der Akademie Musiktheater heute, arbeitete als Dramaturgin für Konzert und als Konzert- und Musiktheaterkritikerin des Feuilletons der Berliner Zeitung.

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Musikdramaturgie war sie an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig tätig, bevor sie 2014 als Dramaturgin an die Oper Stuttgart wechselte und dort bis 2018 tätig war.

Von Uwe Badouin

05.07.2020