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Marburg Beweise werden immer gesichert
Marburg Beweise werden immer gesichert
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12:27 17.05.2020
Ein Mann würgt eine Frau (gestellte Szene). Wenn Frauen Opfer von sexueller Gewalt werden, brauchen sie auch medizinische Hilfe. Ein neues Projekt soll dazu beitragen, dass nach Vergewaltigungen Beweise rechtzeitig gesichert werden. Quelle: picture alliance/dpa/Themenfoto
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Marburg

Nach einer Vergewaltigung sind Frauen in einer absoluten Ausnahmesituation. Im Jahr 2018 gab es laut Bundeskriminalamt 648 Fälle in Hessen. Die Aufklärungsquote liegt bei 86,4 Prozent.

Ein paar Fälle konnten sicher auch aufgrund des neuen Projekts von Stadt und Landkreis aufgeklärt werden. „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ heißt es und ist im Rahmen des Aktionsplanes der EU-Charta für Gleichberechtigung entstanden.

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Federführend war dabei der Marburger Frauennotruf, der die Zusammenarbeit mit der Frauenklinik am UKGM forcierte und auch den Kontakt zur Rechtsmedizin herstellte.

Denn es sollte ein niedrigschwelliger Zugang zur medizinischen Versorgung nach einer Vergewaltigung geschaffen werden, und das ohne den Druck, eine Anzeige bei der Polizei zu stellen. Die war aber früher zwingend notwendig, um Beweismaterialien so sicherzustellen, dass sie auch vor Gericht als Sachbeweis dienlich sein können.

DNA-Spuren halten sich nur drei Tage

Durch das Projekt kann die Spurensicherung nun auch ohne Anzeige erfolgen. Es wird alles gesammelt – DNA-Proben, Fotos, Kleidung – und in einem verplombten Beutel an die Rechtsmedizin geschickt, die die Sachen verwahrt. Sollte das Opfer sich zu einem späteren Zeitpunkt doch noch zu einer Anzeige entscheiden, dann werden die Proben ausgewertet und können bei einer Gerichtsverhandlung auch verwendet werden.

„DNA-Spuren können nur innerhalb von drei Tagen sichergestellt werden“, erklärt Oberärztin Julia Malin Jansen, projektverantwortliche Gynäkologin vom UKGM, und ergänzt: „K.-o.-Tropfen bauen sich allerdings sogar im sichergestellten Blut innerhalb von Wochen ab.“

„Ihnen wird sofort geholfen“

Für Rebekka Jost vom Frauennotruf ist auch die anschließende psychosoziale Betreuung ein wichtiger Baustein im Projekt. „Vergewaltigungen sind ein riesiges Gesundheitsrisiko. Gewalt macht krank“, sagt die Projektverantwortliche im Gespräch mit der OP.

Wenn sich Frauen zu einer Untersuchung entschließen, dann können sie sich sowohl an den Frauennotruf, als auch direkt an das Uniklinikum wenden. „Es ist egal, wo sie sich melden, ihnen wird sofort geholfen. Sie sollen auf jeden Fall keine zusätzlichen Schikanen erleben, in dem sie hin und her geschickt werden“, sagt Rebekka Jost.

Und sie sollen frei entscheiden können, ob sie den Täter anzeigen wollen. Mit einer Anzeige bei der Polizei „wird eine Maschinerie in Gang gesetzt, die die Frauen nicht mehr aufhalten können“, erklärt sie und weiß, dass das oft eine zusätzliche große psychische Belastung sein kann.

Hilfe

Frauennotruf Marburg

Telefon 06421/21438

Neue Kasseler Str. 1
35039 Marburg

https://www.frauennotruf-marburg.de/

-

Notaufnahme UKGM

Telefon 06421/5860

Baldingerstraße35043 Marburg

Mit dem Projekt wurde in Stadt und Landkreis, die übrigens beide die Finanzierung übernommen haben, der Paragraf 25 der Istanbul-Konventionen umgesetzt. Der besagt, dass „der Staat verpflichtet ist, diskriminierungsfrei medizinische, rechtsmedizinische und psychosoziale Versorgung für Betroffene nach sexualisierter Gewalt vorzuhalten.

Die Angebote müssen zugänglich und in ausreichender Zahl vorhanden sein sowie fachlichen Standards entsprechen“. „Das haben wir mit dem Projekt erreicht“, sagen Rebekka Jost und Julia Malin Jansen. Damit ist die Region auch ein „Best practice“-Beispiel an dem sich andere Städte und Landkreise orientieren können.

Angebot braucht Aufmerksamkeit

Laura Griese vom Gleichberechtigungsreferat der Stadt Marburg ist Referentin für die EU-Charta und sieht in dem Projekt ein „wichtiges und tolles Engagement im Bereich der Nachsorge“.

Nach dem Schaffen der Grundstrukturen geht es im zweiten Aktionsplan darum, das Projekt weiter bekannt zu machen und die Betreuung zu verbessern. Dabei stehen vor allem Frauen mit Behinderungen im Vordergrund, die beispielsweise durch kognitive Einschränkungen eine besondere Unterstützung brauchen. Sprachbarrieren sollen zukünftig durch Dolmetscher abgebaut werden.

EU-Charta zur Gleichberechtigung vor Ort

Die EU-Charta (Charta = Verfassung) ist die Europäische Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene. Sie benennt gleichstellungspolitische Grundsätze und Ziele, für die sich Kommunen in ihren Aufgabenbereichen einsetzen können.

Marburg setzt die EU-Chartamit eigenen Aktionsplänen um, die auf die Universitätsstadt zugeschnitten sind. Die Aktionspläne werden federführend vom Gleichstellungsreferat und unter breiter Beteiligung von Stadtgesellschaft und Stadtverwaltung erarbeitet.

Den ersten Aktionsplangab es 2017, gerade wurde der zweite veröffentlicht.

Von Katja Peters

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