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Marburg "Gefahren für Anstand und Moral"
Marburg "Gefahren für Anstand und Moral"
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11:00 27.10.2019
So sah der Gasthof 1969 aus. Wenige Jahre später wurde das vielbesungene „Wirtshaus an der Lahn“ abgerissen.  Quelle: Verlag Schöning & Co. sowie Gebrüder Schmidt
Marburg

Zwar streiten sich längs der Lahn etliche Gaststätten um den legendären Titel, doch die beiden Marburger Germanisten Hans Günther Bickert und Norbert Nail machen mit großer Sorgfalt und viel Liebe zum Detail in einem Buch den „Schützenpfuhl“ zum wahrscheinlichen Ursprung der Legende. Jetzt ist das zunächst als Marburger Stadtschrift erschienene Werk im Büchner Verlag in aktualisierter und erweiterter Auflage herausgekommen.

Das 1970 abgerissene Gebäude im Süden der Stadt war noch in den 1960er-Jahren ein gern besuchtes Haus mit ganz besonderer Note: „Es sah aus wie eine romantische Räuberkneipe“, erinnert sich Norbert Nail im ­Gespräch mit dieser Zeitung.

Damals war er nach seiner Flucht aus der DDR an die Philipps-Universität gekommen, wo er sein in Jena aufgenommenes Studium fortsetzte und später als Wissenschaftler arbeitete. Als der „Schützenpfuhl“ 1969 „den Zapfhahn endgültig zudrehte“, so schreiben es die Autoren, habe es ein bundesweites Medienecho sowie in- und ausländischen Protest gegeben.

Vorgängerbau namens "Die Sorge"

„Allerdings hatte schon zuvor“, so berichtet Nail, „eine neue Straßenführung das Gebäude in eine ungünstige ­Verkehrslage gebracht.“ Das Buch widmet sich ausführlich der Volksweise vom „Wirtshaus an der Lahn“, die 1838 von dem Wetzlarer Komponisten Ludwig Erk erstmals veröffentlicht worden ist. Darin ist von Fuhrleuten die Rede, von Wirtin, Wein und Magd, von Knecht und Soldaten.

Es endet mit der Aufforderung „Und wer das Lied nicht singen kann, Der fang’ es an zu pfeifen“. Eine Strophe des Liedes hatte schon Georg Büchner (1813 bis 1837) in seinem Drama „Woyzeck“ überliefert. Auf einer vom letzten Wirt des „Schützenpfuhls“ vertriebenen Postkarte vom Anfang des 20. Jahrhunderts fanden die ­Autoren dann einen (Werbe-)Text, der behauptet, das Haus sei „erbaut im Jahre 1370“.

Das sei jedoch falsch, erzählt Norbert Nail, da in der ortsgeschichtlichen Literatur nachgewiesen sei, dass es einen Vorgängerbau namens „Die Sorge“ an diesem Ort gegeben habe. Auf einem Festungsplan Marburgs aus dem Jahr 1621 ist der große Hof eingezeichnet. „Wie der Name sich erklärt“, so der Germanist, „ist nicht eindeutig zu entscheiden. Aber wahrscheinlich ist es eine Übersetzung aus lateinisch cura (Fürsorge) und weist auf eine besondere Dienstbarkeit der Hofstelle hin.“

Später sei der Bau als Gartenhaus verwendet worden und erst seit 1783 habe es nach Lage der Quellen dort ununterbrochen bis 1969 eine Gastronomie gegeben. Dort trafen sich über rund 200 Jahre Fuhrleute, Soldaten, Studenten (unter ihnen der russische Literaturnobelpreisträger Boris Pasternak) und Bürger. Das Treiben ihrer Studenten im Ausflugslokal vor der Stadt war allerdings der Universität ein stetes Ärgernis. „Man sah erhebliche Gefahren für Anstand und Moral“, erklärt Nail die ­Reaktion der Professoren.

In einer Blechdose steckte ein "Himmelsbrief"

Mit einer Fülle von Bildern aus dem Familien-Archiv des letzten Schützenpfuhl-Wirtes Heinrich Rautenhaus illustrieren Bickert und Nail die Geschichte des Marburger Wirtshauses an der Lahn und seiner Gäste. Dabei gelingt es ihnen, aus den Quellen ein lebendiges Bild des gastronomischen und gesellschaftlichen Lebens zu schaffen. Menschen aus allen Himmelsrichtungen trafen sich dort, denn in Marburg kamen Nah- und Fernverkehre zusammen.

Es geht um studentische und militärische Bräuche, aber auch um die Ausweitung des Gaststättenbetriebs um Tennisplätze und Konzertbühne zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus wissen Nail und Bickert detailreich von den literarischen Erwähnungen zu berichten, in denen das „Wirtshaus an der Lahn“ ­eine Rolle gespielt hat.

Schließlich kommt das Buch noch auf einen ganz besonderen Fund zu sprechen: In einer Blechdose steckte als Nachlass eines Soldaten der Marburger Jäger aus dem Ersten Weltkrieg ein sogenannter Himmelsbrief. Diese eigentümliche Textform stilisiert den Träger des Briefes zum Empfänger göttlichen Schutzes und verspricht ihm ­Sicherheit vor allen Gefahren.

Meist handelt es sich – wie auch in dem Marburger Fund – um mehr oder weniger schlecht abgeschriebene Texte, die in ­ihrer christlichen Form bis ins 6. Jahrhundert zurückreichen. Auch der Marburger Soldat hat umsonst auf diesen Schutz gesetzt. Er wurde zwar nicht im Gefecht getötet, fiel aber als 34-Jähriger im Jahr 1918 einer schweren Krankheit zum Opfer.

von Klaus P. Andrießen

  • Hans Günter Bickert, Norbert Nail: Das Wirtshaus an der Lahn. Der legendäre „Gasthof zum Schützenpfuhl“ in Marburg und seine Gäste. Büchner-Verlag 2019. 22 Euro, als E-Book 18 Euro.