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Marburg Inklusion muss nicht kompliziert sein
Marburg Inklusion muss nicht kompliziert sein
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00:17 24.04.2019
Der schmale Fahrstreifen auf der gepflasterten Weidenhäuser Straße soll eine ruckelfreie Durchfahrt ermöglichen – der Rollstuhl von Naxina Wienstroer passt jedoch nicht darauf. Bei einem Spaziergang durch die Stadt berichtet sie auch von weiteren Hürden für die Barrierefreiheit. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Es rumpelt und klappert, als die Räder des Rollstuhls auf das alte Kopfsteinpflaster­ von Weidenhausen treffen. Ein monotones Rattern begleitet die holprige Fahrt von Naxina Wienstroer. Die Rollstuhlfahrerin spürt jede Unebenheit, jede Lücke zwischen den Steinen und wird ebenso wie ihr Gefährt durchgerüttelt.

Dabei durchzieht die Weidenhäuser Straße ein extra flach angelegter Fahrstreifen, doch der scheint eher für Fahrradfahrer gedacht. Ein Rollstuhl oder auch ein größerer Kinderwagen passt nicht wirklich darauf. „Das finde ich so unnötig und nicht wirklich durchdacht, es fehlen nur ein paar Zentimeter“, sagt die Diplom-Pädagogin.

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Sie ist psychosoziale Beraterin beim „fib“, dem Verein zur Förderung der Inklusion behinderter Menschen, zudem Vorsitzende des Landesbehindertenbeirats und befasst sich seit Jahren mit der Marburger Barrierefreiheit. Und bei der gebe es durchaus Fortschritte, aber auch noch Lücken, nicht nur im Kopfsteinpflaster.

"Wir müssen uns mit Hürden herumschlagen"

An vielen Ecken Marburgs sei ein bequemes Durchkommen mit dem Rollstuhl ­eine Herausforderung. Weidenhausen sei nur ein Beispiel von vielen Barrieren des Alltags, mit häufig unbedachten bis unnötig komplizierten Konzepten. „Wir müssen uns mit Hürden herumschlagen, die gar nicht sein müssten. Uns wird vermittelt, dass wir nicht dazugehören“, sagt sie.

Am Marburger Hauptbahnhof werden weitere Lücken für behinderte Reisende, speziell Rollstuhlfahrer, deutlich. Der Weg in die Bahnhofshalle durch den behindertengerechten Eingang gestaltet sich noch unproblematisch. Bei unserer Ankunft hängt Kaffeeduft in der Luft, viele Reisende stehen beim Bäcker an. Einige genehmigen sich eine Pause an den Tischen nebenan. Die sind doppelt so hoch wie ein üblicher Tisch in einem Café.

Die Leute sitzen auf Hochstühlen, die an Barhocker erinnern. Für Naxina Wienstroer wäre es unmöglich, auf Augenhöhe an einem Gespräch teilzunehmen. In ihrem Rollstuhl würde sie nicht einmal über die Tischkante schauen können. „Auch das ist für mich eine Hürde und ein Zeichen mangelnder Inklusion“, sagt sie.

Es geht weiter in Richtung der Aufzüge, ohne die sie die Gleise nicht erreichen könnte. Häufig sei jedoch ein Aufzug defekt, die Reparatur lasse dann auf sich warten, kritisiert sie. Doch auch wenn der Transport per Lift funktioniert – sie müsse sich vor Reisen stets bei der Bahn anmelden. Einerseits um sicherzustellen, dass die Rampe für den Zug, die nur das Bahnpersonal bedienen darf, auch verfügbar ist.

Aktionstag

Am 3. Mai organisiert der „fib“ gemeinsam mit verschiedenen Organisationen aus der Behindertenhilfe einen Aktionstag von dem Erwin-Piscator-Haus. Zwischen 10 und 15 Uhr finden diverse Mitmachaktionen, gegenseitiger Austausch, ein Kinder- und ein Bühnenprogramm statt.

Andererseits um sich einen der wenigen Plätze für Rollstuhlfahrer zu sichern. Eine flexiblere Bestuhlung könne da leicht Abhilfe schaffen, in Bussen wie in Zügen. „Aber immer muss man bitten, nachfragen, ist immer auf andere angewiesen“, ärgert sie sich. Fällt dann noch ein Zug aus, sei die gesamte Reise in Gefahr.

Dabei würde sie gerne häufiger andere Städte und Länder besuchen, zu Kulturveranstaltungen und ins Museum gehen. Auch wenn sie dort – wie so oft – durch den Hintereingang müsse, oft der einzige Rolli-gerechte Zugang zu Gebäuden. „Warum ist das so? Ich möchte genauso wie alle anderen Menschen durch den Vordereingang.“ Mancherorts sei das mittlerweile möglich, etwa am neu gestalteten Kunstmuseum, „das ist jetzt sehr gut nutzbar“, lobt sie. Ähnlich wie in Italien.

Das Land sei beim Thema Barrierefreiheit anderen Staaten voraus. Und das funktioniere mit einfachsten Mitteln, etwa mit mobilen, ausklappbaren Rampen, die in jeder italienischen Kirche zur Verfügung stünden. „Dort kann man mit dem Rolli bis zum Altar gelangen, es geht auch ohne viel Aufwand, aber in Deutschland ist alles viel komplizierter“, sagt Naxina Wienstroer.

Ausschlaggebend ist ein Umdenkprozess

Sie würde sich bei vielen Bereichen ein vorausschauenderes Denken wünschen, etwa bei der Realisierung von barrierefreien Bauvorhaben. Man könne auch mit kleinen Mitteln viel erreichen, auch was die Einstellung innerhalb einer Gesellschaft angeht. „Es geht nicht ums Geld, sondern um die Haltung“, sagt sie. Das beginne beim Mitdenken im Alltag, ob bei Neubauten, der Einbeziehung einer mobilen Rampe oder auch nur beim Parken auf Behindertenparkplätzen.

Ausschlaggebend sei ein Umdenkprozess innerhalb der Gesellschaft, der Teilhabe und Gleichstellung als Teil des Alltags begreife, nicht als etwas Kompliziertes, Unnormales. „Inklusion wirkt oft wie etwas Luxuriöses, aber das hat nichts mit Luxus zu tun. Inklusion ist ein Menschenrecht, das jedem Bürger zusteht.“

Dafür setzt sich ein breites Bündnis zur Förderung von Teilhabe ein, unabhängig von Behinderung, sozialem Hintergrund oder Herkunft. Im Rahmen des europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung am 5. Mai finden ab Ende April bundesweit Aktionen statt. Das unter dem Motto „#MissionInklusion – die Zukunft beginnt mit dir“. Auch in Marburg gibt es dazu eine Aktion vom Netzwerk „Inklusion ­bewegt“ (siehe Kasten).

von Ina Tannert