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Marburg Frühchen-Prozess: Arznei in Milch gemischt
Marburg Frühchen-Prozess: Arznei in Milch gemischt
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14:56 22.09.2019
Im Frühchen-Prozess hat der medizinische Gutachter Bernd Roth sein Gutachten gestern am Marburger Landgericht ergänzt. Quelle: Wolfgang Kumm/Themenfoto
Marburg

Der medizinische Sachverständige, Professor Bernd Roth, hat sein Gutachten um die toxikologischen Befunde des Rechtsmediziners Professor Stefan Tönnes ergänzt. Dieser hatte Anfang des Monats Modellrechnungen zu den zwischen Ende 2015 und Februar 2016 mit den Medikamenten Midazolam und Ketamin vergifteten Frühchen Leni, Johanna und Mia vorgestellt.

Darin zeichnet er – fußend auf zu den mutmaßlichen Tatzeiten genommenen Blutproben und Messwerten – sowohl die ­Mindestdosis als auch Zeitpunkt sowie Art und Weise der Verabreichung der Arzneien Midazolam und Ketamin nach.

Roths Herausforderung wie auch bei den anderen Fällen: Abzugleichen, ob vor allem die zeitlichen Kalkulationen von Tönnes zu den klinischen Symptomen, also den Pflegeberichten des Uniklinikums, passen. Was die Midazolam-Gabe bei Mia angeht – es sind laut der Simulationen mehrere Miligram des Wirkstoffs gewesen – sieht Roth ein passendes Bild: „Es gibt einen frühest- und einen spätestmöglichen Zeitpunkt, der die hohen Werte und gezeigten Symptome um 4 Uhr erklärt.“ Bei oraler Gabe liege dieser bei 23 Uhr, bei der unwahrscheinlicheren intravenösen Zufuhr bei etwa 3.30 Uhr - so oder so in dem Schichtdienst der Angeklagten Elena W.

Wie stark, wie schnell, wie lange ein Mittel wirkt und in welchen Mengen es abgebaut wird beziehungsweise wie viel sich später im Blut oder Urin nachweisen lässt, ist sowohl laut Roth als auch laut Tönnes gerade bei Frühchen von vielen Faktoren wie Körpergewicht, Stoffwechsel, grundsätzlichem Entwicklungsstand und Vorerkrankungen abhängig.

Das Mittel Dormicum, so die Annahme des Experten, sei dabei wohl der Nahrung – einem Milchfläschchen – beigemischt und nicht gesondert gegeben worden. Möglich sei zwar auch, die laufende Infusion unterbrochen zu haben oder das Mittel zugespritzt zu haben. Diese Variante sei aber „nicht realistisch“, da die gemessenen Werte bereits auf eine tiefe Sedierung deuteten, Mia aber laut Klinikberichten zu dem Zeitpunkt noch gut 70 Milliliter Milch getrunken habe. Also: Das medizinisch nicht vorgesehene Medikament muss später verabreicht worden sein.

„Das Mittel ist am ehesten oral gegeben worden“, resümiert Roth. Diese Einschätzung hat sich bereits kurz nach Tönnes‘ Zeugenaussage vor wenigen Wochen abgezeichnet, als – auf Anweisung des Strafkammer am Landgericht – beispielhaft und punktuell Werte und Symptome bei Johanna, die mehrfach wiederbelebt werden musste, verglichen wurden. Die Detailanalyse zu ihr, dem dritten und letzten am Uni-Klinikum vergifteten Frühchen folgt laut Prozessfahrplan nächste Woche.

Vor der Herbstpause im Oktober soll auch das psychologische Gutachten von Dr. Petra Bauer anstehen, das die Angeklagte – die bisher noch nicht persönlich mit der Marburger Psychotherapeutin sprach – beurteilen soll.

  • Nächster Termin: Mittwoch, 25. September um 9 Uhr in Landgerichts-Saal 10.

von Björn Wisker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren

10. Mai: Arzt schildert Reanimation

17. Mai: Kinderarzt sagt aus

18. Mai: „Sie verzettelt sich halt gerne“

20. Mai: Experte: Es gibt keine Erfahrungen

8. Juni: Kollegin beschreibt Elena W. als freundlich

12. Juni: Hat Klinikangestellte Zeugen beeinflusst?

18. Juni: Jungschwester hatte schweren Stand

7. Juli: Elena W. war „eine schwache Schülerin“

1. August: Zeugen: „Nett“ oder „hinterhältig“

2. August: DNA von Elena W. auf Dormicum-Verpackung

15. August: Toxikologe äußert sich zu Ketaminspuren

16. August: „Ein totales Chaos“

28. August: Leni galt als „Hochrisikofrühchen“

30. August: Gutachter sieht Symptome von Narkosemittel

5. September: Experte nennt Daten zu Gift-Dosis

6. September: LKA-Experte findet neue DNA-Spur

20. September: "Ohne ärztliches Eingreifen wäre sie gestorben"