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Marburg „Viral gehen“ mit Schiller und Beethoven
Marburg „Viral gehen“ mit Schiller und Beethoven
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14:00 23.11.2021
Beate Lambert hat „Zeit der Wende“ zu einem viralen Hit gemacht. Es war die dritte Version der Bearbeitung der „Ode an die Freude“.
Beate Lambert hat „Zeit der Wende“ zu einem viralen Hit gemacht. Es war die dritte Version der Bearbeitung der „Ode an die Freude“. Quelle: Carsten Beckmann
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Marburg

Die Idee: acht Jahre alt. Der Anlass: Edward Snowden wird in Berlin mit dem „Whistleblower“-Preis ausgezeichnet. „Blow The Whistle“ heißt der Song, den die Marburger Liedermacherin Beate Lambert seinerzeit als Auftragsarbeit schreibt. Quasi als B-Seite, zum Mitsingen für die Teilnehmenden an der Preisverleihung für Snowden, entsteht ein weiteres Lied: „Freiheit allen, die es wagen, mit dem Herzen klar zu sehn. Allen, die die Wahrheit sagen und dafür aufs Ganze gehn.“

In Abwandlung des klassischen Schiller-Textes aus der „Ode an die Freude“ wird 2013 also ein Lied geboren, das die Musikerin erst 2020 wieder aus der Schublade holen wird. „Ja, der Song aus der Snowden-Zeit verschwand in der Versenkung – und dann kam 2020, dann kam Corona“, erinnert sich Beate Lambert. In der ersten Zeit des ersten Lockdowns verabredeten sich Musikerinnen und Musiker, jeweils sonntags um 18 Uhr „Freude schöner Götterfunken“ anzustimmen und mit der „Ode an die Freude“ aus der pandemiebedingten Isolation heraus Signale der Hoffnung zu senden.

Neue Version

Nun hießen die ersten Zeilen des neu bearbeiteten Lambert-Textes auf einmal: „Dieses ist die Zeit der Wende, nun zählt Klarheit, Kraft und Mut.“ Die Songschreiberin war zu dieser Zeit nicht die Einzige, die in der Corona-Pandemie neben Gefahren auch Chancen sah – sie schrieb über das Virus: „Denn es konnte uns verbinden voll Humor und Freundlichkeit. Konnte endlich überwinden Rennen, Raffen, Gier und Neid.“ Sie habe im vergangenen Jahr zunächst die Empfindung gehabt, dass „eine Chance darin liegt, wenn wegen Corona alles runterfährt“. Heute, sagt Beate Lambert, würde sie das so nicht mehr singen.

Aber die Liedermacherin wäre nicht sie selbst, würde sie die Sache jetzt einfach zu den Akten legen. Also kramt sie den Text noch einmal hervor, streicht, was sie möglicherweise in die falsche Ecke von Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern rücken könnte, positioniert sich neu, schreibt „Zeit der Wende“. Nach wie vor mit Beethovens Musik, aber erneut mit einer überarbeiteten Textfassung. „Ja, und das kursiert jetzt im Netz und es freut mich, dass es die Menschen inspiriert“, erzählt die Künstlerin. Wer „Zeit der Wende“ in seine Internet-Suchmaschine eingibt, stößt zum Beispiel auf das Youtube-Video des Musikproduzenten Lajos Sitas, der den Text der Marburger Künstlerin bearbeitet hat.

Oder eine Reihe von Amateuraufnahmen, die so begeistert von den Liedzeilen waren, dass sie sich an ihr Heim-Keyboard setzten und den Song nachspielten. „Diese Dimension habe ich so noch nie erlebt“, sagt Beate Lambert, die zwar mit ihren Kinderliedern im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt ist, allerdings noch nie einen „viralen Hit“ landen konnte. Zwar gebe es auch Leute, die „Zeit der Wende“ textlich verschlimmbessern oder ihr den Song schlicht klauen. „Aber ich fühle mich trotzdem ein wenig geehrt“, sagt die Marburgerin: „Das ist jetzt mein Hit – meiner und der von Ludwig van Beethoven.“

Von Carsten Beckmann