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Marburg Nazi-Drohbrief erschüttert Flüchtlings-Familie
Marburg Nazi-Drohbrief erschüttert Flüchtlings-Familie
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17:58 27.12.2020
Ein Foto aus dem Sommer: Tarek Ramdanis Familie ist jetzt Opfer eines rechten Drohschreibens geworden. Quelle: Archivfoto (Björn Wisker)
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Marburg

Der „Dreck aus ihrer Wohnung muss weg“: Anna Radke, bei der die Flüchtlingsfamilie Tarek Ramdani, Fatima Abidi samt ihrer drei Kleinkinder lebt, hat kürzlich einen rechten Drohbrief bekommen. Die beiden in Algerien aufgewachsenen Erwachsenen seien „höchstkriminelle, aggressive Schmarotzer“, ihre drei in Marburg geborenen Kinder „gestört“. Sie alle würden nur „den deutschen Staat ausnehmen“, hätten in der Stadt „nichts zu suchen“.

Radke und Ramdani reagieren auf das Schreiben mit Bestürzung – ein Unterstützerkreis aus rund 70 prominenten Marburgern, darunter Wissenschaftler, Politiker, Verwaltungsmitarbeiter und Geistliche stellt sich indes mit einem offenen Brief an ihre Seite. „Menschen als ’Dreck’ zu bezeichnen ist eine zutiefst verletzende Form von Diskriminierung.

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Drohungen auch an die Marburger Tafel

Der oder die Schreiberin, die eine solche Bezeichnung für andere verwendet, schließt sich damit aus unserer Wertegemeinschaft aus. Das sind völlig inakzeptable Beschimpfungen“, heißt es in dem unter anderem von Sozialpsychologie-Professor Ulrich Wagner formulierten Schreiben. Einem, das mit Landrätin Kirsten Fründt (SPD) und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) auch zwei einflußreiche Behörden-Chefs unterzeichnet haben.

Flüchtlingshelferin Dr. Anna Radke – rechtes Drohschreiben im Briefkasten Quelle: Thorsten Richter

Der Verfasser des Hetz-Briefes versuche den Eindruck zu erwecken, er oder sie spräche im Namen der meisten Menschen. „Das ist falsch und eine grenzenlose Selbstüberschätzung.“ Mit dieser Form der „Menschenabwertung“ sei man in der absoluten Minderheit.

Der Drohbrief ist nicht der einzige, der zuletzt kursiert. Auch die Marburger Tafel hat jüngst Nazi-Post und rechte Tonaufnahmen bekommen. Ein Flugblatt mit der Aufschrift „Kein Essen für Neger und Juden – es lebe der Führer“ stammt von einem Absender „Schwarze Rose“.

Für Pascal Barthel, Tafel-Geschäftsführer, ein wiederkehrendes Phänomen: „So etwas kommt häufiger vor. Mal telefonisch, mal per Brief – oft geht es im Kern um die Frage, wieso Ausländer etwas bekommen und Deutsche angeblich nicht.“ Volksverhetzung? Der Staatsschutz ermittelt jedenfalls sowohl in den Tafel-Fällen als auch bei Radke.

Der in Radkes Briefkasten geworfene Zettel kommt im Nachgang eines eingestellten Verleumdungs-Gerichtsverfahrens gegen Ramdani. Zuletzt wurde nach internen Recherchen des Hessischen Datenschutzbeauftragten bekannt, dass es bei der Polizei Identitätsverwechslungen bezogen auf den Familienvater gab (OP berichtete).

Der Schmarotzer-Vorwurf ist indes kurios: Ramdani versucht seit Jahren eine Arbeitsstelle zu bekommen – eine Zusage eines Handwerkbetriebs hat er seit Jahren. Die Erlaubnis zu arbeiten verwehrt ihm der deutsche Staat. Auch, dass die Kinder „gestört“ seien, ist abseits der Beleidigung nicht haltbar: Während Mirel und Maria laut Medizinern vermutlich unter dem Zwangsabschiebungs-Trauma leiden, rührt die Hörschädigung des jüngsten Sohns Gabriel nicht nur nach Meinung der Eltern vom Stress der Mutter, ihrem nervlichen Zusammenbruch während der Abschiebung 2019. Asyl, Duldung, Abschiebung: Seit Monaten herrscht nicht zuletzt wegen laufender Petitionen für ein Bleiberecht Stillstand in dem Fall. Während das Regierungspräsidium Gießen weiterhin eine zügige Abschiebung der Familie anstrebt, kämpfen Unterstützer wie Dr. Kurt Bunke aus Cölbe für die Zukunft speziell der drei in Marburg geborenen Kinder.

„Es tut gut zu wissen,dass man nicht alleine ist“

Abgesehen von den Problemen, die Ramdani und Abidi bei einer Rückkehr nach Algerien drohen, haben die Kinder keinen Bezug zu Land, Leuten, Kultur und Sprache. Etwas, das auch die Landtagsabgeordneten Jan Schalauske (Linke) und Dirk Bamberger (CDU) so sehen.

Tarek Ramdani mit algerischen Unterlagen, die seine Strafverfolgungs-Befürchtungen im Geburtsland bestätigen sollen Quelle: Björn Wisker

„In dieser Zeit der Verunsicherung tut es gut, zu wissen, dass man nicht alleine ist“, sagt Radke anlässlich des offenen Briefs in Richtung des weiter wachsenden Unterstützerkreises. Weiter ruhen ihre Hoffnungen auf einer laufende Petition beim Hessischen Landtag und vor allem der Möglichkeit, dass es im Asylverfahren – wegen neuer Beweise der persönlichen Bedrohungslage der Familie in Algerien – einen zweiten Anlauf geben kann.

Von Björn Wisker

27.12.2020
27.12.2020