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Marburg Neue Impf-Optionen im Gespräch
Marburg Neue Impf-Optionen im Gespräch
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13:00 20.11.2021
Impfaktion am Kino. Viele Menschen warten am 17. November vor dem Marburger Cineplex
Impfaktion am Kino. Viele Menschen warten am 17. November vor dem Marburger Cineplex Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der Stellenwert der Corona-Schutzimpfung ist angesichts sprunghaft gestiegener Infektionszahlen der ersten „Generation“, an Booster-Impfungen und nicht zuletzt durch Appelle der Bundesregierung hoch wie nie.

Impfärzte müssen die steigende Nachfrage neben den erhöhten Patientenzahlen in der Erkältungszeit zusätzlich stemmen. Auf der anderen Seite wurde vor der Schließung der im Sommer kaum noch beanspruchten Impfzentren die Forderung von Ärzteverbänden laut, das Impfen primär in die Hände der Ärzte zu legen. Das ist nun der Fall und führt in der neuen Situation zu hohem Druck in den Praxen. Auch die offenen Impfangebote der mobilen Impfteams in den Kommunen sind teils überlaufen und führten bereits zu chaotischen Situationen.

Steht dafür eigentlich ausreichend Impfstoff zur Verfügung? Laut des Hessischen Sozialministeriums wurden die Kapazitäten durch die erhöhte Nachfrage deutlich ausgebaut, hätten sich mehr als verdoppelt. Auch der Bund sichert schnelle Lieferungen an frischem Impfstoff zu, Bestellfristen wurden verkürzt.

Die sogenannte Impfallianz, bestehend aus Ärzten, Apothekern, Verbänden und Ministerien, hat im Rahmen der gestiegenen Impf-Nachfrage neue Maßnahmen vereinbart: Sowohl Impfstoffbestellungen wie Impfleistungen werden gesteigert; die Zentralen des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes an Kliniken werden als lokale Impfstellen bereitgestellt; die Gesundheitsämter der Kreise und Städte bauen ihr Netz lokaler Impfstellen aus.

Kommen nun die Mini-Impfzentren?

Also Möglichkeiten für neue Impfangebote. Einen Ausbau hatte auch der Landkreistag bereits angekündigt. Was plant hierzu die Kreisverwaltung von Marburg-Biedenkopf? Soll es kleinere, stationäre Impfstellen geben? Der Landkreis befasst sich mit einem möglichen Ausbau und diskutiert verschiedene Optionen, teilt die Pressestelle auf Nachfrage mit.

Man fahre dabei „zweigleisig“: Einerseits stehe man in Absprache mit dem Land Hessen, andererseits werden eigene Wege auf Kreisebene geprüft. Eine Möglichkeit wären etwa dezentrale Mini-Impfzentren, die prinzipiell auch ohne das Land machbar wären. Eine endgültige Entscheidung, ob es solche oder andere zusätzliche Impf-Angebote geben soll, sei noch nicht gefallen, heißt es aus der Pressestelle. Mit einer Entscheidung sei in der kommenden Woche zu rechnen.

Ärzteverband: künstliche „Untergangsstimmung“

Der Landkreis verweist aber auch darauf, dass die mobilen Impfteams des Gesundheitsamtes weiterhin wie landesweit vorgesehen unterstützend in der zweiten Reihe hinter den Impfärzten stehen: „Die ersten Ansprechpartner und die tragende Säule für Impfungen sind jetzt die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. Dies war die zentrale Forderung der Kassenärztlichen Vereinigung in den zurückliegenden Monaten, der sich Bund und Land angeschlossen haben und in deren Folge die Impfzentren geschlossen wurden“, betont Kreis-Sprecher Stephan Schienbein.

Nun aber stehen viele Praxen unter hohem Druck. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen will sich den schwarzen Peter aber nicht zuschieben lassen und kritisiert falsche Signale aus Berlin. Als sich der Verband im Sommer dafür aussprach, das Heft beim Impfen in die Hände der Ärzte zu legen, „da sind wir noch von ganz anderen Verhältnissen ausgegangen“, sagt Matthias Roth, Pressesprecher der KV Hessen.

Nun aber werde seitens des Bundesgesundheitsministers mit dem Aufruf zu immer mehr Booster-Impfungen eine ganz andere Erwartungshaltung geweckt, was einer Panikmache gleich komme. Roth spricht gar von einer „Titanic-Untergangsstimmung“, die zu großer Verunsicherung in der Bevölkerung führe. Das rücke das eigentliche Grundproblem in den Hintergrund: „Die Impfquote ist immer noch zu niedrig.“ Davon lenke die Politik derzeit erfolgreich ab.

Die ganze Situation führe nun zu einer Überlastung der Ärzte. Die KV sehe hier eine „fehlende Kommunikation“ und übereilte Forderungen aus Berlin, wo während der Bundestagswahl „erst gar nichts passierte, um jetzt aus heiterem Himmel zu merken: Corona ist ja noch nicht vorbei“.

Von Ina Tannert

Das sagt die KV Hessen

„In den Praxen geht es sehr, sehr turbulent zu, um es mal vorsichtig zu formulieren“, sagte der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, Karl Matthias Roth. „Man muss klar sagen: Das, was die Politik will – Booster-Impfungen sofort für alle –, das kann so nicht funktionieren.“

In den vergangenen Wochen seien die Empfehlungen zu den Auffrischungsimpfungen oft geändert worden – etwa im Hinblick auf die Altersgruppe, der das „Boostern“ empfohlen wurde, oder den Zeitraum nach der vorangegangenen Impfung. Dass die Ständige Impfkommission (Stiko) sich am Donnerstag für die Corona-Auffrischungsimpfungen für alle Menschen ab 18 Jahren ausgesprochen hat, mache die Situation nicht leichter.

Was geschehen müsse, sei das Gegenteil dessen, was die Politik gerade mache: „Statt für Unsicherheit und Panik bei den Menschen zu sorgen, braucht das Land klare Vorgaben“, so Roth. Aus Sicht der KV ist wie zu Beginn der Impfkampagne auch beim „Boostern“ eine Priorisierung nach Alter und Gesundheitsrisiko sinnvoll. Sowohl die Bürokratie als auch die Beschaffung von Impfstoff seien ein Problem: Praxen müssten die Dosen eine Woche im Voraus ordern, Einzeldosen gebe es nicht. „Wir brauchen da mehr Flexibilität.“

Impfzahlen in Marburg-Biedenkopf

In Marburg-Biedenkopf wurden bis zur Schließung des Marburger Impfzentrums vor Ort rund 187 000 Impfungen durchgeführt. Von den mobilen Impfteams kamen seit dem 1. Oktober 8 097 hinzu (Stand Freitag), darunter 1 737 Erstimpfungen, 1 208 Zweitimpfungen und 5 152 Auffrischungsimpfungen. Allein im November wurden bisher mehr als 4 000 Dosen verteilt. Die Haus- und Fachärzte verimpften laut der KV Hessen bislang insgesamt rund 154 000 Dosen.

Eine lokale Impfquote für Landkreise gibt es von offizieller Stelle indes nicht. Wie das Hessische Sozialministerium mitteilt, wird auf Anraten des Robert-Koch-Instituts darauf verzichtet, die Zahlen auf lokale Ebene runterzubrechen. Denn: Da sich prinzipiell auch Menschen aus anderen Regionen bei Ärzten im fremden Kreisen eine Impfung besorgen könnten, könne das die Zahl verfälschen. Weil sich die Ströme zu stark verändern, etwa durch Pendler oder weggezogene Studierende, wird keine Impfquote ausgegeben. Weiterer Grund ist, dass bei den Impfmeldungen der Ärzte an das Robert-Koch-Institut keine Wohnorte der Impflinge, sondern lediglich die Zugehörigkeit der Impfärzte angegeben werden. Auch deshalb seien die Zahlen nicht eindeutig einer Region zuzuordnen. Die Impfquote für Hessen liegt bei 67 Prozent (vollständig geimpft).

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