Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Ich habe geweint, als der Lkw auf den Hof kam“
Marburg „Ich habe geweint, als der Lkw auf den Hof kam“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:46 11.08.2021
Lisa-Maria Fischer (8 Jahre) aus Anzefahr hat Ralf Kalabis-Schick ein Bild gemalt, das für 1 250 Euro versteigert wurde – zugunsten der Flutopfer.
Lisa-Maria Fischer (8 Jahre) aus Anzefahr hat Ralf Kalabis-Schick ein Bild gemalt, das für 1 250 Euro versteigert wurde – zugunsten der Flutopfer. Quelle: Privatfoto
Anzeige
Marburg

Sie hat immer noch einen Kloß im Hals, wenn sie sich an den Moment zurückerinnert, der ihr eine große Last von der Seele genommen hat. „Ich habe geweint, als der erste Lkw auf den Hof gefahren kam“, erzählt Petra Heibges mit bebender Stimme. Denn mit dem Sattelschlepper kam die Rettung für ihre rund 80 Rinder. Der Lkw war randvoll beladen mit Heu und Stroh aus Hessen.

Petra Heibges’ Bauernhof in Salm in der Vulkaneifel war Opfer des Jahrhunderthochwassers geworden, das vor vier Wochen 170 Menschen im Westen das Leben gekostet hat. „Als die Flut kam, ging alles rasend schnell, plötzlich stand der Stall unter Wasser“, erzählt die Landwirtin im Telefongespräch mit der OP. Sie war gleich doppelt vom Schicksal getroffen. Denn ihr Mann lag nach einem Mähunfall im Krankenhaus, die 58-Jährige stand plötzlich allein da mit 80 Rindern und einer zerstörten Heuernte. „Ich war wirklich verzweifelt, weil ich nicht mehr wusste, was ich den Tieren füttern sollte“, so Petra Heibges.

Doch dann kam der Hilfskonvoi aus Marburg-Biedenkopf. Vor drei Wochen hatte der Mardorfer Lkw-Fahrer Ralf Kalabis-Schick eine Hilfsaktion ins Leben gerufen. Auf den Messeplatz Afföller waren an einem Freitagabend tausende Menschen aus ganz Hessen gekommen, um Sachspenden abzugeben, die rund 800 Helfer aufluden und dann mit 47 Lkws ins Katastrophengebiet gefahren wurden. Doch danach war nicht etwa Schluss. Ralf Kalabis-Schick, seine Schwester Michaela Kalabis und Sarah Hedoch arbeiteten weiter, telefonierten, organisierten rund um die Uhr. „Mittlerweile haben wir ein riesiges Netzwerk von Helfern, Spendern sowie Logistikern in Hessen sowie vor Ort in den einzelnen Krisengebieten. Wir vernetzen uns fast täglich weiter, um privat organisierte Hilfeleistung noch schneller und effektiver werden zu lassen – stets in intensiver Absprache mit dem wirklichen Bedarf der Menschen vor Ort“, erklärt Sarah Hedoch. Allein die ins Leben gerufene Facebookseite „Wir Hessen helfen“ hat mehr als 1 400 Mitglieder. Auch über den Radiosender HR3 kann das Team regelmäßig Hilfe koordinieren.

Unbürokratische, schnelle Unterstützung – das ist es, was das Team weiter vorantreiben will. „Insgesamt 190 Sattelschlepper haben wir bis jetzt ins Krisengebiet geschickt“, sagt Hedoch. Zahlreiche Unternehmen, Speditionen und Privatleute unterstützen die Initiative mit Sach- und Geldspenden.

Überall, wo sie hingefahren sind, seien die Lkw-Fahrer mit offenen Armen und großen Emotionen empfangen worden. Das kann einer von ihnen nur bestätigen. Sascha Haberzettl aus Cölbe war einer der Lkw-Fahrer, der Heu und Stroh zu Petra Heibges nach Salm geliefert hat. „Das war wirklich bewegend und ich war froh, dass ich der Petra helfen konnte“, sagt der 29-Jährige, der seither regelmäßig Kontakt zu der Landwirtin hat. Er will sie weiterhin unterstützen. Nicht als Lkw-Fahrer, sondern als Erntehelfer. Denn auch wenn Petra Heibges Mann seit Dienstag endlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, helfen kann der 63-Jährige aufgrund seiner schweren Beinverletzung auf dem Hof noch nicht. „Aber diese große Hilfsbereitschaft, die ich erfahren habe, gibt mir Hoffnung, ich glaube, jetzt wird alles gut“, betont Petra Heibges gerührt.

Das Engagement der Menschen aus Marburg-Biedenkopf jedenfalls ist ungebrochen. In dem von Ralf ins Leben gerufenen Moneypool sind mittlerweile mehr als 20 000 Euro Spenden eingegangen. 1 250 Euro kamen jetzt noch einmal hinzu:

Die achtjährige Lisa-Maria Fischer aus Anzefahr hatte ein Bild für Ralf gemalt, auf dem er mit seinem Lkw zu sehen ist. Die Versteigerung des Kunstwerkes erbrachte sagenhafte 1 250 Euro. „Einfach überragend“, findet das Ralf, der übrigens gerade Urlaub hat.

Dennoch saß er gestern wieder auf dem Bock. Zusammen mit anderen Truckern brachte er Getränke und Lebensmittel in die Flutgebiete. Er zeigte sich erschüttert über das Ausmaß der Zerstörung im Ahrtal. „Wer meint, die Katastrophe wäre vorbei, hat keine Ahnung. Die Menschen brauchen noch immer dringend Hilfe. Das wird noch Jahre dauern.“

Deshalb wollen er und seine Mitstreiter weitermachen. Damit sich die Flutopfer auf den Wiederaufbau konzentrieren können. Es ist also davon auszugehen, dass es nicht das letzte Mal war, dass ein Lkw aus Marburg-Biedenkopf im Hochwassergebiet eine Ladung Hoffnung abgeliefert hat.

Mehr Infos unter: www.hessenhelfen.de

Am Samstag, 21. August findet hinter dem Lager von Alkoni, Industriestraße 25 in Wehrda, von 10 bis 18 Uhr ein  Flohmarkt zugunsten der Flutopfer statt.

Am 4. September organisiert die Vereinsgemeinschaft in Wallau einen Sportaktionstag zugunsten der Flutopfer. Gegen eine Startgebühr von 5 Euro kann man unter anderem Ponyreiten, Bogenschießen, Walken und vieles mehr ausprobieren.

Von Nadine Weigel